Karrierewege

Im Ausland war der Aufstieg leichter

Adelheid Sailer-Schuster ist Präsidentin der Bundesbank Hamburg. In den 80er-Jahren bremste man die ehrgeizige Frau hier noch aus.

Hamburg. Ihr Arbeitsplatz zählt zu den bestbewachten Orten der Stadt. Wer die Präsidentin der Bundesbank in Hamburg treffen möchte, muss strenge Sicherheitskontrollen passieren. In Begleitung der Sekretärin geht es in den sechsten Stock. Dort empfängt Adelheid Sailer-Schuster mit ihrem einnehmenden, fröhlichen Lachen ihre Besucher in einem Ersatzbüro. Die gesamte Bundesbank Hamburg an der Willy-Brandt-Straße wird derzeit renoviert.

Für die mächtige Finanzfrau in der Hansestadt wirkt der Raum bescheiden, residiert sie doch sonst auf dreifacher Fläche, dafür aber vier Etagen tiefer. Doch das kleinere Büro stört sie nicht. Dafür reicht ihr Blick aus dem Fenster von der HafenCity über die Speicherstadt bis zur Elbphilharmonie.

+++"Zu Fuß in den sechsten Stock"+++

Ihr Schreibtisch ist aus Glas, die Chromlederstühle leicht, die Wände hell. Das moderne Design, kombiniert mit zwei abstrakten Gemälden des Hamburger Künstlers Eduard Bargheer und einer Eisenskulptur "Walpurgisnacht" geben dem Raum ein inspirierendes Flair. Alles hat die Chefin selbst ausgesucht. Hier fühlt sich die elegante, modisch gekleidete Frau mit Vorliebe für leuchtende Farben wohl.

Sailer-Schuster leitet seit gut drei Jahren die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank für Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Verantwortlich ist sie für die Bargeldversorgung, Bankenaufsicht und Bonitätsanalyse im Norden - und für rund 750 Mitarbeiter. Die gebürtige Schwäbin vom Bodensee ist derzeit die einzige Frau an der Spitze einer Hauptverwaltung der Notenbank.

+++Weniger Bargeldumsatz: Bundesbank spart im Norden+++

Ob sie damit jemals gerechnet hat? "Nein, mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht in Hamburg", platzt es aus ihr heraus. Sie liebt klare Worte. Erinnerungen an die 1980er-Jahre werden lebendig, als sie sich als junge Bundesbankrätin von Stuttgart in die Hansestadt versetzen ließ. "Ich war frisch verheiratet und wollte in der Stadt leben, in der mein Mann arbeitete." Doch der Wechsel an die Elbe entpuppte sich als harte Prüfung in einer eingeschworenen Männerwelt. "In Hamburg war man Frauen gegenüber misstrauisch." Statt sie zu fördern, wurde sie von den Vorgesetzten ausgebremst. "Ich durfte an keiner Kreditbesprechung teilnehmen, obwohl dies zu meinen Aufgaben zählte", sagt Sailer-Schuster. Als Begründung sagte man ihr, "es sei einem hanseatischen Kaufmann nicht zuzumuten, seine geheiligten Unternehmensbilanzen mit so einem jungen Mädchen durchzusprechen". Als sie ihre zwei Töchter zur Welt brachte, musste sie sich den Vorwurf anhören, warum sie es nötig habe, trotz gut verdienenden Mannes zu arbeiten, auch das Wort Rabenmutter fiel. "Da wurde mir klar, dass ich zu diesem Zeitpunkt hier nichts werden konnte."

Doch Sailer-Schuster ist keine Frau, die aufgibt. Sie ist eine Kämpferin. Nicht verbissen, sondern mit diplomatischem Geschick und Argumenten. Hürden sind für sie Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Pragmatisch sucht sie nach Alternativen, wenn sich bestehende Verhältnisse nicht ändern lassen. So trat Sailer-Schuster 1990 die Flucht nach vorn an.

+++Allein unter Männern+++

Sie bewarb sich als Vertreterin der Bundesbank in Italien, erhielt den Job und wurde zugleich Finanzattaché der Deutschen Botschaft. Ein Schritt mit einschneidenden Folgen auch für ihr Familienleben. Die damals 42-Jährige schnappte sich ihre beiden fünf und sieben Jahre alten Töchter, zog nach Rom, engagierte Kinderfrau und Au-pair-Mädchen, während ihr Mann seinem Job in Hamburg nachging und jeden Freitag nach Rom flog. Sailer-Schuster startete in der Finanzwelt durch.

Adelheid Sailer-Schuster genoss eine "strenge Erziehung", absolvierte ihre Grundschule in einer Nonnenschule, das Abitur auf einem Mädchengymnasium. "Ich lernte früh Disziplin und Selbstdisziplin", sagt die 63-Jährige. "Zwei Eigenschaften, die mir bis heute Kraft geben." Ihr erstes Studium - Geschichte, Französisch und Politik - brach sie schon im ersten Semester ab und sattelte auf Jura in Tübingen und Bonn um. Nach dem ersten Staatsexamen entdeckte sie eine Stellenanzeige der Bundesbank für eine Ausbildung im höheren Dienst. "Voraussetzung war jedoch eine Banklehre, die ich nicht hatte. Also machte ich eine Banklehre bei der Kreissparkasse Ravensburg und begab mich wieder auf die Schulbank." Ein Schritt, den selbst ihre Eltern skeptisch beäugten. Doch sie ließ sich nicht beirren. "Ich habe immer außergewöhnliche Wege eingeschlagen, wenn ich davon überzeugt war."

Auch der Zufall förderte ihre Karriere. Mario Monti, heute Italiens Ministerpräsident, holte Sailer-Schuster als damaliger EU-Binnenkommissar in sein Kabinett. Wieder nahm sie ihre Töchter mit, diesmal nach Brüssel. Elf Jahre verbrachte sie dort, arbeitete danach unter anderem als Beraterin der Hamburger Europaabgeordneten Christa Randzio-Plath und als Finanzattaché in der Ständigen Vertretung - immer im Bereich Wirtschaft, Währung und Finanzgesetzgebung.

+++Ihr Aufstieg erfolgte nach dem Walt-Disney-Prinzip+++

Nach 15 Jahren im Ausland kehrte Sailer-Schuster 2005 wieder nach Deutschland zurück - als Regionalbereichsleiterin der Banken- und Finanzaufsicht bei der Hauptverwaltung in Berlin. "Dort habe ich erstmals mit meinem Mann eine gemeinsame Wohnung bezogen, was wider Erwarten gut ging", lächelt sie verschmitzt und glücklich, dass ihre Ehe schon seit 34 Jahren hält.

Doch die gemeinsame Zeit an einem Wohnort war nur von kurzer Dauer. 2009 wurde Sailer-Schuster von der Bundesbank nach Hamburg als Präsidentin berufen. "Ein Angebot, das niemand ausschlagen kann." Sie wohnt in der HafenCity - und nun pendelt sie mit der Bahn zu ihrem Mann nach Berlin.

Rückblickend bereut Sailer-Schuster nichts. Ihre Triebfedern waren und bleiben ihre Neugier und ihr Optimismus, gepaart mit großer Flexibilität. "Wichtig ist es im Leben, immer Dinge zu tun, die einem Spaß machen." Sie versucht deshalb, ihre Mitarbeiter nach deren Fähigkeiten an der richtigen Stelle einzusetzen. "Auch wenn es mal hakt, versuche ich positiv zu denken."

Die Karriere bei der Bundesbank endet für Sailer-Schuster Ende 2013 mit ihrem 65. Lebensjahr. "Schade", wie sie findet, "ich hätte noch gerne eine Nachspielzeit gehabt." Sie liebt Stress. "Wenn ich mich privat erholen mag, lade ich mir am liebsten zwölf Freunde zum Essen ein und bekoche sie." Ruhe ist nicht ihr Ding. "Mir reichen fünf bis sechs Stunden Schlaf." Für die Zeit nach der Pensionierung hat sie schon viele Ideen. "Vielleicht werde ich Journalistin oder berate in Europa- und Frauenfragen." Nur für Langeweile ist in ihrem Leben wohl niemals Platz.