Das Berufsleben testen

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Holmer Stahncke

Wie Hamburger Schüler auf die Arbeitswelt vorbereitet werden.

Die alte Schulweisheit, dass Schüler nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen, gewinnt eine immer größere Bedeutung - nicht nur, weil Berufsorientierung an den Schulen inzwischen eine feste Größe ist, sondern weil die Lehrer ihre Schüler immer häufiger gezielt auf die Arbeitswelt vorbereiten. "Der Ernstfall ist ja nicht die Schule", sagt Ulrich Burbass, Abteilungsleiter an der Gesamtschule Am Heidberg. "Der Ernstfall tritt dann ein, wenn die Schüler sich um einen Ausbildungsplatz bewerben und einen Einstellungstest bestehen müssen." Was sie dort erwartet, erfahren die Hauptschüler seiner Schule zum Beispiel bei einem Besuch der Lufthansa-Technik. Dort müssen sie in einem Text ihre Mathematik- und Rechtschreibkenntnisse unter Beweis stellen. Anschließend wird ihnen in einem Einzelgespräch mitgeteilt, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und für welche Ausbildung sie in Frage kommen würden. Viele Gymnasien bieten für ihre Schüler einen ähnlichen Service an. In einem fünftägigen Zielorientierungsseminar werden ihre Kompetenzen ausgelotet. Welche Hürden auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz überwunden werden müssen, lernen die Elftklässler der Gelehrtenschule des Johanneums beispielsweise bei der Barmer Ersatzkasse. "Den Test für angehende Auszubildende fanden sie interessant, weil der zum Teil wohl recht witzig war", sagt Walter Böttger, Koordinator für Berufsorientierung am Johanneum. Anders war ihre Reaktion beim verkürzten Assessment-Center, das sie durchlaufen mussten. "Da mussten sie in Gruppen Präsentationen erarbeiten, und das hat ihnen nicht zugesagt." Ein Assessment-Center, in denen große Unternehmen ihre Bewerber in einem mehrtägigen Verfahren prüfen, werden Schüler kennen lernen, wenn sie sich später um eine Anstellung bemühen. "Die Schüler werden bei einer solchen Veranstaltung nachdenklich", sagt Böttger. "Sie merken auf einmal, dass die Berufswahl näher steht, als sie bis dahin dachten." Die viel zitierten Soft-Skills, zu denen auch die Präsentation gehört, gewinnen in der Berufswelt immer mehr an Bedeutung. Grund genug für Uwe Ahlefeldt, Oberstufenkoordinator am Johanneum, ein Rhetorikseminar für die Schüler der elften Klassen anzubieten. Ein externer Referent, der von den Eltern bezahlt werden muss (je 20 Euro pro Schüler), führt die Schüler nicht nur in die Techniken der Präsentation ein. Sie müssen auch selbst eine Präsentation zu einem Thema vorbereiten und durchführen. Die Schüler des Johanneums können mit dem Programm PowerPoint umgehen, so dass die Rahmenbedinungen der Präsentation praxisnah sind. Professionell im wahren Sinn des Wortes sind die Schüler, mit denen Uwe Debacher, Lehrer am Gymnasium Lohbrügge, arbeitet. Sie haben die Computer-Beratungsfirma Netthelp gegründet, wofür sie auch von der Handelskammer Hamburg mit dem "Schul-Oscar" ausgezeichnet wurden. Hier beschäftigen sie sich nicht nur mit dem Thema Computer, sondern lernen auch, wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen funktioniert. "Anders als in anderen Schülerfirmen simulieren wir nicht irgendwelche Geschäftsabläufe, sondern erwirtschaften Gewinne, die unter den Schülern aufgeteilt werden", sagt Debacher. "Jeder Schüler hat eine Lohnsteuerkarte und wird für seine Leistung bezahlt." Seine 14 Schüler helfen ihren Kunden beim Kauf und Einrichten von Computern, erteilen Unterricht für Eltern und andere Interessierte, erstellen Websites oder helfen, eine ISDN-Anlage zu installieren. "Wir haben auch eine Buchhaltung, eine Marketingabteilung, eine Auftragsvergabe und eine Abteilung Aus- und Fortbildung", erklärt Debacher. "Die Schüler lernen so in der Praxis, wie ein solches Unternehmen arbeitet." Beim Unterricht vor Anderen können sie umsetzen, was sie in der zehnten Klasse über Präsentation gelernt haben.