Zeitdruck, schlechtes Betriebsklima: Hinter Personalausfall steckt oft psychosoziale Belastung, erklärt Giovanni Sciurba

Hamburg. Überforderung und Zeitdruck machen immer mehr Menschen krank. Das bestätigten Arbeitnehmervertreter von 232 Firmen in einer Umfrage der Unternehmensberatung GS Consult.

Hamburger Abendblatt:

Herr Sciurba, was ist das zentrale Ergebnis Ihrer Umfrage?

Giovanni Sciurba:

89 Prozent der 232 befragten Arbeitnehmervertreter haben angegeben, dass die psychosoziale Belastung der Beschäftigten in ihren Firmen zugenommen hat. Eigentlich wäre diese Zahl sogar noch höher, weil auch Befragte dabei waren, die sagen, wir haben schon etwas dagegen getan - ohne diese Maßnahmen wären auch bei uns die Belastungen weiter gestiegen.

Welche Gründe nennen die Befragten?

Sciurba:

Zeitdruck sowie Über- und Unterforderung wurden am häufigsten genannt. Dahinter rangieren "Arbeitsplatzunsicherheit, Überstunden" sowie "restriktives Führungsverhalten, Betriebsklima". Belastungsfaktoren wie "Schadstoffe und Lärm" wurden nur von 40 Befragten als wichtige Einflussfaktoren genannt. Hätte man die Frage vor 25 Jahren gestellt, wäre diese Antwort am häufigsten genannt worden.

Was ist an Unterforderung belastend?

Sciurba:

Es ist frustrierend, wenn man das Gefühl hat, nicht dort eingesetzt zu sein, wo man seine Fähigkeiten richtig einbringen kann. Ebenso wie mit seinen Kompetenzen nicht ernst genommen zu werden oder keine Verantwortung tragen zu dürfen. Das erzeugt sehr ähnliche Phänomene wie Überforderung. Wir haben heute eine hohe Standardisierung in Auswahlverfahren. Arbeitgeber wissen darum oft nicht, was ihre Mitarbeiter eigentlich können. Sie werden falsch eingesetzt - und so kann Über- wie Unterforderung entstehen.

Was sollten Unternehmen tun?

Sciurba:

Generell ist Aufmerksamkeit dem Thema gegenüber wichtig: Wir haben hohen Krankenstand! Warum kommen so wenig Leute zur Betriebsfeier? Warum wechseln unsere Führungskräfte ständig? Das sind einzelne Phänomene, die man in einen Kontext bringen muss. Heute gibt es Betriebsvereinbarungen, die regeln, wie hoch ein Schreibtisch sein muss, wie die Lärmbelastung sein darf, was bei Alkoholmissbrauch eines Mitarbeiters zu tun ist. Beim Thema psychosoziale Belastungen jedoch herrscht in Unternehmen große Unsicherheit. Auch die Arbeitnehmervertreter orientieren sich noch zu stark an den klassischen Themen des Betriebsverfassungsgesetzes. Dieses Gesetz braucht eine Weile, um gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen. Ich rate dazu, Arbeitnehmervertreter und Führungskräfte auch im Hinblick auf psychosoziale Belastungen weiterzubilden. Sie sollten wissen, wie man sie erkennt und wie man betroffenen Mitarbeitern hilft.

Es gibt immer noch Firmen, die sagen, wir sind doch kein Wellness-Institut. Was hätten die davon, wenn sie sich dem Thema öffnen würden?

Sciurba:

Wenn ich hohe Ausfälle habe - etwa durch gesundheitliche Einschränkungen - dann beeinträchtigt das mein Betriebsergebnis. Ich brauche doch Mitarbeiter, die zufrieden sind, die unsere Philosophie vertreten, die in unserem Sinne mit den Kunden umgehen. Es spricht sich ganz schnell herum, wenn in einem Unternehmen nur Stress herrscht. Das merken auch die Kunden - und die kaufen dann woanders oder schreiben ihre Kritik in Online-Foren und Bewertungsportale.

Was kann der einzelne Mitarbeiter tun?

Sciurba:

Seine Ansprüche senken. Der Arbeitsplatz kann nicht Partner, Kinder, mangelnde Freude am Leben ersetzen. Man muss sich davon verabschieden, langfristig ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Unternehmen zu pflegen. Das funktioniert nicht mehr, wenn eine Firma heute inhabergeführt ist, morgen fusioniert und in eine AG umgewandelt wird und übermorgen dann ihr Headoffice in Shanghai hat. Und jedes Mal, wenn der neue Inhaber kommt, ist das der Startschuss für eine neue Kultur. Loyalitäten brechen weg, weil die Menschen merken - ich bin zwar loyal, aber das Unternehmen ist es nicht zu mir.

Was kann denn an die Stelle des Werts Zugehörigkeit treten?

Sciurba:

Dieser emotionale Wert muss versachlicht werden. Firmen sollten ehrlich sagen, was sie dem Mitarbeiter bieten können und was nicht. Keine Versprechungen, die man nicht halten kann. Für den Arbeitnehmer gilt das genauso. Er könnte sagen: Ich stelle mir vor, drei Jahre bei Ihnen zu arbeiten. Aber dann darf ich als Unternehmer nicht beleidigt sein. Ich sollte zufrieden sein, dass ich während dieser Zeit einen guten Mitarbeiter habe. Wir werden uns als Unternehmen damit abfinden müssen, dass die Menschen nicht genau in unsere Schablone passen. Also müssen wir uns ändern.

Studie zu psychosozialen Belastung