Was soll ich bloß studieren?

Etwa zehn Prozent der Abiturienten wissen, was sie werden wollen. Den anderen helfen Tests und Selbstbespiegelung

Die Abiprüfungen sind geschrieben. Jetzt heißt es, auf die Ergebnisse warten und Pläne schmieden. „Meist sind es etwa zehn Prozent in jeder Klasse, die schon wissen, was sie machen wollen“, sagt Karrierechoach Katja Loose. Oft seien das dann „trennscharfe Berufe“, erklärt sie. „Arzt oder Polizist zum Beispiel.“

Viele andere haben immerhin eine Idee für ihre Zukunft, manche sind noch völlig planlos. Die Vielfalt an Möglichkeiten, die sich Abiturienten bietet, kann auch lähmen. „Realschüler haben es gewissermaßen leichter“, sagt Enno Heyken, Diplom-Psychologe und Inhaber der Psychodiagnostischen Beratungspraxis in Wandsbek. Ihnen böte sich ein klarerer Zugang zu den weiteren Ausbildungsmöglichkeiten. Zahlreiche neue, vage Studiengangsnamen wie zum Beispiel „Lebenswissenschaften“ täten ihr Übriges, Abiturienten zu verwirren. Ebenso wie das oft hervorragende Marketing der Hochschulen, das durch den starken Wettbewerb immer besser werde, sagt Katja Loose.

Auf Rat zu hören und sich parallel seine eigene Meinung zu bilden ist schwierig

Davon, einfach erst einmal loszustudieren, sich in der Wahl des Studiengangs am besten Freund zu orientieren oder auf Verwandte zu hören, halten die Experten gar nichts. „Nur weil jemand sagt, Rechtsanwalt sei ein toller Job, muss das nicht auch für mich das Richtige sein“, sagt Karrierecoach Loose. Ein schwieriger Balanceakt, denn: „Schüler legen großen Wert auf Tipps von Leuten, die ihnen nahestehen, müssen aber gleichzeitig herausfinden, was zu ihnen selbst am besten passt.“

Praktika sind da immer noch die beste Methode. Auch ein- oder halbtägige Hospitanzen können schon weiterhelfen – oder einfach ein Telefonat, in dem man ein paar Fragen stellen kann. „Wenn man sich umhört, finden sich allein schon im weiteren Bekanntenkreis Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen“, sagt Psychologe Heyken. Von ihnen könne sicher jeder eine halbe Stunde für ein Gespräch erübrigen.

Karriereberaterin Maja Skubella empfiehlt, sich aufzuschreiben, welche Motive, Werte und Stärken man zu haben glaubt. Fragen können dabei helfen, zum Beispiel: Welche Rolle hatte ich in meiner Klasse – Tonangeber oder Kompromissfinder? Welchen Sport mag ich, und warum gefällt mir ausdauerndes Laufen oder nervenkitzelndes Kitesurfen so besonders? Womit beschäftige ich mich überhaupt, wenn mir keiner sagt, was ich zu tun habe? Bin ich am liebsten mit Freunden unterwegs, tüftle am Computer oder stelle meine Möbel um? All das gibt schon einmal Hinweise darauf, welche Art des Arbeitens zu einem passen könnte. Zum Kompromissfinder passt vielleicht etwas Soziales, zum Möbelrücker eventuell die Innenarchitektur.

„Doch der Transfer dessen, was mich ausmacht und was ich kann, dahin, was beruflich daraus werden könnte, ist nicht leicht“, gesteht Katja Loose ein. „Man muss ein gutes Gefühl für sich selbst bekommen.“ Dazu gehört auch, sich zu überlegen, ob man eher berufliche Sicherheit anstrebt oder ob eher Risikobereitschaft in einem schlummert. Wer Kulturwissenschaften studiert und gern Journalist werden möchte, müsse wissen, dass das kein gradliniger und einfacher Weg werde, gibt Psychologe Enno Heyken zu bedenken. Die berufliche Entwicklung von Ingenieuren sei in der Regel gradliniger.

„Außerdem sollte man Freunde, Eltern und Lehrer fragen: Wie siehst du mich, was denkst du oder denken Sie kann ich gut?“, sagt Maja Skubella. Es sei wichtig, sich auf diese Art mit sich selbst zu beschäftigen, findet auch die Karriereexpertin. „Sonst glaubt man, nur weil man eine Drei in Mathe hat, dass ein Ingenieur-Studium nicht das Richtige sein kann.“ Dabei habe vielleicht nur die Form nicht gepasst, wie Mathe im Schulalltag vermittelt wurde.

Und sie rät dazu, sich keinen zu großen Druck zu machen: „Es reicht erst einmal, sich mit seinem Studium zu identifizieren. Zu Beginn muss man keine 100-prozentige Vorstellung vom späteren Beruf haben.“ In ihren Beratungen spricht sie mit den angehenden Studenten dementsprechend über ihre Ideen vom Beruf – „nicht darüber, was ein Business Development Manager zu tun hat“. Konkrete Berufsbilder für sich zu entdecken sei ein Prozess, der im Laufe des Studiums passiere.

Online-Tests wie „explorix“ helfen dabei, die eigenen Talente zu entdecken

Katja Loose rät über die intensive Beschäftigung mit sich selbst hinaus zu Online-Tests. Sie ermitteln wissenschaftlich die eigenen Neigungen und Talente. Oft sind sie auf den Internetseiten von Hochschulen zu finden. Die HAW Hamburg bietet ihre Tests als „HAW-Navigatoren“ für verschiedenste Studiengänge an. Loose empfiehlt auch „explorix“ (kostet 13 Euro) und die Tests des geva-Instituts. Es gibt sie zum Beispiel zum Talente-Check, zur Berufswahl und zu den Berufsinteressen (zwischen 20 und 38 Euro).

Doch selbst, wer schon weiß, dass er in Richtung BWL oder Psychologie gehen möchte, sollte sich nicht einfach an der nächsten Hochschule für das Fach einschreiben oder bewerben. „Wie die Fächer an den Unis gelehrt werden, ist ganz unterschiedlich“, sagt Katja Loose. Sie empfiehlt, online über die Angebote zu lesen und ein „Top 5“-Ranking seiner bevorzugten Hochschulen aufzustellen. „Und dann fährt man da einfach mal hin und informiert sich vor Ort.“