Gründerköpfe

Nachhaltigkeit als Geschäftskonzept

Die Textildesignerinnen Linda Langer und Janina Sticken geben alten Textilien und Wohnaccessoires einen neuen Sinn. Ihr Kaufhaus „Semper Klacks“ eröffneten sie auf St. Pauli – und fühlen sich pudelwohl dort.

Nachhaltigkeit ist bei den beiden Gründerinnen von „Semper Klacks“ das Thema. „Wir kaufen zum Beispiel alte Tischdecken und machen Kissen daraus“, erzählt Linda Langer. Textilien jeder Art, Kleider, Lampen, Sitzmöbel, Spielzeuge, Geschenkverpackungen... Die Liste der Produkte, die die Textildesignerinnen Linda Langer und Janina Sticken, 33 und 34 Jahre alt, „upcyceln“ und denen sie einen neuen Sinn geben, ließe sich schier endlos fortsetzen.

Upcycling ist ein Begriff, der in den 90er-Jahren aus dem Wort Recycling kreiert wurde, und meint die Wiederverwertung von alten, nicht mehr gebrauchten Materialien und Gegenständen. Der Vorteil: Wird weniger Neues produziert, schützt das Ressourcen, verbraucht weniger Energie und verschmutzt die Umwelt weniger.

Fair zu handeln ist ihr Geschäftsprinzip

Daraus und aus ihrer überbordenden Lust am Designen haben Sticken und Langer eine Geschäftsidee gemacht und ihr kleines Kaufhaus „Semper Klacks“ auf St. Pauli gegründet. In der Rendsburger Straße verkaufen sie Kleidung und Designobjekte zu „fairen Preisen“, wie sie sagen. „Wir bewegen uns im mittleren Preissegment“, erklärt Langer. „Hier findet man individuell designte Sachen, die bezahlbar sind.“ Aber eben nicht billig: „Wir wollen, dass wir auch unsere Dienstleister, Schneider und Drucker zum Beispiel, fair bezahlen können.“

Am längsten haben die beiden über den Namen des Ladens nachgedacht. Welche Begriffe würden ihr Konzept am besten beschreiben? Soll es deutsch, englisch oder französisch sein? „Und dann sind wir auf Plattdeutsch gekommen“, erzählt Janina Sticken. Semper bedeute ehrlich und Klacks eine Kleinigkeit. „Die ehrliche Kleinigkeit – das passt, weil unser Geschäft ziemlich klein ist und weil wir uns sehr bemühen, nachhaltig und fair zu arbeiten.“

In zwei Monaten von der Gründung zur Eröffnung

Während die Wahl des Namens also seine Zeit brauchte, gingen Gründung und Eröffnung des Ladens umso schneller vonstatten. Im Januar 2013 sah Janina Sticken den Zettel „zu vermieten“ im Fenster des Ladengeschäfts, im März war Eröffnung. Mit dem Vermieter hatten sie Glück: „Er wollte gar keine Finanzierung sehen, vielleicht war er einfach beeindruckt, weil wir ihm in kürzester Zeit ein fertiges Konzept vorlegen konnten“, erzählt die Gründerin.

Im Kopf hatten sie ihre Gründungsidee dennoch schon länger. Unter anderem, weil Linda Langer als alleinerziehender Mutter die Jobsuche schwer gemacht wurde. „Trotz Einser-Abschluss im Studium und einer vorherigen kaufmännischen Ausbildung wurde in Bewerbungsgesprächen immer auf dem Kind herumgeritten“, sagt sie. „Mir blieb gar nichts anderes übrig als mich selbstständig zu machen.“

Und das, obwohl auch mehrere Gründungsberater versucht hätten, ihr genau das auszureden: Als Alleinerziehende hätte sie keine Chance, habe es geheißen, erzählt Langer. Die beiden Gründerinnen sind inzwischen vom Gegenteil überzeugt: Der Laden sei super mit Familie vereinbar, sagt Janina Sticken, selbst Mutter zweier Kinder.

Die Ausstattung des Ladens haben sie günstig gehalten

Die beiden haben ohne Bankkredit gegründet, nur mit einem „kleinen finanziellen Polster“ aus eigenen Ersparnissen und einem elterlichen Zuschuss ausgestattet. Das brauchten sie bislang nicht anzugreifen: „Wir arbeiten kostendeckend.“ Die Ausstattung des Ladens haben sie günstig gehalten: den Umbau selbst gemacht, die Materialien mit Baumarkt-Gutscheinen bezahlt, die sie sich zum Geburtstag gewünscht hatten, und die Einrichtung bei ebay Kleinanzeigen zusammengesucht. Und die Möbel natürlich eigenhändig „upgecycled“.

Einen Steuerberater bekamen sie vom Gründungsservice der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg vermittelt. Er beriet die beiden kostenlos und bestärkte sie in ihrer Meinung, sich von Zweiflern nicht beirren zu lassen.

Offenbar zu Recht: „Wir sind selbst immer wieder begeistert, wie viel wir in der kurzen Zeit geschafft haben“, sagt Janina Sticken. Ihr Angebot bestehend aus eigenem Design, wechselnden Kommissionsstücken anderer Kreativer und Service – etwa die Umgestaltung eines Lieblingsshirt, das einen permanenten Fleck abbekommen hat – kommt an.

Glücklich in der Rendsburger Straße auf St. Pauli

Auf St. Pauli als Standort fiel die Wahl zufällig. „Wir hätten uns auch Eimsbüttel oder Winterhude vorstellen können“, sagen die beiden. Inzwischen empfinden sie es aber als Glück, dass sie in der Rendsburger Straße gelandet sind: „St. Pauli passt zu uns, es ist so unkompliziert und so bunt wie unser Laden.“ Zu den Nachbarn haben sie ein herzliches Verhältnis aufgebaut – nachdem sie deren Vorurteil, hier mache jetzt ein teurer Designerladen auf, widerlegt hatten. Inzwischen bringen sie ausgediente Möbel und Einrichtungsgegenstände vorbei, um etwas Neues daraus arbeiten zu lassen.

Sticken und Langer werben für Semper Klacks mit Flyern, Aufstellern, auf ihrer Internetseite und mit einem Facebook-Profil. Märkte haben sich auch als sinnvolles Instrument erwiesen. „Zum Beispiel sind wir mit einer kleinen Auswahl unserer Produkte schon zweimal bei ‚Hallo Frau Nachbar’ in der Schanze dabei gewesen“, erzählt Sticken. Außerdem haben sie sich mit anderen Geschäften auf St. Pauli vernetzt und empfehlen sich gegenseitig. Und nicht zuletzt funktioniert die Mundpropaganda zufriedener Kunden. „Es hagelt geradezu Euphorie auf uns runter“, sagt Langer lachend. „Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass alles so gut funktioniert.“

Für die Zukunft haben die Gründerinnen schon neue Pläne. So wollen sie ihr Angebot erweitern und künftig auch größere Einrichtungsaufträge übernehmen. Laufkundschaft haben sie in der Rendsburger Straße zwar nicht viel, aber das stört sie nicht: „Wir wollen ein Geheimtipp werden.“ Außerdem sei Semper Klacks gut mit den Öffentlichen zu erreichen. „Und tagsüber gibt es sogar Parkplätze vor der Tür.“

www.semperklacks.de