"Inspirieren statt motivieren"

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ARNDT ASCHENBECK

Klartext: Lance Secretan. Alte Führungsmodelle haben ausgedient, meint der Ökonom.

ABENDBLATT: Sie behaupten, dass Führungsmodelle alter Prägung nicht mehr funktionieren. Wieso?

LANCE SECRETAN: Alte Führungskonzepte sind mental-mechanistisch orientiert. Zentrale Idee ist, dass das erfolgreiche Manipulieren anderer Menschen mit einer Reihe lehrbarer Konzepte zu bewerkstelligen sei. Das nennt man dann Motivation. Viele tausend Bücher belegen diese Denkweise.

ABENDBLATT: Was ist denn daran schlecht, andere Menschen motivieren zu wollen?

SECRETAN: Motivation kommt immer aus einem Eigeninteresse der Führungskraft heraus. Das Wörterbuch sagt, dass motivieren bedeutet: "Ein Motiv liefern, hervorrufen, anregen, antreiben." Motivation ist also etwas, das wir mit jemandem "machen". Die Führungskraft will ein Verhalten in anderen auslösen, das etwas bewirkt, an dem in erster Linie sie selbst interessiert ist. Damit dient sie in den seltensten Fällen den Interessen der Mitarbeiter.

ABENDBLATT: Aber es ist doch auch nicht Sinn und Zweck von Unternehmen, dass sie den Interessen ihrer Angestellten dienen . . .

SECRETAN: Doch, genauso sehe ich es. Organisationen sind dazu da, Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Und diese Art, über Wirtschaft zu denken, verbreitet sich immer mehr. Ideen wie Corporate Social Responsibility oder Nachhaltigkeit sind mehr als nur Indizien für diesen Wandel. Von vielen unbemerkt vollziehen sich gerade drei zentrale Veränderungen in unserer Arbeitswelt: Erstens gibt es immer mehr Mitarbeiter, die über ihren Zuständigkeitsbereich hinaus wissender und kompetenter sind als ihre Führungskräfte. Zweitens hat sich eine gewisse Führungsmüdigkeit breit gemacht. Das kommt daher, weil die Medien heute Führungsverhalten in einfacher Sprache auch für Nicht-Führungskräfte beschreiben und damit Führung entmystifizieren. Die dritte und vielleicht wichtigste Veränderung ist die dramatische Suche von immer mehr Menschen nach Sinn in ihrer Arbeit. Diese Menschen kann man nicht mehr motivieren, sie wollen inspiriert werden.

ABENDBLATT: Was genau verstehen Sie unter Inspiration?

SECRETAN: Sie entspringt einer dienenden Philosophie, bei der die Führungskraft sagt: "Ich bin Ihr Vorgesetzter. Was kann ich für Sie tun?" Sie entspringt einer Haltung der Liebe und des Dienstes ohne Hintergedanken. Inspiration ist keine Formel und kein Modell - sie kommt von innen, von einer Stelle, die wir Authentizität nennen. In Momenten der Inspiration haben wir Zugang zu der unbeschreiblichen Erfahrung des Geistes in uns. Die Inspiration ist unsere Muse, unsere kreative Lust, die Liebe, Leidenschaft und Freude. Sie kann allerdings nur dann entstehen, wenn Führungskräfte ihre eigene Bestimmung, Lebensaufgabe und Berufung in diesem Leben kennen. Erst dann sind sie inspiriert und können die Herzen und die Seelen anderer Menschen erreichen.

ABENDBLATT: Das klingt abgehoben . . .

SECRETAN: Das nehme ich in Kauf. Die meisten Menschen schrecken im Moment noch davor zurück, die Sprache der Seele im Berufsleben zu sprechen - aus Angst, dass sie zu "warm und wolkig" erscheinen. Wenn wir aber von unserem menschlichen Bedürfnis ausgehen, zu lieben und geliebt zu werden, muss Inspiration die oberste Priorität für Individuen und Organisationen sein. In Unternehmen, deren Arbeit gelebte Leidenschaft ist, entsteht Effektivität fast wie von selbst. Firmen, die nach diesem Grundsatz handeln, werden zu Magneten für Mitarbeiter und Kunden. Viele Beispiele zeigen, dass in solchen Unternehmen die materielle der menschlichen Größe folgt.

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