Selbstversuch

Nur ein teures Spielzeug? So tickt die Apple Watch

Abendblatt Redakteur Oliver Schirg mit seiner neuen Apple Watch

Abendblatt Redakteur Oliver Schirg mit seiner neuen Apple Watch

Foto: Michael Rauhe

Überflieger – oder überflüssig? Der Computer fürs Handgelenk spaltet die (Technik-)Geister. Erfahrungsbericht eines Abendblatt-Autors.

Hamburg.  In unserem Informationszeitalter den ganzen Tag ein Gerät am Armgelenk zu tragen, das lediglich die Uhrzeit anzeigt, halte ich für Platzverschwendung. Insofern betrachte ich die Apple Watch auch nicht als Zeitmesser, sondern als ein Gerät, dass lediglich dem Namen nach eine Uhr ist und auf dem man auch die Zeit ablesen kann. Die Betonung liegt auf dem Wort „auch“.

Da ich die Uhr selbst bezahlt habe und auch anderweitig nicht durch das Unternehmen aus Cupertino dazu animiert wurde, einen positiven Erfahrungsbericht zu beschreiben, habe ich mich dem Gerät in jeder Hinsicht unbefangen nähern können. Gleichwohl gehört zur ganzen Wahrheit dazu, dass ich seit vielen Jahren ein zufriedener Nutzer von Computern und Smartphones aus dem Hause Apple bin.

Nun denn, seit gut zwei Wochen also trage ich das Gerät täglich, und es gibt Licht- und Schattenseiten. Zu den Fragwürdigkeiten gehört sicher Apples Verbeugung vor der DDR-Misswirtschaft. CEO Tim Cook hatte die Apple Watch im September vergangenen Jahres angekündigt, ich schenkte sie mir zu Weihnachten 2014. Zu bestellen war das Gerät im April; geliefert bekam ich es Anfang Juni. Inzwischen erfolgt der Versand allerdings innerhalb von ein bis zwei Wochen nach einer Bestellung über das Internet.

Entschieden habe ich mich für die 42-Millimeter-Sportversion im Aluminiumgehäuse mit Sportarmband, also für eines der günstigeren Modelle. Über die Preisgestaltung lohnt Streit aus meiner Sicht kaum. Letztlich regelt das der Markt. Offizielle Verkaufszahlen gibt es bislang nicht: Experten schätzen, dass im ersten Jahr zwischen 15 und 36 Millionen Exemplare verkauft werden könnten. Einer mit Vorsicht zu genießenden Umfrage zufolge schwanken derzeit die täglichen Bestellzahlen zwischen 30.000 und 40.000 Stück.

Doch nun zu meinen Erkenntnissen aus den gut zwei Wochen Nutzung:

Nur mit iPhone zu nutzen

Eine der größten Schwächen der Apple Watch ist ihre Symbiose mit dem iPhone. Dass dieses nicht älter als zweieinhalb Jahre sein darf, setzt dem Ganzen die Krone auf. Ohne dieses Smartphone und die darauf installierte spezielle Applikation ist die Inbetrieb- nahme der Apple Watch nicht möglich. Zudem benötigt man ein Art Konto bei dem Unternehmen. Das erhält man zwar kostenlos, hinterlässt aber im Universum des US-amerikanischen Unternehmens eine digitale Spur.

Design und Tragekomfort

Die Apple Watch ist weitaus weniger auffällig und weniger klobig als befürchtet. Selbst die größere Version verschwindet locker unter einem Pullover- oder Hemdärmel und trägt nicht zu viel auf. Die 70 Gramm Gewicht spürt sein Träger kaum. Das gebürstete Aluminium wirkt nicht billig, das Sportarmband liegt angenehm auf der Haut, selbst wenn man beim Sport gehörig schwitzt.

Bedienung

Der berührungsempfindliche Bildschirm reagiert ohne Verzögerung auf die Eingaben per Fingertippen. Drückt man etwas kräftiger auf das Display, lassen sich beispielsweise unterschiedliche Uhrenlayouts anzeigen und einstellen. Mithilfe der „Digital Crown“ kann man die App-Symbole vergrößern oder durch den Kalender scrollen. Die Drucktaste am Rand der Gehäuse ist ein guter Weg, direkt eine Übersicht der zwölf wichtigsten Kontakte aufzurufen.

Letztlich muss jeder durch Probieren den „Workflow“ finden, der ihm am genehmsten ist und am besten zu seinen Gewohnheiten passt. Ich navigiere beispielsweise fast immer über das Display, weil mir die Krone zu unhandlich ist. Sinnvoll ist die Möglichkeit, das Layout dahingehend anzupassen, ob der Träger die Apple Watch am linken oder am rechten Arm trägt. Dreht man am rechten Arm die Uhr um, kann man dann problemlos die Krone auf der linken­ Seite der Fassung nutzen.

Stromversorgung

Was wurde nicht alles im Vorfeld über die zu knapp bemessene Batterieleistung geschrieben. Ich habe mich davon beeinflussen lassen und bereits bei der Bestellung in vorauseilendem Gehorsam zusätzlich ein zweites Ladegerät angeschafft. Das liegt jetzt mehr oder weniger nutzlos in der Schreibtischschublade. Bei einer Alltagsanwendung reicht die Batterie problemlos 24 Stunden. Selbst eine sechsstündige Wanderung mit ununterbrochenem Bewegungstracking führte lediglich dazu, dass die Batterie am späteren Abend ein wenig mehr als sonst entladen war.

Für den Notfall gibt es die sogenannte Gangreserve, die bei zu geringem Batteriestand automatisch eingeschaltet wird. Die Uhr zeigt dann lediglich für sechs Sekunden die Zeit an, wenn man auf die Seitentaste drückt. Allerdings ist die Kommunikation mit dem Smartphone eingestellt, wodurch die meisten Apps nicht genutzt werden können. Die Apple Watch ist dann wirklich nur noch ein Uhr.

Alltag

Wie gesagt, die Apple Watch ist ein kleiner Computer. Jeder muss für sich herausfinden, welche Features ihm wichtig sind und wofür er das Gerät nutzen will. Mir hilft es in erster Linie, den Überblick über meine unterschiedlichen „Informationsstränge“ zu behalten, ohne dass ich ständig mein Smartphone nutzen und verschiedene Applikationen öffnen muss. Wer mehr will, wird weniger Freude an dem Gerät haben. Wer weniger will, benötigt es wohl nicht.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich jetzt deutlich seltener mein Smartphone zur Hand nehme. Kurze Informationen wie WhatsApp-Nachrichten oder SMS lese ich inzwischen fast ausschließlich auf der Apple Watch. Muss ich längere Antworten formulieren, nutze ich das Smartphone oder den Computer. Bei Mails läuft meine „Vorauswahl“ zum großen Teil über das Gerät an meinem Arm. Deren Bedeutung kann ich zumeist bereits nach dem Lesen der Betreffzeile einschätzen – also ob ich unmittelbar antworten muss oder mir Zeit lassen kann. Allerdings hatte ich anfangs die Apple Watch so eingestellt, dass mir jede neue Mail über das leichte Vibrieren am Arm signalisiert wurde. Das habe ich wieder geändert, weil die wirklich wichtigen Infos wie etwa Kalendererinnerungen dadurch untergingen.

Vibration

Mein Arm ist inzwischen für das leichte Vibrieren der Uhr, das eher an ein Streicheln erinnert, sensibilisiert. Das dauerte ein paar Tage. Sowohl an der Uhr als auch an meinem Smartphone habe ich alle Töne ausgeschaltet. Alle Kurznachrichten, Kalendererinnerungen und Anrufe werden mir durch ein lautloses Vibrieren gemeldet. Telefonieren wäre über die Uhr möglich, ist aber in der Regel nicht sinnvoll. Niemand mag es, dass Umstehende das Gespräch mitbekommen. Auch Umstehende nicht. Allerdings reicht der kleine Lautsprecher in der Apple Watch zum Abhören der Mailbox aus.

Texte kann man auf dem kleinen Bildschirm nicht schreiben. Das wäre auch nicht komfortabel. Dafür besteht die Möglichkeit, auf eine Nachricht oder einen Anruf hin mit einem Smiley oder vorformulierten Texten wie „Bin gerade in einer Sitzung“ oder „Melde mich später“ zu antworten. Auch für das Lesen längerer Texte nutze ich das Gerät nicht. Allerdings habe ich mich an die „Breaking News“ von der „FAZ“, der „Zeit“ oder der BBC gewöhnt. Spielergebnisse meines Lieblingsfußballvereins bekomme ich natürlich ebenfalls sofort auf den Arm.

Sport und Fitness

Die Aufzeichnung von Trainingsdaten ist sicher eine Paradedisziplin der Apple Watch. Der sogenannte Aktivitätstracker „beobachtet“ einen den ganzen Tag, misst die einzelnen Bewegungsarten wie Gehen oder Rennen, rechnet den Kalorienverbrauch aus. Was für viele eine Spielerei sein mag, sensibilisiert für die eigene Bequemlichkeit. An einem Bürotag ist man immer wieder überrascht, wie oft einen das kleine Gerät am Arm durch ein sanftes Vibrieren daran erinnert, dass es Zeit sei, mal wieder aufzustehen.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob die Apple-Botschaft „Sitzen ist der neue Krebs“ nichts weiter ist als Marketingsprech. Aber zu regelmäßiger Bewegung angehalten zu werden gehört sicher nicht zu den schlechtesten Eigenschaften der Apple Watch. Zumal das Gerät Sportler als zuverlässiges Mess- und Aufzeichnungsgerät beim eigenen Training begleitet. Das mögen unnütze Informationen sein, mag der eine oder andere kritisieren. Der boomende Markt an Fitnesstra­ckern spricht eine andere Sprache.

Fazit

Natürlich gibt es – wie so oft in der Computerwelt – auch auf der Apple Watch unnütze Applikationen. Warum ich die Foto-App meines Smartphones über das Gerät am Handgelenk auslösen soll, ist mir schleierhaft. Auch zum Betrachten von Fotos nutze ich lieber mein Smartphone. Nicht zuletzt fehlen bislang Applikationen, die einen Minicomputer am Handgelenk unverzichtbar machen würden. Die Gesundheits-App scheint noch zu rudimentär, um als alltagstauglich zu gelten. Die Überwachung von Lebensfunktionen könnte im Gesundheitsbereich allerdings auf großes Interesse stoßen.

Es ist in den vergangenen Monaten viel darüber diskutiert worden, ob (mindestens) 399 Euro für einen kleinen Computer, der nicht mehr als eine Ergänzung zu einem Smartphone ist, nicht zu viel Geld ist. Ich habe ebenfalls länger darüber nachgedacht. Am Ende entschied mein Bauch. Schließlich hat ein kluger Mensch einmal gesagt: Eine Versuchung wird man am ehesten los, indem man ihr nachgibt.