Wertpapiere

Crash bei Bundesanleihen – Was Anleger jetzt wissen müssen

Der Handelssaal der Börse in Frankfurt. Hier werden täglich Wertpapiere in Millionenhöhe gehandelt

Der Handelssaal der Börse in Frankfurt. Hier werden täglich Wertpapiere in Millionenhöhe gehandelt

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Am Markt für europäische Staatspapiere zeigen sich heftige Turbulenzen. Während die Kurse purzeln, steigen zugleich die Renditen.

Frankfurt/Main.  Ein Crash am Anleihemarkt wirbelt die Finanzwelt durcheinander – und kann Auswirkungen auch für Privatanleger haben. Ende April ging es los: Die Kurse der Bundesanleihen kannten nur eine Richtung – nach unten. Aus den einst sicheren Häfen für Geldgeschäfte schienen über Nacht Zockerpapiere geworden zu sein.

In den vergangenen Handelstagen kam es mehrfach zu massiven Einbrüchen. Im Gegenzug verabschiedeten sich die Renditen schnell von ihrem Rekordtief. Zum Vergleich: Während der Zinssatz im freien Handel für zehnjährige Bundesanleihen Mitte April noch an der Nulllinie lag, stieg er zeitweise auf fast 0,8 Prozent und lag zuletzt bei 0,65 Prozent. Das Phänomen zeigt sich weltweit. In der Euro-Zone, in Asien und in den USA: Überall fallen die Kurse von Staatsanleihen, und im Gegenzug steigen die Renditen.

Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zu den aktuellen Turbulenzen.


Worin liegt die Ursache für die Talfahrt
von Bundesanleihen?

Experten tun sich schwer mit einer einzelnen Begründung, sprechen lieber von einem Bündel von Faktoren. Als sicher gilt, dass sich im Handel mit festverzinslichen Anleihen in den vergangenen Monaten eine „Blase“ gebildet hat – zuletzt mit Anzeichen einer Überhitzung. Zahlreiche europäische Staaten nutzten die vergleichsweise niedrigen Zinsen, um weitere Anleihen auf den Markt zu werfen und sich so zu relativ günstigen Konditionen mit neuen Mitteln zu versorgen. In dieser Lage reichten schon kleine Impulse, um eine heftige Gegenreaktion auszulösen.

Einige Experten sehen einen möglichen Auslöser für die Talfahrt der Bundesanleihen auch in Aussagen des US-Starinvestors Bill Gross, der sich an den Finanzmärkten einen Namen als Experte für Anleihen gemacht hatte. Sein Rat, auf fallende Bundesanleihen zu setzen, könnte demnach der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte.


Was kann weltweit einen Ausverkauf
von Staatsanleihen auslösen?

Hier spielt wohl die Entwicklung der Verbraucherpreise eine wichtige Rolle. In den vergangenen Monaten gab es die Sorge, dass die Preise auf breiter Front und über einen längeren Zeitraum sinken könnten. Das war eine wichtige Triebfeder für die Rekordjagd an den Anleihemärkten. Jetzt heißt es aber in einer Einschätzung der Investmentbank J.P.Morgan: „Die Inflationserwartungen steigen wieder.“ Vor allem die Ölpreise haben sich von ihrer Talfahrt erholt. Damit ist die Deflationsgefahr für viele Anleger vom Tisch, und sie sehen jetzt offenbar eine passende Gelegenheit für Gewinnmitnahmen am Anleihemarkt. Die Kurse der Bundesanleihen fallen, und im Gegenzug steigen die Renditen.


Ist das jetzt die Trendwende
am Anleihemarkt?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Anleiheexperte Bernd Feldhaus vom Vermögensverwalter inprimo invest sagt: „Die Nachfrage der Zentralbanken dürfte die Rentenmärkte bald wieder unterstützen.“ Seiner Einschätzung nach sind die jüngsten Kursverluste übertrieben. Ganz ähnlich lautet die Einschätzung von Experten der Vermögensverwaltung Amundi: Der Anleihemarkt könne keinen Crash erleiden, solange die Europäische Zentralbank (EZB) weiter Staatsanleihen kauft. Die EZB hatte angekündigt, bis September 2016 monatlich öffentliche Papiere im Volumen von 60 Milliarden Euro zu erwerben.


Wie sollen sich die Anleger
in der jetzigen Situation verhalten?

„Anleger sollten in der jetzigen Situation vor allem die Ruhe bewahren“, rät der Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse, Jochen Intelmann. Ein Verkauf von Bundesanleihen hält der Experte in der augenblicklichen Lage nicht für sinnvoll. Auch ein Einstieg ist aus seiner Sicht insbesondere für Privatanleger angesichts des noch immer niedrigen Zinsniveaus nicht ratsam. „Die Renditen sind zwar gestiegen, doch die Verzinsung ist noch immer so gering, dass sich mit einem solchen Investment nicht einmal die Inflation ausgleichen lässt“, sagt Intelmann.

Muss Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wieder mehr Kosten für die Staatsverschuldung einplanen?

Nein, so schnell geht das nicht. Es wäre auf jeden Fall ein weiter Weg, bis ein Anstieg der Renditen nennenswerte Auswirkungen für die weitere Entwicklung des Bundeshaushalts hätte. Für die Etatplaner beim Bund dürfte es erst dann wieder ernst werden, wenn bei den Renditen für Zehn-Jahres-Papiere eine zwei oder drei vor dem Komma steht. Das kann dauern. Im Finanzministerium gibt man sich entspannt. Der Bund verfolge eine langfristig angelegte Strategie, für 2015 ergebe sich aus der aktuellen Situation kein Änderungsbedarf, heißt es auf Anfrage.


Und wie sieht es bei den Anbietern
von Lebensversicherungen aus?

Hier sieht es ganz ähnlich aus wie mit dem Bundeshaushalt. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. In den Vorstandsetagen der Versicherungskonzerne wird die aktuelle Entwicklung am Rentenmarkt sicher ganz genau verfolgt. Aber auch hier gilt: Es ist noch ein weiter Weg, bis die Zinssätze der Bundesanleihen so stark gestiegen sind, dass die Branche aufatmen kann. Derzeit leiden Versicherer darunter, dass sie vor Jahren Produkte mit hohen Garantiezinsen verkauft haben, mit denen sie aufgrund der aktuell niedrigen Marktzinsen Verluste einfahren.