Perspektiven

In der Zeitarbeit sind ältere Ingenieure gefragt

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Yvonne Scheller

Firmen locken mit guter Bezahlung, unterschiedlichen Projekten und Weiterbildung. Das bringt Abwechslung in den Joballtag.

Immer noch haftet der Branche ein Ausbeuter-Image an. Zeitarbeit wird zu den prekären Arbeitsverhältnissen gezählt, wo Leiharbeiter im Vergleich zur Stammbelegschaft weniger verdienen und je nach Konjunkturlage kurzfristig abgebaut werden können. Warum also sollten sich heiß begehrte Ingenieure und Techniker für einen Personaldienstleister entscheiden, statt direkt zu Porsche oder Airbus zu gehen?

Wegen der vielfältigen Projekte in verschiedenen Unternehmen und Einsatzfeldern, sind sich Experten der Branche einig. "In einer Festanstellung baut ein Ingenieur vielleicht 40 Jahre lang Rohrleitungen, überspitzt gesagt. Für uns konstruiert er ein Jahr lang Sondermaschinen, hat dann ein Projekt bei einem Automobilzulieferer, um anschließend in den Flugzeugbau zu gehen", sagt Andreas Bohnsack, Geschäftsbereichsleiter Konstruktions- und Ingenieurleistungen bei der Firma Franke + Pahl.

Das bringt nicht nur Abwechslung ins Berufsleben, es sorgt für einen Schatz an Erfahrung, sagt Robert Viefers, Leiter Marketing und Kommunikation bei Yacht Teccon, einer Tochtergesellschaft von Randstad. "Während unsere Mitarbeiter als Festangestellte etwa in einem Konzern auf die nächste freie Planstelle warten müssten, qualifizieren sie sich durch die verschiedenen Projekte in der Zeitarbeit extrem schnell für den Aufstieg. So sind unsere Karrierepfade viel kürzer, als sie bei unseren Kunden sein können." Karen Teske, Prokuristin der Firma HIT Personaldienstleistungen, sieht zudem Vorteile für Berufseinsteiger, "die noch nicht genau wissen, für welche Branche sie sich entscheiden sollen". Sie könnten so mal einen Konzern, mal eine mittelständische Firma kennenlernen.

Allerdings sind Jungingenieure oft nicht die erste Wahl für Unternehmen auf der Suche nach qualifizierten Zeitarbeitern, sagt Bohnsack: "Wenn die Auftragsbücher eines Kunden voll sind, möchte er einen Mitarbeiter, der von null auf hundert loslegen kann." Kollegin Anja Fehr ergänzt: "Es sei denn, ein Absolvent hat aussagekräftige Praktika zu bieten. Wir hatten mal einen Jungingenieur mit Praktika bei Rolls-Royce und der Still GmbH, das war von Anfang an ein interessanter Kandidat."

Während also Jugend zum Problem werden kann, ist Alter in der Zeitarbeit kein Thema. "Ein 58-Jähriger ist problemlos zu vermitteln, es sei denn, es fehlen wichtige Qualifikationen wie SAP- oder Englischkenntnisse. Dann aber liegt darin das Problem, nicht am Alter", sagt Bohnsack. Teske setzt in solchen Fällen auf Nachschulung. "Solange der Kandidat flexibel genug für die Zeitarbeit ist und die Bereitschaft zum Lernen mitbringt, können wir mit unseren Weiterbildungsmaßnahmen ansetzen."

Weiterbildung ist bei Personaldienstleistern nichts Ungewöhnliches, denn stets auf dem neuesten Stand der Qualifikation zu sein, ist für sie extrem wichtig. Yacht Teccon unterhält eine eigene Akademie. "Hier vermitteln wir einerseits Fachkenntnisse, etwa in Konstruktionsprogrammen wie Catia, Inventor, Pro/E oder Solid Works, andererseits Sozialkompetenzen abgestimmt auf die Karriereziele unserer Mitarbeiter", sagt Viefers

So sind Fortbildungsangebote ein Pfund, mit dem Personaldienstleister gern wuchern - im immer härter werdenden Kampf um die besten Köpfe. "Es wird immer schwieriger, interessante Fachkräfte zu finden", bestätigt Teske. Von schlechter Bezahlung könne daher gar keine Rede sein, sagt Thorben Clausen, Leiter des Bereichs IT-Services & Regional bei Yacht Teccon. "Wir bezahlen zu 90 Prozent über Tarif. Das müssen wir, denn wir stehen in Konkurrenz mit unseren Kunden, also den Top-Unternehmen der deutschen Wirtschaft."

Die nämlich suchen genau wie der Personaldienstleister Ingenieure mit Erfahrung in der Entwicklung, der Konstruktion oder dem Supply-Chain-Management. "Solche Fachkräfte kämen kaum zu uns, wenn wir dramatisch weniger zahlen würden." Trotz guter Konditionen bleibt der Kampf mit dem Ruf`, "obwohl wir den Vergleich mit anderen Arbeitgebern wirklich nicht scheuen müssen", sagt Viefers.

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