Kompass

Springen oder nicht springen?

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Ein Kommentar von Mark Hübner-Weinhold

Kennen Sie diese Szene aus dem Schwimmbad? Auf der Drei- oder Fünfmeterplattform des Sprungturms sind Kinder. Sie springen nicht. Sie stehen da und schauen den anderen zu, die an ihnen vorbeischreiten und mutig ins Wasser hüpfen. Den unten wartenden Eltern oder Freunden liefern die Kinder mit zittriger Stimme mehr oder minder fundierte Begründungen, warum sie nicht springen können. Das Wasser sei zu kalt. Das Becken zu voll.

Da oben scheint die Luft plötzlich dünn. Und wer unten noch eine große Klappe hatte, blickt plötzlich in die Tiefe. Ins Ungewisse. Jetzt zählt es. Mutig oder mutlos! Ein Kind muss da oben eine schwere Entscheidung treffen: „Springe ich oder springe ich nicht?“ Die mutlosen Kinder sitzen es einfach aus. Sie springen nicht, aber sie klettern auch nicht wieder vom Sprungturm. Sie bleiben wie angewurzelt da oben stehen und üben sich in kreativer Vermeidungstaktik.

Das gleiche Verhalten können wir Tag für Tag in Unternehmen beobachten. Mutlose Manager entscheiden nicht. Sie sichern sich ab. Bis sie 100 Prozent Gewissheit haben. Pedantisch bis auf die zweite Stelle nach dem Komma prüfen sie ihre Kalkulationen. Fordern weitere Zahlen von ihren Mitarbeitern ab. Holen sich Rat bei Marktforschern und Juristen oder anderen Bedenkenträgern. Die Entscheidung wird immer weiter hinausgezögert – in der utopischen Hoffnung, eine ganz sichere Grundlage zu haben. So werden Abteilungen und ganze Unternehmen zu Tode geplant. Paralyse durch Analyse. Bis endlich entschieden wird, sind die Planungskosten explodiert, und ein schnellerer Wettbewerber hat längst ein ähnliches Produkt auf den Markt gebracht.

Es ist paradox: Im Bestreben, die totale Kontrolle zu behalten, entscheidet man nicht und gibt die Kontrolle ab. Die Angst vor Fehlentscheidungen lähmt. Doch in unserer Zeit gibt es einfach keine 100 Prozent Sicherheit. Da gilt auch für Entscheidungen die 80/20-Regel: Mut zu 20 Prozent Fehlermarge. Das ist oft ein Sprung ins Ungewisse. Anders geht es nicht. Denn oben auf dem Sprungturm kann niemand bleiben. Springen oder wieder hinuntersteigen. Hauptsache, es wird schnell entschieden.

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