Luftfahrt

Lufthansa Technik wächst um 1000 Jobs im Norden

| Lesedauer: 8 Minuten
Wolfgang Horch
Die Arbeit von Lufthansa Technik passiert im Hangar – aber zunehmend auch am Computer. Für weiteres Wachstum sorgt eine strategische Übernahme.

Die Arbeit von Lufthansa Technik passiert im Hangar – aber zunehmend auch am Computer. Für weiteres Wachstum sorgt eine strategische Übernahme.

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance/dpa

Der Hamburger Weltmarktführer übernimmt einen IT-Spezialisten aus Norderstedt – und prophezeit noch mehr Wachstum.

Hamburg.  Moderne Flugzeuge senden in der Luft eine Vielzahl von Daten. Bei einem Airbus A350-Großraumjet werden pro Stunde etwa ein Terabyte an Informationen gen Erde gefunkt. Es handelt sich um Sensorangaben zur Lage des Flugzeuges, zu Temperaturen und Drücken an verschiedenen Leitungen, aber auch um Fehlermeldungen. Für die Fluggesellschaften sind dies wichtige Informationen, um den Aufenthalt am Boden möglichst kurz zu gestalten. Beispielsweise können notwendige Reparaturen unverzüglich vorbereitet und schneller vorgenommen werden.

Doch dafür müssen die Daten auch richtig interpretiert werden. Schon seit einigen Jahren ist Lufthansa Technik in dem Bereich aktiv. Nun treibt der Weltmarktführer in der Wartung, Reparatur und Überholung (Maintenance, Repair and Overhaul, MRO) von Flugzeugen seine Digitalisierung weiter voran.

Lufthansa Technik übernimmt IT-Spezialisten aus Norderstedt

Das Unternehmen mit Sitz am Flughafen in Fuhlsbüttel habe Anfang des Jahres 100 Prozent der Anteile von Lufthansa Industry Solutions (LHIND) übernommen, wie auf Anfrage unserer Redaktion bestätigt wurde. Bisher gehörte der IT-Dienstleister zur Konzernmutter Lufthansa. Am Firmensitz in Norderstedt beschäftigt er etwa 650 Mitarbeiter, in Hamburg mehr als 400, weltweit sind es mehr als 2300 Menschen.

Mit den hochspezialisierten Beschäftigen von LHIND an der Seite käme man dem strategischen Ziel näher, die digitale Transformation der MRO-Branche anzuführen, sagte Lufthansa-Technik-Finanzvorstand William Willms: „MRO-IT-Services und Digitalisierung werden in den nächsten Jahren ein zentrales Wachstumsfeld für Lufthansa Technik sein, dem weitere komplementäre Ergänzungen folgen werden.“

Man freue sich, noch näher an Lufthansa Technik heranzurücken, sagte LHIND-Chef Jörn Messner. Es gebe ein klares Bekenntnis, Raum und Mittel für weiteres Wachstum zu erhalten und Freiräume für Innovationen und große unternehmerische Projekte zu erhalten. Auch außerhalb der Luftfahrtbranche soll LHIND seine Geschäfte ausbauen. Das Management bleibe an Bord, für die Mitarbeiter solle sich nichts ändern, hieß es.

Lufthansa Technik soll einen strategischen Investor bekommen

Die Übertragung der Anteile auf das Hamburger Unternehmen dürfte auch in Vorbereitung des geplanten Teilverkaufs erfolgt sein. Die Konzernmutter sucht für Lufthansa Technik einen strategischen Investor. Auch ein späterer Teilbörsengang wird erwogen. Die notwendigen Vorbereitungen dazu seien abgeschlossen, hieß es nun nach Abendblatt-Informationen im Intranet von Lufthansa Technik.

Ende Januar sollten Gespräche mit Interessenten beginnen, die in zwei Runden voraussichtlich bis in den Sommer dauern werden. Dann sollten gegebenenfalls die Kaufpreisangebote vorgelegt werden. Ein Investor könne helfen, „das Kerngeschäft weiterzuentwickeln und Projekte in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit voranzutreiben“, sagte Willms dem Mitarbeiterportal. Mit LHIND an Bord dürfte das Gesamtpaket Lufthansa Technik für Interessierte also spannender geworden sein, und der zu erzielende Erlös aus dem Teilverkauf auch höher. Schließlich gilt Digitalisierung gemeinhin als Wachstumsstory – aber was macht Lufthansa Technik nun in diesem Bereich genau?

Digitalisierung: Kunden können schon vor einer Störung aktiv werden

Los ging es vor einigen Jahren mit dem Programm Aviatar. Dabei werden die Daten aus den Fliegern mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz analysiert und sogenannte Prädiktoren entwickelt. Es wird also eine Vorhersage für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses ermittelt. Als Konsequenz daraus spricht das System zum Beispiel die Empfehlung aus, einen Ölwechsel vorzuziehen oder eine Komponente auszutauschen. „Unsere Kunden können vorher aktiv werden, bevor sie nachher die Störung haben“, sagt Philip Mende, der bei Lufthansa Technik das Digital-Geschäft leitet.

Mittlerweile verfüge man über mehr als 100 Anwendungen von Prädiktoren. Knapp 4000 Flugzeuge werden von den Hamburgern digital betreut. „Wir sind in allen Welt­regionen und bei allen Arten von Fluggesellschaften aktiv“, sagt der 52 Jahre alte studierte Luft- und Raumfahrttechnik­ingenieur im Gespräch mit unserer Redaktion. So gehören Netzwerkairlines wie Lufthansa und United ebenso zu den Kunden wie Billigfluggesellschaften wie Wizz Air oder Sichuan Airlines aus China. Der Umfang der angebotenen Dienstleistung reicht von dem Anzeigen einfacher Fehlermeldungen über die Prädiktoren bis hin zu elektronischen Logbüchern. In ihnen können Piloten während des Fluges Fehler elektronisch eingeben, die sich die Mechaniker später am Boden genau anschauen können.

Nicht revolutionär, aber zentral: Wartungsbücher und Planungssoftware

Das klingt nicht sonderlich revolutionär, aber tatsächlich erfolgt in der sehr auf Vorschriften, doppelter Kontrolle, Dokumentation und Sicherheit bedachten Luftfahrtwelt vieles noch auf Papier. Kaum eine Airline ist heute papierlos bei Wartungen, es müssen Zettel unterschrieben und an die zuständigen Stellen geschickt werden. Die Wartungsbücher von Flugzeugen sind schon mal zigtausende Seiten stark. Das ist ein zweiter Bereich, in dem das Unternehmen aktiv ist. Auf der Plattform Flydocs – das einstige britische Start-up gehört seit ein paar Jahren zu den Hamburgern – sind diese Daten digitalisiert worden und werden maschinell nutzbar gemacht, um daraus bestimmte Muster zu erkennen.

Der dritte Bereich gehört wie LHIND erst seit Kurzem zu Lufthansa Technik. Vergangenen Dienstag wurde bekannt, dass die Swiss AviationSoftware voll integriert werde. Sie gehörte bisher zur Schweizer Fluggesellschaft Swiss – ebenfalls einer Lufthansa-Tochter – und entwickelte das Programm Amos. „Es ist eigentlich das Rückgrat jedes technischen Betriebs einer Airline, denn es ermöglicht die Planung und Umsetzung aller erforderlichen Wartungs- und Überholungsarbeiten“, sagt Mende über den Marktführer in dem Segment. So werden in dem Programm Informationen gesammelt, zum Beispiel welcher Check wie oft erfolgen soll, wann er zuletzt gemacht wurde, wann er wieder fällig ist, welches Material gebraucht wird und welche Teile wie häufig gewechselt wurden.

Lufthansa Technik zielt auf maßgeschneiderte Wartungszyklen

Alle drei Module zusammen würden die drei unterschiedlichen Facetten des technischen Betriebs von Flugzeugen abdecken, so Mende. Die unterschiedlichen Datentöpfe mit ihren eigenen Datenzugängen sollen nun miteinander vernetzt werden, um die Anwendungen für die Airlines weiter zu verbessern – und da kommt Lufthansa Industry Solutions ins Spiel. Der IT-Dienstleister soll mit seinem Know-how dabei helfen.

Letztlich könnten die Wartungen für die Flugzeugtypen und Fluglinien ziemlich maßgeschneidert werden. Einzelne Bauteile können länger geflogen werden, was auch Lufthansa Technik hilft. Denn meist werden Flatrate-Verträge abgeschlossen, so dass die Kosten für den Austausch von Komponenten das Hamburger Unternehmen übernehmen muss. Auf der anderen Seite können aber auch Teile ausgetauscht werden, bevor ein größerer Schaden eintritt. Das sorgt für eine größere Verlässlichkeit im Flugplan, weil ein Flieger nicht spontan aus dem laufenden Dienst genommen werden muss. Und wenn solche Ausfälle insgesamt seltener vorkommen, dann können die Airlines ihre Puffer an Maschinen reduzieren, die sie alle vorhalten.

Lufthansa Technik peilt rapide steigende Erlöse an

Wie viel Umsatz Lufthansa Technik im digitalen Geschäftsfeld erzielen will, lässt das Unternehmen bisher offen. „Die vergangenen zwei Jahre haben wir den Aviatar-Umsatz jeweils verdoppelt“, sagt Mende lediglich, ohne aber konkrete Zahlen zu nennen. Der Umsatz dürfte im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Einst war für 2021 ein Umsatz von 600 Millionen Euro angepeilt gewesen. Klar ist, dass die Erlöse deutlich steigen sollen. Während Triebwerks- oder Flugzeugüberholung wohl mit dem Markt wachsen würden, soll es im Digitalen mehr sein, sagte Mende: „Das Geschäftsfeld wächst viel stärker als die Luftfahrtindustrie, weil wir erst am Anfang der Digitalisierung unserer Industrie sind.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft