Perspektiven

Was macht eigentlich ein Bioverfahrenstechniker?

Der Allrounder kann ebenso Bakterien züchten wie Anlagen planen

"Wie kann ich Biologie studieren und trotzdem Geld verdienen?" Diese Fragte stellte sich Arne Klink vor fünf Jahren. Heute studiert er im 9. Semester Verfahrenstechnik an der Technischen Uni Hamburg-Harburg. Bio ist nur Wahlpflichtfach, der überwiegende Teil des Studiums besteht aus Mathe, Physik, Chemie und Technik. "Wir Verfahrenstechniker sind die Schnittstelle zu allen anderen Ingenieuren. Wir können Bakterien züchten, haben aber auch Ahnung von Konstruktion, Elektrotechnik, Maschinenbau", sagt Klink.

Ernst A. Sanders, Professor für Bioverfahrenstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, holt weiter aus. "Kaum einer weiß, dass mit dem steigenden Käseverbrauch und dem sinkenden Kalbfleischverzehr immer mehr Labferment gentechnisch erzeugt werden muss", erzählt er. Um anstelle der natürlichen Enzyme biotechnologische zu produzieren, bedürfe es vieler Fachleute, etwa Mikrobiologen, Bioinformatiker, Elektrotechniker, Maschinenbauer ... Sanders kann die Liste anscheinend endlos fortsetzen.

Da brauche es einen, der den Überblick behält. "Das ist der Bioverfahrenstechniker", sagt der Professor. Dieser habe zwar keine Detailkenntnis der einzelnen Fachbereiche, aber das notwendige Wissen aus den relevanten Bereichen wie der Mikrobiologie und der Biochemie. "Ein Bioverfahrenstechniker muss Flüssigkeitsströme berechnen können, er muss den Maschinenbauer verstehen und den Informatiker, der die Steuerungstechnik programmiert, er muss eine große Anlage planen und auch Wärme- und Stoffbilanzen aufstellen können", fasst Sanders zusammen.

Bioverfahrenstechniker arbeiten unter anderem in der Entsorgung und Reinigung von Abfällen, in der Wasseraufbereitung oder in der Produktion von Lebensmitteln und Pharmazeutika. Wer diesen Beruf ergreifen will, hat die Qual der Wahl. Denn wo ein Absolvent später einen Job bekommt, hängt stark vom Forschungsschwerpunkt seiner Uni ab. Während an der HAW der Studiengang zwar Biotechnologie heißt, aber eine bioverfahrenstechnische Ausrichtung hat, nennt er sich an der TU Verfahrenstechnik und ist klar ingenieurwissenschaftlich ausgerichtet.

"Deshalb rate ich angehenden Studierenden, sich vor der Einschreibung genau zu informieren, welche Vertiefungsfächer es an der jeweiligen Uni gibt, welche Schwerpunkte sie in der Forschung hat und welche Kontakte es zu Unternehmen gibt", sagt Rüdiger John, selbstständiger Bioverfahrenstechniker. Er selber fand seinen Einstieg nach dem Hauptschulabschluss über eine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter, holte sein Fachabi nach, um dann Anlagen- und Verfahrenstechnik zu studieren. "Ein Studium ist für den Beruf unbedingt notwendig", sagt er.

"Ich würde Biotechnologie studieren und mich später spezialisieren, weil der Markt auf diese Weise größer ist", rät Paul Scherer, ebenfalls Professor an der HAW. Der Branche prognostiziert er eine gute Zukunft, auch wenn Bioverfahrenstechnik weiterhin eine Nische sei: "Die Biotechnik beschäftigt knapp 30 000 Leute, davon gehören nur etwa zehn Prozent zur Bioverfahrenstechnik", sagt er. "In der Konstruktion und Planung besteht derzeit ein Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, und die Studentenzahlen sind gering. Die Leute werden händeringend gesucht, weil sie Anlagen konstruieren können, die sonst keiner bauen kann."