Karriere

Zweifel an der Idee des Work-Life-Blending

Inhalt:

Im Zuge der Digitalisierung geistert ein neues Thema durch die Personalabteilungen. Stand "Work-Life-Balance" für ein ausgeglichenes Verhältnis von Beruf und Freizeit, betont "Work-Life-Blending" einen fließenden Übergang zwischen Job und Privatleben: Das Firmen-Handy und der Laptop dürfen auch zu Hause benutzt werden. Es gelten flexible Arbeitszeiten, es darf zu Hause gearbeitet werden. Die Grenzen von Privatleben und Beruf verschwimmen.

Als Legitimation muss die Generation Y herhalten. Die jungen Leute, die zwischen 1980 und 2000 geboren worden sind, erwarten angeblich diese Flexibilität von ihrem Arbeitgeber. Doch das, was als Flexibilisierung und Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit eine Mogelpackung, so die These von Autor Christian Scholz. Es profitieren allein die Unternehmen, wie Scholz in seinem Buch "Mogelpackung Work-Life-Blending" präzise an Beispielen aus der deutschen Wirtschaft nachweist. Es sind die großen Namen wie Daimler oder Telekom, mit denen der Autor hart ins Gericht geht. Die bittere Wahrheit ist: Die Digitalisierung produziert mehr Absteiger als Aufsteiger. Scholz ist mit diesem Buch eine unglaublich gut recherchierte, sehr hellsichtig und kritisch verfasste Analyse gelungen. Sie hat nichts mit Klassenkampf oder einem antiquierten Gerechtigkeitsbegriff zu tun. Vielmehr werden zwei Dinge deutlich: Nicht alles, was neu ist, ist auch besser. Und in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen werden sehr dünne Bretter gebohrt.

Präsentation:

Stilistisch ist das Buch eine furiose Polemik, sehr gut zu lesen und mit einer ordentlichen Portion Witz verfasst. Einen besonderen Hinweis verdienen die letzten 50 Seiten. Denn dort ergänzt Scholz seine beißende Kritik um ein konkretes, zukunftsfähiges Gegenkonzept mit dem Namen Arbeitswelt 4Z.

Praxiswert:

Die digitale Revolution ist das große Thema. Heerscharen von Beratern sind unterwegs. Gut durchdachte kritische Gegenstimmen gibt es kaum. Dabei wäre es einfach nur klug, widerstreitende Argumente zur Kenntnis zu nehmen. Interessant ist zum Beispiel, dass Google nach Versuchen mit Regelungen für ein Work-Life-Blending Abstand von diesem Konzept genommen hat. Denn wenn ein Unternehmen zahlengläubig ist, dann ist es Google. Mitarbeiterbefragungen zeigten viel Unzufriedenheit. Diese führt bei Wissensarbeitern zu einem deutlichen Leistungsabfall. Es zeugt dann wiederum von Managementkompetenz, solche Experimente sofort zu beenden. Dieses Buch ist wie ein zweites Standbein, um bei der Digitalisierung auf dem Boden der Vernunft zu bleiben.

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