Serie (1): Ich werde ... Schneiderin

Puzzle-Arbeit muss man mögen

| Lesedauer: 4 Minuten
Andrea Pawlik

Foto: Patrick Piel

Diese Ausbildung ist eine tolle Basis für viele Berufswege, findet die 23-jährige Catharina Rahlff.

Hamburg. "Reich werden in diesem Beruf nur wenige", sagt Catharina Rahlff. "Aber die Arbeit macht einfach Spaß - und es ist toll, wenn die Kunden von ihrem neuen Kleidungsstück begeistert sind." Catharina Rahlff liebt das Schneidern. Sie hat den richtigen Job für sich gefunden. Seit anderthalb Jahren wird sie von Schneidermeisterin Sigrid Fischer in deren Atelier in St. Georg ausgebildet. Gerade arbeitet die 23-Jährige an einer Hose aus grauem Stoff. Auf ihrem Arbeitstisch liegen Stoffbahnen, Schnittmuster, Nadeln, Schere, Maßband. "Was die Stoffe angeht, habe ich keine Vorlieben", sagt Catharina Rahlff. "Für Brautkleider und Abendmode arbeiten wir natürlich viel mit Seide. Aber es gibt auch tolle Wollstoffe, gerade für Hosen."

Was aus der Idee gemacht wird, mit der eine Kundin ins Atelier kommt, entscheidet diese selbst. Damenschneidermeisterin Sigrid Fischer berät sie dabei, nimmt Maß, erklärt, was machbar ist. Aber auch Catharina Rahlff hat viel Kontakt zu den Kundinnen. "Mich interessiert es auch viel mehr, deren Vorstellungen zu realisieren, als eine eigene Kollektion zu entwerfen." Das kann sie überzeugt sagen, weil sie auch darin Erfahrungen gesammelt hat - an der Modeschule im französischen Rennes, an der sie sich nach einem Au-pair-Aufenthalt bewarb und ein Jahr lang studierte. "Aber das war mir ein bisschen zu wenig Handwerk, darum habe ich mich entschieden, zunächst mal eine Ausbildung zu machen." Sie hatte gehört, dass bei Sigrid Fischer in Hamburg gerade eine Stelle frei war, und bewarb sich. Es war ihre erste und einzige Bewerbung. "Catharina ist mit großem Engagement und Interesse bei der Arbeit", sagt ihre Chefin. Eine ganze Reihe anderer Bewerber hatte sie zuvor nicht überzeugen können.

Doch mit Einsatz allein ist es natürlich nicht getan. "Man muss geschickt mit den Händen sein, ein gutes Vorstellungsvermögen haben, mit Hingabe und Geduld dabei sein", erklärt die Auszubildende. Denn gerade an aufwendigen Arbeiten, wie etwa gesmokten Passagen an Kleidern, sitzt eine Schneiderin auch leicht mal 20 Stunden. Dass sie solche Puzzle-Arbeiten mag, hat die 23-Jährige bereits im Handarbeitsunterricht während ihrer Schulzeit in Heide festgestellt. Schon ihr Konfirmationskleid hat sie - mithilfe einer Tante - selbst genäht. Heute hängen noch viel mehr selbst geschneiderte Stücke in ihrem Kleiderschrank. Außerdem entwirft sie Taschen. Auch die näht sie meistens zu Hause, nach Feierabend. Im Atelier ist sie mit den Auftragsarbeiten voll ausgelastet.

Anderthalb Tage pro Woche geht Catharina Rahlff zur Berufsschule. Deutsch, fachbezogenes Englisch, Technologie, Gestaltung und Konstruktion sowie Politik stehen dort auf dem Plan. "Wir sprechen auch über Themen wie Fairtrade oder die Fertigung in China." Die Ausbildung ist stark frauenlastig: In ihrer Klasse an der Berufsschule gebe es keinen einzigen männlichen Azubi. Abitur wird für die Ausbildung nicht vorausgesetzt. Theoretisch reicht der Hauptschulabschluss. "Aber es gibt viele Bewerber, darum hat man mit Abitur bessere Chancen."

Eine Alternative zur Ausbildung als Maßschneiderin kann sich Catharina Rahlff heute nicht mehr vorstellen. Vor Beginn kam für sie immerhin noch ein Mathestudium infrage. An Geometrie hat sie nämlich auch ihren Spaß. Vielleicht liegt es mit daran, dass sie plant, nach der Ausbildung noch ein einjähriges Studium zur Schnittdirektrice anzuschließen. "Wenn man wirklich Lust zum Schneidern hat, ist die Ausbildung auf jeden Fall ein toller Anfang", sagt Catharina Rahlff. "Auf dieser Basis kann man dann alles Mögliche machen." Zum Beispiel auch am Theater arbeiten. Oder noch eine Meisterausbildung draufsatteln und sich selbstständig machen, wie ihre jetzige Chefin Sigrid Fischer.

Aber egal, wo Catharina Rahlff mal beruflich landet, eines weiß sie jetzt schon: "Wenn man weiterkommen will, darf man sich nicht auf eine Stadt festlegen", sagt sie. "Man sollte viel wechseln." Sie selbst würde gern auch noch mal Erfahrungen in Italien sammeln. "Und wenn es nur für ein Praktikum ist."

Lesen Sie am nächsten Wochenende: Teil 2: "Ich werde ... Mediengestalterin für Digital und Print". Jana Herbst lernt bei der Agentur Speedpool.

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