Fettnäpfchen für Berufseinsteiger

Experten warnen vor allem davor, oberschlau zu wirken. Sie empfehlen Bescheidenheit, Neugier und Diskretion

Sie bieten dem älteren Kollegen das „Du” an, kauen im Meeting Kaugummi oder sagen „Die Abläufe hier kann man aber noch optimieren“: Nicht selten treten Hochschulabsolventen beim Berufsstart ins Fettnäpfchen. An fehlendem Fachwissen liegt es selten, wenn sie sich blamieren oder unbeliebt machen. Es hapert am Benehmen.

„Ob man die Hierarchien nicht beachtet oder zu forsch auftritt – die meisten Einstiegsfehler lauern im Bereich der Soft Skills“, sagt Karriereberaterin Anke Quittschau. Die Untiefen sind gefährlich: Fachliche Fehler würden am Anfang verziehen, sagt Quittschau. Doch mit mangelnder Sozialkompetenz können Anfänger das Wohlwollen, das ihnen entgegengebracht wird, schnell verspielen.

„Das größte Fettnäpfchen besteht darin, dass sich einige zu sehr darin sonnen, aufgrund des Fachkräftemangels dringend benötigt zu werden“, sagt Etikette-Trainerin Nandine Meyden. Diese Berufseinsteiger seien stark von sich eingenommen, übersähen aber, „dass es nicht nur um Leistung geht, sondern auch um Persönlichkeit“. Viele wenden sich laut Meyden gezielt nur Leuten zu, die ihnen wichtig erscheinen. Praktikanten oder Sekretärinnen würden ignoriert.

Dabei sei jemand, der wirklich Stil hat, zur Putzfrau genauso freundlich wie zum Vorgesetzten, sagt Susanne Reinker, die zahlreiche Ratgeber zu Stolperfallen im Berufsalltag geschrieben hat. „Das ist nicht nur gut für die Verdrahtung innerhalb der Firma, sondern zeigt auch Sozialkompetenz.”

Reinker beobachtet bei sehr gut ausgebildeten Berufseinsteigern außerdem etwas, das sie das „Neue-Besen-Syndrom“ nennt. „Es ist eine unangenehme Eigenschaft von Hochschulabsolventen, dass sie am Anfang die Abteilung am liebsten neu organisieren möchten.“ Doch so mancher, der mit seinem Universitätswissen glänzen wolle, habe das Räderwerk der Firma noch gar nicht durchschaut. Vor allem bei den Kollegen mache man sich unbeliebt, wenn man gleich mit fachlicher Kritik daherkomme. „Während der Probezeit ist Zurückhaltung angesagt“, erklärt Reinker.

Oft bekämen die vermeintlichen Überflieger in den ersten Wochen im neuen Job Routine-Aufgaben aufs Auge gedrückt, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen. „Dafür darf man sich am Anfang aber auf keinen Fall zu fein sein“, sagt Susanne Reinker. Häufig sei es ein Test von Kollegen oder Vorgesetzten, um zu sehen, wie der oder die Neue sich einfügt. Hier ohne Murren fehlerlose Arbeit zu leisten sei die beste Voraussetzung, um später anspruchsvollere Aufgaben zu bekommen.

Karriereexpertin Quittschau hat festgestellt, dass sich Berufseinsteiger gern übernehmen. „Mangelnde Berufserfahrung kann man einfach nicht mit Hochschulwissen kompensieren“, sagt sie. Daher fielen einige anfangs auf die Nase, weil sie sich für zu viele oder zu umfangreiche Aufgaben melden. Sie empfiehlt deshalb, bei jeder neuen Aufgabe immer erst zu kalkulieren, wie groß der zeitliche Aufwand ist.

Laut Karriereberaterin Nadja Henrich ist es außerdem wichtig, die Kollegen für sich zu gewinnen. Dazu gehöre, zuverlässig zu arbeiten, immer wieder seine Hilfe anzubieten und auch über die Arbeitszeit hinaus ab und zu etwas länger da zu sein. Wer Aufgaben von Kollegen bekommt, aber keine Deadline, sollte nachfragen.

Auch Hierarchien müsse man beachten – mindestens so lange, bis man sich besser in den Spielregeln seines neuen Unternehmens auskennt und weiß, was man sich erlauben kann. „An der Uni gab es einen lockeren Umgangston“, sagt Etikette-Expertin Meyden. „Man hat vielleicht berühmte Professoren ohne ihren akademischen Grad und mit ‚Hallo‘ angeschrieben.“ Im Job sei das problematisch. Hier müsse man darauf achten, in einer E-Mail erst den Chef und dann die ihm in der Hierarchie folgenden Mitarbeiter zu nennen.

Außer diesen formalen Regeln existieren in jeder Firma auch ungeschriebene Gesetze. Vor allem in flachen Hierarchien sind sie nicht einfach zu durchschauen. „Wer schlau ist, orientiert sich am Verhalten der Kollegen“, rät Meyden. Im Zweifelsfall könne man nachfragen, welche Gepflogenheiten in der Firma herrschen: Gibt man morgens allen die Hand? Wer räumt den Geschirrspüler in der Teeküche aus? „Wenn man sich nicht an diese Dinge hält, kann es sein, dass man von den Kollegen kritisch beäugt wird.”

Auch vor Vertraulichkeit warnen die Experten und empfehlen, sich mit persönlichen Informationen in der ersten Zeit zurückzuhalten. Über Hobbys und Wochenendunternehmungen könne man sprechen, sagt Nandine Meyden. Private Probleme blieben besser außen vor. „Junge Menschen erzählen von sich aus alles Mögliche und wahren zuweilen nicht die nötige Distanz“, kritisiert sie. Dabei gelte hier wie bei so vielem: Weniger ist mehr. Schließlich wisse man am Anfang nie, wer einem wohlgesinnt sei und wer nicht.