Knigge für Geschäftsessen

"Die Rechnung zahlt doch er!"

Foto: Jörg Dommel

Wer sitzt wo? Wer bestellt? Wie teuer darf's sein? Auf Gast und Gastgeber warten viele Fettnäpfchen.

Eigentlich soll das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden. In lockerer Atmosphäre und bei gutem Essen fällt das Geschäftsgespräch leichter, Smalltalk zwischendurch kann die Stimmung heben. Doch ein gelungenes Geschäftsessen zu veranstalten klingt leichter, als es wirklich ist. "Es gibt leider viele Fettnäpfchen, in die man sowohl als Gastgeber aber auch als Gast treten kann", sagt Imme Vogelsang, Trainerin für Umgangsformen in Hamburg. Ihre Aufgabe ist es, Führungskräfte in Sachen Business-Etikette fit zu machen. Seriosität hat nämlich nicht nur etwas mit Fachkenntnissen zu tun. Benimmt man sich daneben, schwindet die Glaubwürdigkeit - und schlimmstenfalls kann dadurch sogar das geplante Geschäft platzen.

Die erste Hürde ist die Wahl des richtigen Restaurants. Es muss dem Anlass angemessen sein, denn die Wahl sagt etwas darüber aus, was der Kunde dem Verhandlungspartner wert ist, meint der Stil- und Etikette-Trainer Norbert Löffel aus Cloppenburg, der deutschlandweit als Berater unterwegs ist. "Letztendlich entscheidet das Budget darüber, in welchem Restaurant man sich mit seinem Kunden trifft. Aber man sollte es auch nicht übertreiben und sich seinem Geschäftspartner anpassen."

Generell haben Geschäftsleute oftmals zwei bis drei Lokalitäten, die sie regelmäßig für diese Anlässe nutzen. "Mainstream ist immer gut, vielleicht ein gehobener Italiener, da kann nichts schiefgehen. Das mag eigentlich jeder", sagt Stiltrainer Jan Schaumann aus Berlin. "In zu noblen Restaurants fühlen sich viele nicht wohl - etwas rustikaler ist besser."

So weit, so gut. Alles ist vernünftig geplant, ein passender Termin gefunden. Doch wie verhält man sich dann richtig, wenn der Gast vor einem steht? Es beginnt schon beim Eintreten in das Restaurant. "Der Gastgeber geht vor", sagt Imme Vogelsang. Schnell fügt sie hinzu: "Auch, wenn eine Frau der Gastgeber ist, dann ändert sich daran nichts - das ist heutzutage ja glücklicherweise schon normal geworden." Das selbstständige Suchen nach einem Tisch ist daraufhin völlig fehl am Platz. Bestenfalls wurde vor dem Treffen sowieso ein Tisch reserviert. "Und dann lässt man sich vom Kellner an den Platz bringen - dort gehen dann die Gäste vor." Bei der Platzwahl direkt am Tisch gibt es dann weitere Dinge zu beachten. Bei einem Essen zu zweit sitzt man sich gegenüber. Bei mehreren Personen bietet der Gastgeber dem wichtigsten, ranghöchsten Geschäftspartner den Platz rechts neben ihm an oder direkt gegenüber. "Einen Stuhl schieben Sie, meine Herren, der Dame nur heran, wenn Sie es auch können", merkt die Trainerin Vogelsang an. "Denn das kann eine peinliche Sache werden, wenn's schiefgeht."

Die Gäste sind im richtigen Restaurant angemessen am Tisch platziert, aber was wird jetzt gegessen? Ein Gang? Zwei Gänge? Da sollte man sich nach seinem Gast richten. "Wenn der Gast sich nur ein Hauptgericht auswählt, kann man vorsichtig nachfragen, ob noch eine Vorspeise gewünscht wird", sagt Vogelsang. "Wird das aber abgelehnt, dann heißt das automatisch: Der Gastgeber verzichtet auch. Denn warten, während der andere isst, tut niemand gern." Bei der Auswahl des Gerichts empfiehlt die Stilberaterin dem Eingeladenen, etwas aus dem mittleren Preisbereich zu wählen. "Sie müssen nicht das Günstigste von der Karte nehmen. Schließlich wurde das Restaurant ausgewählt, da muss mit einer entsprechenden Rechnung gerechnet werden."

Jan Schaumann umgeht das "Essensproblem" mit einer geschickten Lösung. "Ich rate meinen Kunden immer, als Gastgeber etwas vorzuschlagen. Damit meine ich beispielsweise das Mittagsmenü, das für ein Geschäftsessen immer angemessen ist", sagt der 41-Jährige. "Man sollte seine Gäste nie in eine unsichere Situation bringen. Und so kann man ihnen eine Entscheidung abnehmen."

Zum Thema Getränke verfolgt Schaumann eine ganz klare Linie. "Wenn Sie nicht in einem frankophilen Unternehmen arbeiten, dann ist meiner Meinung nach Alkohol bei einem geschäftlichen Essen tabu", sagt der Experte. "Man liegt nie falsch, wenn man anbietet, eine große Flasche Mineralwasser zu bestellen." Auch seine Hamburger Kollegin macht deutlich, dass die Entscheidung über die Wahl des Getränkes eigentlich nicht schwer zu fällen ist. "Zu einem anspruchsvollen Essen gehört definitiv keine Cola, Apfelschorle oder gar ein Bier", sagt Imme Vogelsang. "Und wenn wirklich einmal ein Wein getrunken wird, dann sucht der Gastgeber aus." Steht bereits eine Wasserflasche auf dem Tisch, kann gleich zugegriffen werden, bestenfalls wird dem Gast nebenan auch ein Wasser angeboten, empfiehlt die Stilberaterin. "Es ist dann die Aufgabe des Gastgebers, das Essen zu eröffnen."

Das letzte Fettnäpfchen, in das getreten werden kann, lauert bei der Begleichung der Rechnung. "Ich empfehle immer freundliche, aber klare Ansagen", sagt Jan Schaumann. "Entweder entschuldigt sich der Gastgeber dezent und begleicht die Rechnung ohne dass der Gast etwas davon mitbekommt. Oder man spricht klar aus, dass die Rechnung getrennt beglichen wird."

Generell gilt: Eine offene und direkte Kommunikation macht einen guten Stil aus. Unsicherheiten auf beiden Seiten belasten jedes Geschäftsgespräch. Auch die Äußerung von überzogener Kritik am Service kann unprofessionell wirken. "Das Essen ist neben dem Autofahren eine der wenigen Möglichkeiten, einem Menschen sehr schnell direkt in die Seele zu schauen. Wer sich beim Lunch nicht benehmen kann, der macht auch in anderen Situationen Fehler", sagt Schumann. Es müssten allerdings nicht alle Regeln strikt befolgt werden. Er rät dazu, situationsbedingt zu handeln. "Aber es schadet nicht, wenn man weiß, wie es richtig geht."