Hamburger Frachter

Brachte eine Monsterwelle die „Cemfjord“ zum Kentern?

Experten halten Szenario wie beim Untergang des Containerfrachters „München“ für möglich. Kaum mehr Hoffnung für acht Seeleute des Schiffs, das im Auftrag der Hamburger Reederei Brise unterwegs war.

Hamburg/Wick. Mehr als 48 Stunden nach dem Unglück vor der Küste Schottlands haben die Rettungskräfte die Suche nach den acht vermissten Seeleuten des gesunkenen Frachters „Cemfjord“ eingestellt. Ein Schiff der Küstenwache soll aber über Nacht an der mutmaßlichen Unglücksstelle bleiben.

Bis zum Einbruch der Dämmerung suchten die Rettungskräfte fieberhaft mit Hubschraubern und einem Flugzeug nach den Vermissten, mehrere Boote fuhren den Küstenstreifen ab und hielten Ausschau nach Menschen, Rettungsbooten und Wrackteilen - vergeblich. Von den Männern fehlt noch immer jede Spur. „Wir bedauern, dass trotz bestmöglicher Anstrengungen nach wie vor keine Spur von der Crew gefunden werden konnte“, teilte die Hamburger Reederei Brise mit.

Es muss alles sehr schnell gegangen sein. So schnell, dass die Crew des Hamburger Containerfrachters vermutlich noch nicht mal mehr einen Notruf absetzen konnte, um die Küstenwache über den bevorstehenden Untergang ihres Schiffes zu informieren.

Gegen 14 Uhr am Sonnabendnachmittag hatten Passagiere der Fähre „Hrossey“ die sinkende „Cemfjord“ in der Meerenge Pentland Firth rund 24 Kilometer nordöstlich der schottischen Hafenstadt Wick entdeckt. Den Fahrgästen bot sich ein Bild des Grauens: Nur noch der Bug des Containerfrachters ragte aus dem Wasser.

Nach Auskunft der Hamburger Reederei Brise, die in der Altstadt sitzt, handelt es sich um sieben Polen und einen Seemann von den Philippinen. All zuviel Hoffnung, dass die Crew überlebt haben könnte, machen Experten nicht, nachdem am Sonntagnachmittag auch der Bug im Meer versank.

Wie die Reederei mitteilte, sind die Angehörigen der Seeleute informiert worden.

Noch um 13.15 Uhr am Freitag war die unter zypriotischer Flagge fahrende „Cemfjord“ auf den Kontrollschirmen der schottischen Seeüberwachung aufgetaucht. Zu diesem Zeitpunkt herrschte extrem schlechtes Wetter. Böen mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde fegten über die aufgepeitschte Nordsee.

Der 83 Meter lange Frachter, der mit 2000 Tonnen Zement an Bord vom dänischen Aalborg auf dem Weg nach Runcorn bei Liverpool war, kenterte dann bei stürmischer See. „Was immer auch geschah, es geschah sehr schnell“, sagte einer der Rettungskräfte, Bill Farquhar, der BBC.

Die Passagiere der Fähre berichteten von der gespenstischen Atmosphäre an Bord, nachdem sie den gekenterten Frachter gesichtet hatten. „Wir waren geschockt, komplett geschockt, als wir den Bug aus dem Wasser ragen sahen“, erzählte ein Augenzeuge. Ein anderer berichtete: „Die See war sehr unruhig. Schon beim ersten Blick auf das Schiff wussten wir, dass die Crew in ernsten Schwierigkeiten gewesen sein musste.“

Unklar ist, warum der Zementfrachter havarierte

Noch ist unklar, warum der Zementfrachter havarierte. Die 1984 von der Bremer Rolandwerft gebaute „Cemfjord“ wurde nach Angaben der Brise-Reederei erst im Dezember einer Inspektion unterzogen, mit dem Ergebnis: nichts zu beanstanden. Grundsätzlich sei denkbar, dass entfesselte Naturgewalten auch ein Schiff wie die „Cemfjord“ zum Kentern bringen, sagte Rolf Fremgen vom Sea Survival Center Cuxhaven dem Abendblatt.

Als Beispiel nennt der Experte für „Sicherheit und Überleben auf See“ den Containerfrachter „München“, der am 11. Dezember 1978 nördlich der Azoren plötzlich von einem Orkan mit Windgeschwindigkeiten von 110 Kilometern pro Stunde getroffen wurde. Damals war es eine mindestens 25 Meter hohe Monsterwelle, eine sogenannte „Freak wave“, die den Frachter kentern ließ. Bis dahin hatten Meeresforscher Riesenwellen, die vom Tal bis zum Kamm mehr als 15 Meter messen, als Fantasterei abgetan.

Seit dem Unglück nicht mehr. So wurde die Ölplattform „Fall Draupner“ zwischen England und Norwegen von einer fast 26 Meter hohen Welle überrollte, 2001 krachte ein 35 Meter hohes Ungetüm auf das deutsche Kreuzfahrtschiff „Bremen“ und richtete massive Schäden an. Und gar nicht mal so weit von der Unglücksstelle entfernt, 250 Kilometer westlich von Schottland, nahe der Insel Rockall, wurde im Jahr 2000 eine ganze Reihe von Monsterwellen erfasst.

Zwar spielt bei der Frage, ob Seeleute eine derartige Notsituation überstehen können, neben Faktoren wie der Wassertemperatur auch der reine Überlebenswillen eine Rolle. Doch ohne Schutz, so Fremgen, halte man in der nur acht Grad kalten Nordsee nur wenige Minuten durch. Ein speziell für solche Notfälle geeigneter Neopren-Anzug könne zwar ein Absinken der Körperkerntemperatur um mehr als zwei Grad verhindern. Allerdings schütze der Anzug nicht länger als sechs Stunden vor Auskühlung.

Zwei Hubschrauber und vier Rettungsschiffe suchten die Seeleute

Weil Dunkelheit und stürmisches Wetter die Arbeit der Rettungskräfte Sonnabendnacht behinderte, wurde die Suche abgebrochen und am frühen Sonntagmorgen wieder aufgenommen. Mit im Einsatz waren zwei Hubschrauber der britischen Royal Air Force und der Küstenwache. „Außerdem sind vier Rettungsschiffe in dem Gebiet unterwegs, um nach den Seeleuten zu suchen“, sagte Tony Redding, Sprecher der Reederei vor Ort, dem Abendblatt. Am Sonntag war der Wind bei erheblich besserer Sicht deutlich abgeflaut. „Die Windstärke liegt nur noch bei 5 bis 6 statt bei 9“, so Redding weiter. „Alles, was wir jetzt tun können, ist warten.“ Es werde „jede Anstrengung“ unternommen, sagte eine Sprecherin der Küstenwache. Doch auch am Sonntagabend musste die Suche abgebrochen werden.

Die „Cemfjord“ ist nicht das erste unter rätselhaften Umständen havarierte Containerschiff der Brise-Reederei. Trotz guten Wetters bekam am 21. Februar 2010 das von Brise gemanagte Containerschiff „Angeln“ zwei Meilen vor der Küste der Karibik-Insel St. Lucia plötzlich stark Steuerbord-Schlagseite und sank. Glücklicherweise konnten sich die 15 Crewmitglieder aus Osteuropa mit Bordmitteln retten. Wie sich herausstellte, war weder ein Zusammenstoß mit einem anderen Schiff die Ursache für die Havarie, noch war die Angeln auf Grund gelaufen.