Studium

Wenn die Regelstudienzeit nicht ausreicht

Vanessa Bittner hält nichts vom Studieren im Eilverfahren. Sie will vor allem Berufserfahrung sammeln

Vanessa Bittner hält nichts vom Studieren im Eilverfahren. Sie will vor allem Berufserfahrung sammeln

Foto: Aleksandra Bakmaz / dpa-tmn

Wer sein Studium nicht zügig schafft, muss nicht um die Karriere bangen, sondern die Verlängerung überzeugend begründen können

Von Kurs zu Kurs hetzen und dabei so viele Credit Points wie möglich sammeln – so hat sich Vanessa Bittner ihr Soziologiestudium an der Universität Konstanz nicht vorgestellt. Im Gegenteil: „Das Studium ist für mich eine Orientierungs- und Selbstfindungsphase“, erklärt die 23-Jährige. Ihren Bachelor hätte sie nach sechs Semestern in der Tasche haben können. Doch die Studentin hat lieber Zeit für Berufserfahrung und einen Auslandsaufenthalt eingeplant. „Außerdem habe ich neben Pflichtseminaren immer wieder Kurse gewählt, die mich persönlich interessiert haben“, sagt sie. Vanessa Bittner ist mittlerweile im achten Semester. „Der Blick über den Tellerrand hinaus ist mir wichtiger als ein Studium im Eilverfahren.“

Wer die übliche Semesterzahl überschreitet, hat meist gute Gründe

Laut Statistischem Bundesamt beträgt die durchschnittliche Studiendauer für den Bachelorabschluss bundesweit rund acht Semester. Besonders in den Geisteswissenschaften ist die Abweichung von der Regelstudienzeit keine Seltenheit. Außenstehende sprechen dann schnell von Faulenzern oder haben das Bild des ewigen Studenten vor Augen. Dies ist in Zeiten von Bachelor und Master kaum noch möglich. Und wer sein Studium nicht in der vorgesehenen Zeit, sondern zwei oder drei Semester später abschließt, hat in den meisten Fällen gute Gründe dafür. „Viele müssen sich mit einem Nebenjob finanziell über Wasser halten“, sagt Solvejg Rhinow, Leiterin der zentralen Studienberatung der Universität Leipzig. Aber auch Studienwechsel, Auslandsaufenthalte, Familiengründung oder Praktika können zu Verzögerungen führen. „Die wenigsten verbummeln die Zeit.“

Wie lange Studenten überziehen dürfen, hängt vom jeweiligen Bundesland ab. An manchen Universitäten fallen Gebühren an, wenn sie eine gewisse Semesterzahl überschreiten. Aber auch die erlaubte Länge eines Studiums, vor drohender Exmatrikulation, ist an den Hochschulen unterschiedlich geregelt. „An der Uni Leipzig dürfen Studenten die Regelstudienzeit um vier Semester überziehen“, erklärt Rhinow. Anschließend sollte die Abschlussprüfung absolviert werden, sonst müssen Studenten mit Konsequenzen rechnen.

An der Fakultät Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg weist der Fachschaftsrat darauf hin, dass derjenige bis zum achten Semester an einer Studienfachberatung durch Lehrende des jeweiligen Studiengangs teilnehmen müsse, der die Regelstudienzeit um mehr als zwei Semester überschreite. Dabei sollten Fristen für die noch ausstehenden Prüfungen festgelegt werden. Der Fachschaftsrat ist sogar explizit der Meinung, dass sechs Semester nicht ausreichen können, um, wie es auf der Internetseite der Fachschaft heißt, „das Studium ausreichend zu vertiefen und auch mal über den Modulrand hinauszuschauen“. Studenten seien nicht nur Empfänger von Lernstoff, sondern auch Mitglieder der Universität, die man gestalten könne und müsse. Die Fachschaft rät den Studenten der Fakultät schließlich dazu, dass Bachelorstudium zu entzerren und auszudehnen. Allerdings nicht, um zu trödeln oder sich einen lauen Lenz zu machen, sondern um im wahrsten Sinne zu studieren, Erfahrungen zu sammeln, sich zu bilden.

Allerdings kann sich ein Überschreiten der Regelstudienzeit für Bafög-Empfänger übel auswirken: Im Normalfall bekommen Studenten nur für die Regelstudienzeit finanzielle Unterstützung. Wie der Fachschaftsrat der Erziehungswissenschaften aber erklärt, werde die Förderung darüber hinaus bewilligt, wenn einer der gesetzlich anerkannten Gründe vorliege: Mitwirkung in Hochschulgremien, Krankheit, Verschulden der Hochschule, erstmaliges Nichtbestehen der Abschlussprüfung, Behinderung, Schwangerschaft, Erziehung eines Kindes unter zehn Jahren.

Wer seine Studienzeit um zwei oder drei Semester ausdehnen möchte, sollte sich am besten rechtzeitig überlegen, was er mit der Zeit anfangen möchte. Ist man noch nicht ganz sicher, wohin es beruflich gehen soll? Dann kann man bei Praktika in verschiedene Bereiche hineinschnuppern. Braucht man Zeit, um neben dem Studium Geld zu verdienen, dann kann man sich einen Job suchen, der Erfahrung oder Qualifikationen für den gewünschten Beruf bzw. Branche bringt – oder die Erfahrung oder Themen bietet, die das Studium nicht berührt oder die es ergänzen. Dies rät der Kommunikationsberater Christian Müller von der Internetplattform www.karrierebibel.de. Auch beim Studium im Ausland solle man überlegen, wie man dies nutzen könnte.

Die längere Studiendauer nicht vertuschen, sondern ehrlich bleiben

Denn so wirkt sich eine Studienzeit-Verlängerung im Lebenslauf auch nicht negativ auf die Jobchancen aus. Martina Bandoly von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung: „Wichtig ist, eine plausible Erklärung für die Brüche im Werdegang zu haben.“ Warum wurde die Regelstudienzeit nicht eingehalten, und was hat man währenddessen alles gemacht? Langzeitstudenten sollten sich auf solche Fragen vorbereiten. Eine höhere Semesterzahl zu vertuschen bringt nichts und ist auch nicht nötig. Man muss sich nicht die tollsten Geschichten ausdenken – es gilt, ehrlich zu bleiben und Erlebtes wie Nebenjobs oder Fachwechsel zu begründen. „Solche Schlangenlinien im Lebenslauf zeigen potenziellen Arbeitgebern, dass man die Arbeitswelt kennt oder im Studium gelernt hat, worauf es ankommt“, so die Expertin. Das sieht Solvejg Rhinow auch so: „Wer mit Krisen oder Nebenjobs sein Studium meistern musste, sollte das auch im Bewerbungsgespräch unterbringen.“

Vanessa Bittner möchte ihre Bachelorarbeit im neunten Semester schreiben. „Beruflich plane ich, im akademischen Bereich zu arbeiten und mache noch einen Master.“ Erfahrung in diesem Feld hat sie während des Studiums als studentische Hilfskraft und in Tutorien gesammelt. „Durch die extra Zeit, die ich in den Bachelor investiert habe, weiß ich jetzt, was ich will.“