Hamburg

So sind die Freiluft-Konzerte in Planten un Blomen

Rainald Grebe am Sonntag auf der Freilichtbühne in Planten un Blomen

Rainald Grebe am Sonntag auf der Freilichtbühne in Planten un Blomen

Foto: Michael Rauh / Michael Rauhe

Rainald Grebe spielte im Musikpavillon unter Corona-Bedingungen. Bis zu 400 Gäste haben bei "Draußen im Grünen" Platz.

Hamburg.  Es kommt nicht oft vor, dass man bei einem Open-Air-Konzert nach der Ankunft zuerst prüft, wann Kastanien ihre Früchte fallen lassen: August bis Oktober. Okay. Also geht der Blick bei Rainald Grebes Auftritt am Sonntag im Musikpavillon in Planten un Blomen durchaus auch mal nach oben, wenn der ausgewählte Platz im Schatten der großen Kastanie liegt. Schwerkraft, der alte Feind. Aber es ist schön hier „Draußen im Grünen“, wie die jetzt gestartete Konzertreihe in Planten un Blomen heißt. Die Agenturen OHA! Music und popup booking nutzten die Chance in der Krise, um die „Muschel“ oder das „UFO“, wie der retro-futuristische Pavillon auch genannt wird, bis Anfang Oktober zu bespielen.

Zwar wird der Pavillon seit vielen Jahren für Veranstaltungen wie die traditionsreichen Jazz Open genutzt, trotzdem ist das Areal zwischen CCH, Rosengarten und Parksee für viele Hamburger Konzert-Neuland, auch durch die Umbauten für „Draußen im Grünen“: Bühne und Sitzplatz-Bereich sind mit Zäunen und Eingangsschleusen abgesperrt, es gibt zwei Getränkestände und die bereits von Stadtpark oder Lattenplatz bekannten Hygieneregeln: Es herrscht Maskenpflicht auf den Weg zu den wahrscheinlich von der IGA 1973 stammenden Stühlen und zu den Bars, für einen WC-Gang muss man ein Stück durch den dunklen Park marschieren (mit 50 Cent in der Tasche), die Abgabe von Kontaktdaten ist obligatorisch. 400 Gäste haben Platz in den in mehrere Blöcke aufgeteilten Reihen mit maximal zehn Stühlen. Eine Ansage weist vor Konzertbeginn noch einmal auf die Regeln und das „geltende Tanzverbot“ hin.

Der Vorverkauf für viele Konzerte in Hamburg verläuft schleppend

Allerdings ist bei Reinald Grebe, dem seit Mitte der 90er populären Musik-Kabarettisten aus Berlin nicht mit Tanzlustbarkeiten zu rechnen, anders als bei Johannes Oerding, Faber oder Selig im Stadtpark. Dabei wäre Platz genug unter der Kastanie, 230 Karten wurden im Vorverkauf abgesetzt. Vor Corona hätten ein Grebe und viele andere Künstlerinnen, Sänger und Bands locker das Zehnfache abgesetzt. Aber die Musikinteressierten halten derzeit ihr Geld zusammen, Abstand zu ihren Mitmenschen oder haben schlicht keine Lust auf Livemusik unter Pandemiebedingungen. Dazu kommt in Hamburg auch noch das Wetter, Freiluft-Konzerte erfordern schon jetzt einen dicken Pulli unter der Windjacke, es wird früh dunkel und kühl und bei aller Idylle nicht gerade hyggelig, wenn man wie bei Grebe inklusive Pause zwei Stunden draußen im Grünen sitzt.

Aber das Gestühl ist bequemer als es aussieht, nur Grebe hat es noch gemütlicher, als er an seinem Klavier auf einem Bürostuhl Platz nimmt, dieses Mal unbegleitet von seiner Kapelle der Versöhnung: „Applaus, Applaus“, fordert Grebe, „mehr, ich habe das sechs Monate lang vermisst. Applaus ist das Brot des Künstlers. Brot ist das Brot des Künstlers.“

Finanzkrise, Erderwärmung, Corona: Da hilft nur „Urlaub in Deutschland“

Applaus gibt es reichlich für Grebes Beiträge, die in diese Zeiten passen, auch wenn die Lieder schon älter sind. Nach „Arbeitslos in Grönland“ spielt er „Urlaub in Deutschland“: „Finanzkrise, Finanzkrise, Finanzkrise. Erderwärmung, Erderwärmung, Erderwärmung. Terrorismus, Terrorismus, Terrorismus. Corona, Corona, Corona. Da vergeht der Spaß, was soll man da machen?“, fragt er, und die Antwort kennt das Publikum aus eigener Erfahrung: „Urlaub in Deutschland, Urlaub in der Region, sechs Wochen Oderbruch – Ich freu mich schon.“ Mit Regionen hat es der Grebe ja, der gern Lieder über alle Bundesländer schreibt und in Planten un Blomen „Sachsen-Anhalt“ und „Thüringen“ und das „Landleben“ mit launigen Zeilen bedenkt. Und Hannover. Goethe war hier, Goethe war da, „die Versorgung mit Kultur scheint gesichert zu sein.“

Grebe hat nach wie vor einen guten, ironischen Blick auf die Provinzen, auf den Adel, auf 30-jährige Pärchen und auch auf sich selber. In seiner Jugend in Frechen bei Köln war er noch „Captain Krümel“ und kein „Billionär“, die Genussmittel beschränkt auf „Schwarzer Krauser“-Tabak, auf „Schampus von Aldi und die Schuhe von Görtz, du starrst auf dein Spaghettieis im Venezia“. Das kennt jeder, der in Frechen oder in Bargteheide (auch da gab es ein Venezia) aufwuchs. Wobei es in den Großstädten mit Angeboten für Jugendliche derzeit kaum besser aussieht. Immerhin gibt es dort aber wieder Konzerte, im Fall von Rainald Grebe eins für die Generation, die mit knackenden Knien und minus zehn Dioptrien alles verschwommen sieht „wie bei Matisse und Monet“. Ein lustiger Abend.

Die nächsten Termine bei „Draussen im Grünen“: Michael Schulte (5.9.), Nneka (6.9.), Lisa Morgenstern (9.9.). Neu im Vorverkauf: Kaiser Quartett (24.9.), Fil Bo Riva (2.10.), The Hirsch Effekt (3.10.), Anna Depenbusch (4.10.). Karten im Vorverkauf und die Programmübersicht gibt es unter www.draussenimgruenen.de