Büroarbeit: 90 Prozent der Beschäftigten wünschen sich mehr Privatsphäre

Mein Schreibtisch - mein Zuhause

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexandra zu Knyphausen

Die Deutschen mögen es heimelig: Moderne Arbeitsformen wie "Desk Sharing" sind nur bedingt akzeptiert.

Paul Reger⊃1; hängt seinen Mantel auf, zieht die Straßenschuhe aus, schlüpft in bequeme Sandalen und knipst das Licht im Aquarium an. Dann schüttet er Futter ins Wasser und plaudert mit den Fischen. Paul Reger ist angekommen: in seinem Büro in einem süddeutschen Verlagshaus.

Lilly Berg⊃1; wird streng kontrolliert: "Bei uns geht ein Ordnungshüter abends durch die Büros und hängt Bilder ab. Bloß keine persönliche Note am Arbeitsplatz! Wir nennen ihn den Knastwärter. Am Tage inspiziert er die Namensschilder der Kollegen. Wehe, wenn einer da eine Blume oder sein Passbild draufgeklebt hat."

Variation drei: Petra Schwettke⊃1; fährt ins Büro, wo sie einen Rollcontainer aus dem Spind nimmt und sich einen Arbeitsplatz sucht - heute in der geräuschgedämpften Zone. Sie muss Vertragsentwürfe sichten, bevor sie ihrem Chef den besten präsentiert.

Drei Arbeitsplätze mit drei unterschiedlich weitreichenden Privatsphären. Wo liegt der goldene Mittelweg zwischen Schutz, Wohlgefühl und Öffentlichkeit, der gewährleistet, dass Arbeitnehmer möglichst effektiv arbeiten können? Wie viel Privatsphäre braucht der Mensch im Büro?

"Das hängt von seinen Aufgaben und individuellen Vorlieben ab, vom Arbeits- und Raumklima und seinem kulturellen Hintergrund", sagt Monika Bullinger, Professorin für medizinische Psychologie an der Universität Hamburg. Australische Experten unter Leitung des Forschers Vinsh Oommen analysierten weltweite Studien zu Auswirkungen moderner Bürogestaltung. Ergebnis: Mitarbeiter in Großraumbüros, die ja für weite Teile der Arbeitswelt das Modell der Zukunft sind, sind schneller gestresst und weniger produktiv. 90 Prozent der Untersuchten berichteten, dass sie außer mit schlechtem Raumklima in Großraumbüros mit "Reizüberflutung, Verlust von Privatsphäre und Identität, niedriger Produktivität und geringer Zufriedenheit" kämpften.

Rudolf Schricker, Design-Professor und Präsident des Bundesverbandes deutscher Innenarchitekten fand heraus: "In der Regel gilt: Je niedriger der Mitarbeiter in der Hierarchie angesiedelt ist, umso weniger erfüllt sein Arbeitsplatz individuelle Ansprüche." Das Gefühl des Beobachtetseins und die Vorstellung, dass Kollegen ihre Arbeit stets überwachen könnten, quälte die Befragten. Auch der Geräuschpegel, unter anderem durch Telefongespräche der Kollegen, mindere ihre Konzentration und führe öfter zu Streit. In der Tat stellten Experten fest: Grenzverletzungen rufen Aggressionen hervor.

"Man hat herausgefunden, dass eine Distanz von anderthalb Metern eingehalten werden muss, damit Menschen aus unserem Kulturkreis sich wohlfühlen", erzählt Monika Bullinger. "Außerdem brauchen sie Arbeitsplätze mit Sicht- und Hörschutz sowie Licht, um gut zu arbeiten."

Bis zu 20 Prozent ihrer Entwicklungskosten sparten Unternehmen bei der Einrichtung von Großraumbüros, errechneten die Australier. Nun haben kluge Manager längst erkannt, dass nicht reine Gewinnmaximierung entscheidend für langfristigen Unternehmenserfolg ist, sondern auch die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter. Entsprechend empfiehlt Oommens Team, die Gestaltung des Arbeitsplatzes nicht nur von Kosteneinsparungen leiten zu lassen, sondern auch die sozialen und psychologischen Bedürfnisse der Angestellten zu berücksichtigen.

Bedeutet das nun, dass außer Familienfotos auch die Eulensammlung von Onkel Udo, ein Aquarium und ein Klappbett erlaubt sind - oder sogar ein Hund, der dem Schreibtischtäter die Füße wärmt? Stefan Rief, der seit zehn Jahren die Studie "Office 21" für das Fraunhofer-Institut begleitet, gibt zu bedenken: "Das totale Wohlfühlen ist auch keine Garantie für hohe Produktivität. Aber wer sich extrem unwohl fühlt, wird nicht sehr produktiv sein können."

Dass Grünpflanzen gut fürs Raumklima sind, haben fast alle Unternehmen erkannt. Ein Problem sieht Monika Bullinger eher in "allen Gegenständen, die voluminös sind und nichts mit der Arbeit zu tun haben". Am besten sei es, wenn "die zusammen Arbeitenden aushandeln, was im gemeinsamen Bereich erträglich ist". So könne jeder ein gewisses Maß an Individualität ausleben.

Das Fraunhofer-Institut empfiehlt nach seiner "Office-Performance-Studie" das differenzierte offene Büro, in dem es - neben hochwertigen Möbeln - Zonen gibt, in denen Einzelne, je nach Anforderung, konzentriert arbeiten können, Team-Bereiche und Arbeitszonen, wo die "Begegnungswahrscheinlichkeit" hoch sei, die zwangloses Kommunizieren ermögliche.

Heute gibt es schon Firmen, die nur noch einige Mitarbeiter mit festen Arbeitsplätzen versehen, weil ohnehin viele tagelang im Außendienst sind. Desk Sharing und Flexible Office sind die Stichworte. Konzerne wie IBM arbeiten seit Jahren so. Psychologin Bullinger sieht durch derartige Büros die Privatsphäre deutlich beschnitten. Die Studie "Proklima", bei der 4500 Personen in deutschen Bürogebäuden befragt wurden, habe ergeben, dass das System des Desk Sharing nur gelänge, wenn es "durchzusetzen sei, dass Mitarbeiter als Ausgleich teilweise zu Hause arbeiten dürften".

Bullinger hält eine ganz andere Art von Motivation für wesentlicher: "Häufig haben Chefs das machtvolle Instrument der Anerkennung der Leistung ihrer Mitarbeiter noch viel zu wenig bemerkt. Das ist für die Produktivität vielleicht viel wichtiger als die Bürogestaltung."


⊃1;) Name geändert

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Karriere