Raus aus der Tempofalle

Arbeitszeit: Schneller heißt nicht besser. Strategien gegen den Terminstress: Experten fordern Entschleunigung.

"Immer weniger Leute müssen in derselben Zeit immer mehr schaffen. Das Arbeitsleben ist prinzipiell schneller geworden." So erklärt der Arbeitsmediziner Dr. Dietrich Mathias den Trend zur Arbeitsbeschleunigung und -verdichtung. Tempowahn und Zeitnot sind unsere täglichen Begleiter. Fast jeder dritte Arbeitnehmer leidet unter Termindruck und Hektik, mehr als jeder vierte erlebt das geforderte Arbeitstempo als "sehr belastend". Das ergab eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Die Folge: Stress, Unfälle, Erkrankungen vom Magengeschwür bis zum Herzinfarkt.

Auch Unternehmen machen die bittere Erfahrung, daß der fast neurotische Zwang, immer schneller neue Produkte auf den Markt zu bringen, ihnen zum Verhängnis werden kann. So rückte der neue Fleckentferner des Unilever-Konzerns nicht nur dem Schmutz, sondern auch dem Stoff zuleibe - diese Nebenwirkung wurde offenbar nicht ausreichend getestet. Das hohe Tempo, mit dem Automobilhersteller DaimlerChrysler 1997 seinen Klein-Mercedes der A-Klasse zur Marktreife bringen wollte, rächte sich: Das Gefährt kippte beim Elch-Test um. Wenn die Unternehmen etwas vom Abwarten verstünden, ließe sich häufig viel Zeit und Geld sparen, meint der Münchner Zeitforscher Karlheinz A. Geißler.

Längst haben sich Bewegungen gegen den Tempowahn formiert: Die Slobbies (slower but better working people) revoltieren gegen das Stereotyp der ewig gehetzten Führungskraft und das mechanische Diktat der Uhr. Musiker haben sich in der Bewegung "Tempo Giusto" zusammengetan. Sie setzen auf das angemessene Tempo - auf Entschleunigung in klassischen Kompositionen. "Ich schlage reduzierte Tempi an", sagt der Pianist und Zeitexperte Uwe Kliemt. "Alles ist heute wahnsinnig schnell, dadurch geht uns viel verloren." Der Verein zur Verzögerung der Zeit, den der Klagenfurter Philosoph und Zeitforscher Prof. Peter Heintel 1990 gegründet hat, zählt inzwischen mehr als 1000 Mitglieder.

Aber auch Unternehmen denken um: Montblanc-Geschäftsführer Wolff Heinrichsdorf ist überzeugt, daß durch Zeitverschwendung Zeit zu gewinnen sei. Seine Mitarbeiter dürfen in der Arbeitszeit so viel und so lange Pausen machen, wie sie möchten, denn ein motivierter Mitarbeiter arbeite präziser und mehr - ein Ansatz ganz im Sinne der Zeitforscher. Skeptisch beurteilen sie dagegen Zeitmanagement-Kurse. Dort wird vor allem penibles Planen gelehrt. Das aber, meinen Kritiker, beanspruche ebenfalls viel Zeit und fördere eine Buchhaltermentalität, obwohl doch gerade Zeit für kreative Prozesse gewonnen werden soll. Ferner habe die Tugend der Pünktlichkeit in der Arbeitswelt ausgedient. Karriere werden in Zukunft die Flexiblen und nicht die Pünktlichen machen, sagt Zeitexperte Geißler.

In die Langsamkeit führt dennoch kein Weg mehr zurück. Wir beschleunigen jedoch nicht mehr so sehr über das Tempo, sondern über die Gleichzeitigkeit. So werden am Arbeitsplatz viele Dinge gleichzeitig erledigt - E-Mails abgefragt, dabei telefoniert und gegessen. Laut Geißler ist es wichtig, außer der Geschwindigkeit andere Zeitaspekte produktiv zu nutzen, wie das Warten auf den richtigen Augenblick, etwa für die Markteinführung eines neuen Produktes. "Man muß Zeit wie einen Schweizer Käse planen, mit festen Strukturen und großen Löchern." Der Zeitforscher setzt der herrschenden Beschleunigungskultur eine produktive Kultur der Zeitvielfalt entgegen, zu der auch Langsamkeit, Warten, Innehalten und Pausen gehören.

Dauerhaft erfolgreich werde derjenige sein, der kräfteökonomisch arbeitet und lebt und sich an seiner Eigenzeit orientiert, meint Autor Martin Massow. Er unterscheidet den klassischen Zeitmanager vom neuen Typus des Entschleunigungsmanagers, der versucht, die Qualität der Zeit zu beeinflussen. Trotz oftmals langsamerer Arbeitsweise sei letzterer häufig leistungsfähiger als der Zeitknauser.

Eine noch unentdeckte Produktivkraft sei die Langsamkeit. Sie ermögliche häufig erst Kreativität, schreibt der Zeitexperte Axel Schlote. "Schließlich heißt es langsam, aber sicher - und nicht: schnell, aber sicher." Gute Ideen brauchen ihre Zeit zum Reifen. Ein schneller Scheinkonsens benötige häufig viel Nacharbeit, sagt Prof. Heintel. Geduld und warten können sind wichtig für das Erreichen langfristiger Ziele.

Noch allerdings gilt jedoch derjenige als erfolgreich, der ständig erklärt: "Ich habe keine Zeit." Wer zugibt, ausgeruht zu sein und viel Zeit zu haben, setzt sich leicht dem Verdacht aus, seine Arbeitszeit nicht effektiv zu nutzen. Schlote räumt deshalb ein: "Wer sich den Zwängen unserer Zeitkultur entziehen will, braucht Mut und Kraft, um Widerstände bei Vorgesetzten und Kollegen zu überwinden."