Perspektiven

Was macht eigentlich ein Familientherapeut?

Wenige Wochen nach der Einschulung zeigt sich, dass ein Erstklässler in der Gruppe nicht zurechtkommt. Immer wieder wird er aggressiv gegenüber Mitschülern. Der Kinder- und Jugendpsychologe konnte nicht weiterhelfen. Darum zieht das Jugendamt die Systemische Familientherapeutin Annette Höfte-Baalmann (47) zu Rate. Sie findet heraus, dass die getrennt lebenden Eltern des Jungen zerstritten sind. Aber sie sind auch daran interessiert, ihr Problem zu lösen - und sich dabei beraten zu lassen.

Die schulische Situation des Jungen verbessert sich nach nur wenigen Wochen. "Ihm ist es gelungen, die Eltern nach langer Zeit wieder an einen Tisch zu holen. Das entlastet auch den Jungen", erklärt Familientherapeutin Höfte-Baalmann. Ein Familiensystem könne man mit einem Mobile vergleichen, bei dem sich alle Teile beeinflussen, erklärt sie. Werde ein Teil bewegt, komme Bewegung in die ganze Struktur. "Nur sogenannte Problemfälle zu betrachten, hilft meistens nicht weiter. Deshalb schauen wir stets auf das direkte Umfeld und alle den Klienten betreffenden Systeme." Dazu könnten die jetzige Familie, die Herkunftsfamilie, das soziale und manchmal auch das Arbeitsumfeld gehören.

Im Verlauf der Beratung geht es darum, die "bewährten" Zusammenhänge innerhalb des Systems aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Regeln zu verändern. Wie die meisten ihrer Kollegen hat Höfte-Baalmann einen sozialpädagogischen Hintergrund und nach ihrem Studium eine Ausbildung zur Systemischen Familientherapeutin gemacht. Sie arbeitet freiberuflich, unter anderem als Honorarkraft bei verschiedenen Jugendhilfeträgern.

Systemische Beratung ist aber nicht nur für Familien, sondern auch für Einzelpersonen in allen Lebensphasen oder für Paare geeignet. Die Arbeit ist aber immer häufiger in Form von Supervision oder Teamcoaching auch in der Unternehmensberatung gefragt. Denn wie bei allen Gruppen entwickeln sich im beruflichen Kontext im Laufe der Zeit Regeln, die die Verhaltensspielräume der einzelnen Mitglieder beschreiben und teilweise eben auch begrenzen.

Eine systemische Beratung kann sich über Monate hinziehen, aber auch nach wenigen Sitzungen abgeschlossen sein. Typisch sind große Zeitintervalle zwischen den Treffen; sie sollen Gelegenheit zur Veränderung geben.