Kompass

Lieber Horst, ich bewerbe mich ...

Ein Kommentar von Maren Lehky

Da wird eine Gruppenleitung Buchhaltung gesucht und in der Anzeige geduzt. Immer öfter liest man das. Würde ein Azubi gesucht, hätte ich vollstes Verständnis. So aber komme ich ins Grübeln und befinde mich in bester Gesellschaft mit Bewerbern, die nicht wissen, was ihnen das Du sagen soll, geschweige denn, wie sie damit umgehen sollen.

Passt es zur Marke, wie beim großen schwedischen Möbelhaus, dann ist es ein stimmiges Bild. Kommt aber der Maschinenbauer mit 150 Jahren Tradition duzend um die Ecke, wirkt es befremdlich. Das Gebäude, die Menschen, die Pförtnerloge, alles widerspricht dem Du. Und als Bewerber würde es einem im Traum nicht einfallen, Personalchef Horst, 57, zu duzen, wenn er einem in grauem Anzug mit Weste gegenübersitzt.

Wer entscheidet also in den Firmen über das Du, oder überlässt man es gar der Agentur, die das für den letzten Schrei hält? Und was ist das Ziel? Bewerber über 30 abschrecken? Sich bei der Generation Y einschmeicheln? Vorsicht, wenn der Rest dann nicht auch jungdynamisch daherkommt. Mit dem Du werden ja noch andere Dinge verknüpft: Feedbackkultur, Führen über Ziele und an langer Leine, Individualismus, Flexibilität in Outfit, Arbeitszeit und -ort. Wird das alles nicht geliefert, dann lieber ganz authentisch beim Sie bleiben.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass man verstaubt oder unnahbar wäre, dass es keinen Spaß gäbe und keine bunten Flure und Büros. Ebenso wenig steht das Sie in Deutschland fürs Patriarchat oder besonders strikte Hierarchien, wie manche Duzer zu glauben scheinen. Es ist in unserer Kultur mit Respekt und gesunder Distanz verknüpft.

Und wie lösen Bewerber ihren Konflikt auf? Lieber Horst, hallo Horst oder doch sehr geehrter Horst und Sie? Vielleicht sollte man das dann in der Anzeige erklären, damit Bewerber nicht lange darüber grübeln müssen. Ich würde es auch gern wissen, bitte. Und bis dahin genieße ich Nähe, enge Zusammenarbeit und ein hierarchiefreies Sie ganz schmerzfrei und fühl mich gar nicht spießig.

Maren Lehky ist Unternehmensberaterin und Autorin. Im Internet unter www.lehky-consulting.de