Coronakrise

Bonz: „Die Ladung im Hafen wird um 50 Prozent zurückgehen“

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Martin Kopp
Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH), sieht den Hafen vor schwierigen Monaten.

Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH), sieht den Hafen vor schwierigen Monaten.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Präsident des Branchenverbandes sagt düstere Zeiten voraus. Er fordert: Keine Gebührenerhöhungen in den nächsten Jahren.

Hamburg.  Die Coronakrise trifft auch den Seehandel. Weil Produktionsstätten und Geschäfte geschlossen sind, ist der Transportbedarf per Schiff stark gesunken. Der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Gunther Bonz, erklärt im Gespräch mit dem Abendblatt, was das für den Hamburger Hafen bedeutet und wie die Unternehmen auf die Krise reagieren.

Abendblatt: Herr Bonz, Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann spricht davon, dass auch der Hafen eine Delle durch die Coronakrise erleiden wird. Wie tief wird diese?

Gunther Bonz: Wir gehen nicht davon aus, dass es nur um eine Delle geht. Die könnte man wie bei einem kleinen Autoschaden leicht ausbeulen. Wir gehen hingegen von einem schwereren Unfallschaden für den Hafen aus, um beim Bild zu bleiben. Die großen Reeder-Allianzen haben für April und Mai viele Schiffsanläufe, so genannte Dienste, gestrichen. Für den Hamburger Hafen sind das insgesamt seit Beginn des Jahres schon mehr als 50. Wir rechnen mit einem massiven Einbruch in den Monaten April und Mai. Und wie es danach weitergeht, ist völlig offen.

Wie ist denn die Lage derzeit im Hafen?

Bonz: Wir haben seit Jahresbeginn eine etwas schwächere Umschlagsentwicklung als im vergangenen Jahr. Aber seit Ausbruch der Coronakrise verzeichnen einzelne Firmen Umschlagsrückgänge von 50 bis 80 Prozent.

Welche Firmen sind besonders betroffen?

Bonz: Alles was mit dem Export schwerer Maschinen zu tun hat, ist praktisch zum Erliegen gekommen, weil die Produktionsstätten in Süddeutschland nicht mehr arbeiten. Die stellen keine Spezialmaschinen mehr her, die über Hamburg dann in alle Welt verschifft werden sollten. Bis dieser Prozess wieder anläuft, vergehen Monate. Die Firmen haben also mit erheblichen Einbußen zu rechnen, die auch länger anhalten. Das ist eben nicht nur eine Delle.

Können Sie das konkretisieren?

Bonz: Ich will das gerne an einem Beispiel verdeutlichen. Es gibt eine Firma in Süddeutschland, die für die Fertigung ihrer Spezialmaschinen derzeit auf Schrauben und Bolzen aus China wartet. Bis die kommen, vergehen Monate. Selbst wenn das Werk in Süddeutschland Ende April wieder aufgemacht wird, fehlen Teile aus Asien, so dass sich das Anfahren der Produktion um Wochen verzögert – mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Umschlag im Hafen.

Am Anfang hieß es, dass die Rückgänge vor allem auf das chinesische Neujahrsfest zurückzuführen seien. Davon kann doch keine Rede mehr sein.

Bonz: Nein. Wir haben jedes Jahr das so genannte Chinese New Year bei dem die Werke in China geschlossen werden und ein Großteil der Belegschaften Urlaub hat. Die daraus resultierenden Ladungsrückgänge kommen bei uns mit acht bis zehn Wochen Verzögerung an. Das haben wir auch in diesem Jahr Anfang März gespürt. Aber das Ladungsaufkommen hat sich dann nicht wieder stabilisiert, es blieb wegen Corona niedrig. Und das wird sich jetzt fortsetzen. Den vorläufigen Tiefpunkt erwarten wir Ende April, Anfang Mai.

Wie wird sich die Ladung entwickeln?

Bonz: In den kommenden zwei Monaten rechne ich mit einem Ladungsrückgang von bis zu 50 Prozent über den gesamten Hafen. Was das für das Gesamtjahr bedeutet, lässt sich aktuell noch nicht prognostizieren. Es hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang und Zeitraum die Kontaktsperren auch weltweit wieder gelockert werden.

Sind denn bereits Hafenfirmen in ihrer Existenz bedroht?

Bonz: Sagen wir mal so: Einige machen sich konkret Sorgen.

Was bedeutet die Ausnahmesituation für die Beschäftigten im Hafen?

Bonz: Wir haben im Hafen rund 40.000 Beschäftigte. Mit der Gewerkschaft Ver.di ist für alle deutschen Seehafenbetriebe ein Tarifvertrag Kurzarbeit vereinbart worden. Auch für den Hafen steht also die Einführung von Kurzarbeit unmittelbar vor der Tür. Ich möchte aber betonen, dass alle Unternehmen als Teil einer kritischen Infrastruktur mit einer hochmotivierten Mannschaft den Umschlagsbetrieb aufrechterhalten. Es kommen ja weiter zum Beispiel dringend benötigte Waren an, wie Lebensmittel sowie Krakenhausbedarfsartikel und Medikamente. Wir sorgen dafür, dass diese schnell zu den Kunden kommen.

Wie lange kann der Hafen diese Ausnahmesituation durchhalten?

Bonz: So wie alle anderen Wirtschaftsbetriebe auch: Je länger es dauert, umso schwieriger wird es. Dabei steht aber der Schutz der Bevölkerung völlig richtig oben an, über die wirtschaftlichen Folgen müssen wir uns dann Gedanken machen. Was mir dabei Sorge bereitet, sind die besonderen Folgen dieser Ausnahmesituation für den Hafen.

Das heißt?

Bonz: Sehen Sie, der Hafen hatte bereits gegenüber seinen Konkurrenten wie Rotterdam und Antwerpen Wettbewerbsnachteile – wegen hoher Kosten in Hamburg. Deshalb ist es aus unserer Sicht erforderlich, dass für die nächste Zeit keine weiteren Kostenerhöhungen durch die Hafenverwaltung stattfinden.

Laut Hamburg Port Authority können Firmen die Zahlung ihrer Mieten und Pachten stunden. Reicht das?

Bonz: Als erste Maßnahme ist das für in Schwierigkeiten geratene Unternehmen ein gutes Signal. Was die Hafenwirtschaft aber benötigt, ist die Zusage, dass keine weiteren Kosten- oder Mieterhöhungen stattfinden. Das ist deshalb so wichtig, weil viele Transporteure in der Krise ihre Logistikketten aus Effizienzgründen überprüfen. Sollte Hamburg also nach der Krise Hafengebühren erhöhen, dann wird mit Sicherheit Verkehr umgeleitet. Deshalb benötigen wir jetzt das Signal: Hamburg wird in den kommenden Jahren die Gebühren nicht erhöhen!

Heißt das, dass die derzeitige Krise auch zu strukturellen Ladungsrückgängen in Hamburg führen kann?

Bonz: Es wird ja bereits Ladung für das kommende Jahr akquiriert. Und wir haben jetzt schon den Fall, dass ein Kunde sagt, die Zusatzkosten in Hamburg sind zu hoch. Deshalb wird diese Ware nun nicht über unseren Hafen transportiert. Den Fall haben wir auch den Behörden mitgeteilt.

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Der Bund und die Länder haben ein umfangreiches Rettungspaket geschnürt, viel Geld ist bereits geflossen. Reicht das für die Firmen im Hafen?

Bonz: Das Rettungspaket ist gut für Firmen, die unmittelbar unter den Kontaktverboten leiden, wie Restaurantbesitzer und Einzelhändler. Unternehmen der kritischen Infrastruktur fallen aber nicht darunter. Deshalb dürfen die Grundkosten, die unsere Unternehmen haben auf keinen Fall weiter steigen.

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