Handel

„Wie macht man bei Otto Karriere, Frau Josch?“

Vom Praktikanten zum Top-Manager – davon träumen auch in der Handelsbranche viele Berufseinsteiger. Aber welche Eigenschaften sind dafür nötig? Otto-Personaldirektorin Sabine Josch verrät es im Interview.

Mehr als 32.000 Unternehmen, über 125.000 Beschäftigte: Hamburg ist nach Berlin der größte Handelsplatz Deutschlands. Enorm ist die Bandbreite der Branche. Sie reicht vom Buchhändler um die Ecke bis hin zum global agierenden Konzern mit Hauptsitz in Hamburg. Natürlich werden die meisten Hamburger dabei sofort an einen bestimmten Gebäudekomplex in Bramfeld denken. Vier rote Buchstaben prangen auf dem obersten Stockwerk: Otto. Der 1949 vom Hamburger Kaufmann Werner Otto gegründete Versandhandel entwickelte sich binnen 65 Jahren zur größten Versandhandelsgruppe der Welt. Mit 20 Standorten in Europa, Amerika und Asien sowie 55.000 Mitarbeitern gehört der Konzern zu den expansivsten und innovativsten Unternehmen der Branche. Er bietet Multi-Channel- Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und den Bereich Service, der die Logistik- und Reisedienstleister des Unternehmens umfasst. Das alles macht die Otto Group zu einem attraktiven Arbeitgeber. Aber wie gelangt man dort eigentlich bis in die obersten Führungsetagen? Sabine Josch, Personaldirektorin des Konzerns erklärt es im Interview.

Noch immer antworten viele Menschen auf die Frage, was nötig sei, um Karriere zu machen, mit dem Wort „Ellenbogen“. Ein Vorurteil oder eine korrekte Aussage?
Sabine Josch: Meiner Meinung nach ist das zum Glück ein aussterbendes Karrieremodell. Wer heute Erfolg haben will, braucht andere Eigenschaften. Man muss Menschen überzeugen und mit ganzer Leidenschaft für einen Weg gewinnen. Vernetztes Denken und Arbeiten, agiles Projektmanagement, Kommunizieren und Interagieren in sozialen Netzwerken – das sind heute neben Fachkenntnissen, Veränderungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen die zentralen Erfolgsfaktoren für Unternehmen, für erfolgreiche Führungskräfte aber auch für jeden einzelnen Mitarbeiter.

Wie würden Sie den Führungsstil beschreiben, der in Ihrem Unternehmen gepflegt wird?
Josch: Unser Geschäftsmodell ist sehr innovations- und technikorientiert, um es kontinuierlich den Marktgegebenheiten anzupassen. Dabei dürfen wir den Faktor „Mensch“ aber nicht aus den Augen verlieren. Unsere Führungskultur ist daher sehr menschen-, werte-und teamorientiert. Die Führungskräfte sollen die Kreativität ihrer Mitarbeiter unterstützen und sie dazu anregen, Verantwortung zu übernehmen.

Gibt es denn Kriterien, die schon bei einem Berufseinsteiger darauf schließen lassen, dass er später einmal eine leitende Position übernehmen könnte?
Josch: Es gibt sicherlich bestimmte Grundpotenziale, die im Menschen veranlagt sein müssen. Sie können frühzeitig erkannt werden. Die Konflikt- und Innovationsfähigkeit gehört dazu, ebenso die Leistungsbereitschaft und das Vermögen, andere Menschen begeistern zu können. Solche Grundpotenziale frühzeitig zu erkennen und zu entwickeln, ist einerseits Aufgabe der Führungskräfte. Sie fällt natürlich auch in unseren Bereich, das Human Resource Management.

Wie viel Talent, wie viel Erfahrung, wie viel erlerntes Wissen gehören dazu, sich als Führungskraft zu bewähren?
Josch: Talent ist in meinen Augen die wesentlichste Voraussetzung, erfolgreich Menschen zu führen. Dazu gehören eine ausgeprägte Kommunikations-, Konflikt- und Innovationsfähigkeit. Auch Lebenserfahrung und menschliche Reife sind wichtig. Die Führungserfahrung selbst ist zudem vor allem in höheren Positionen unerlässlich. Erlerntes Wissen ist meines Erachtens weniger relevant. Es ist heutzutage schnell veraltet und muss in den verschiedenen Führungskontexten regelmäßig neu gebildet beziehungsweise überprüft werden.

Was würden Sie einem talentierten und ehrgeizigen Berufseinsteiger raten, der den Wunsch hat, es in Ihrem Unternehmen ganz weit zu bringen?
Josch: Mein Rat ist es, konsequent sein Wissen zu erweitern. Dazu gehört auch, unbequeme Querschritte in andere Aufgabengebiete zu wagen, um ganzheitlich wirtschaftlich und in Geschäftszusammenhängen zu denken. Man sollte sich nicht nur in einem „Fachsilo“ bewegen.