Handwerkskammer Hamburg

Frauen im Hamburger Handwerk händeringend gesucht

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Melina Anni Koch ist Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik arbeitet bei der Firma Gehrke in Hamburg. Sie hat im September 2022 ihre Meisterausbildung absolviert.

Melina Anni Koch ist Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik arbeitet bei der Firma Gehrke in Hamburg. Sie hat im September 2022 ihre Meisterausbildung absolviert.

Foto: dpa/ Frank Molter

Handwerkskammer Hamburg und Politik werben massiv um weiblichen Nachwuchs: Melania Anni Koch ist mit 25 Jahren schon Meisterin.

Hamburg.  Melina Anni Koch muss nicht mehr überzeugt werden. Wenn die junge Frau über Heizungswartung und Badinstallationen, über Erdwärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen spricht, strahlt sie geradezu. „Ich bin Herzblut-Handwerkerin. Ich wusste schon nach der Schule, dass ich ins Handwerk will.“

Inzwischen ist die 25-Jährige Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik bei der Firma Gehrke in Eidelstedt und hat gerade ihre Meisterprüfung absolviert – als eine der wenigen in diesem Bereich in Hamburg. Spätestens um 7.30 Uhr steigt Anni, wie sie im Betrieb alle nennen, jeden Morgen in den Firmentransporter. Auf der Ladefläche stehen ihre Werkzeugkoffer, in den Regalen sind mehrere Dutzend Armaturen und Ersatzteile für Rohre sorgfältig sortiert. Auch das Abgasmessgerät ist immer dabei. Dann geht es zu den ersten Kunden. „Ich mag an meinem Beruf, dass er so vielseitig ist“, sagt Koch.

Handwerkskammer Hamburg: Frauen haben eine Zukunft

Frauen im Handwerk, das ist immer noch ein schwieriges Thema. Kfz-Mechatronikerinnen, Elektronikerinnen oder Anlagenmechanikerinnen sind eher die Ausnahme in den vermeintlich klassischen Männerberufen. In Zeiten von Fachkräftemangel und Fragen der Unternehmensnachfolge werden sie jedoch dringender denn je gebraucht.

„Sowohl in Hamburg als auch bundesweit sinkt – über alle handwerklichen Gewerke betrachtet – der Anteil weiblicher Auszubildender. In den für die Klimawende so wichtigen technischen Gewerken stagniert der Frauenanteil in der Ausbildung auf niedrigem Niveau“, sagt Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg.

Es ist kein Zufall, dass er gemeinsam mit Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) und Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) persönlich gekommen ist, um Melina Anni Koch zu ihrem Meistertitel zu gratulieren und Werbung für die Berufswahl zu machen. „Die Botschaft ist: Frauen im Handwerk haben eine Zukunft“, so der Handwerkskammer-Präsident.

Handwerkskammer Hamburg: Gute Karrierechancen für Frauen

Bei Melina Anni Koch war die Entscheidung vor fünf Jahren direkt nach dem Fachabitur an einer Gemeinschaftsschule in Norderstedt gefallen. „Ich wusste anfangs nicht, in welche Richtung ich gehen wollte“, erzählt sie. Es kamen dann mehrere Dinge zusammen. Ihre Mutter arbeitet bei der Firma Gehrke im Büro. Beim Abholen hatte Firmenchef Lorenz Gehrke ihr spontan einen Ausbildungsplatz angeboten. Am 1. August 2017 fing sie an. Als erste weibliche Auszubildende überhaupt in dem Betrieb mit 100-jähriger Tradition.

„In der Berufsschule waren wir vier Frauen“, erinnert sich die junge Handwerksmeisterin. Aber Probleme mit den männlichen Kollegen habe es nie gegeben. Selbstbewusst steht Koch auf dem Betriebshof, in dunkler Arbeitshose und Sweatshirt. Ihren Abschluss machte sie nach einer verkürzten Ausbildungszeit mit 1,2. Mit einem Stipendium der Handwerkskammer startete sie 2020 ihre Meisterausbildung. Nach dem Abschluss verdient sie 3000 Euro im Monat und ist sehr zufrieden.

„Die Karrierechancen sind super“, sagt Koch. „Als Meisterin kann ich selbst mal einen Betrieb gründen oder übernehmen.“ Um ihre Zukunftsperspektiven noch weiter zu verbessern und weil es ihr Spaß macht, sattelt sie ein Studium Betriebswirtin des Handwerks obenauf.

Handwerkskammer Hamburg: Masterplan Handwerk soll Berufswege aufzeigen

Es habe sich viel im Handwerk geändert, betont Sozialsenatorin Melanie Leonard. Wenn ein Ausbildungsvertrag früher manchmal nicht zustande kam, weil es in dem Betrieb keine Damentoilette gab, seien Frauen bei den vielen Herausforderungen im Handwerk inzwischen Teil der Lösung. „Um den Anteil von Frauen im Handwerk zu erhöhen, braucht es gute Informations- und Beratungsangebote. Im Masterplan Handwerk haben die Beteiligten deswegen vereinbart, diese Zielgruppe bis 2030 gezielt anzusprechen, um Wege ins Handwerk aufzuzeigen“, so die SPD-Politikerin.

Handwerkskammer Hamburg: Weniger weibliche Auszubildende im Handwerk

Bislang mit mäßigem Erfolg. Nach aktuellen Zahlen der Handwerkskammer haben in Hamburg im vergangenen Jahr gerade mal sechs Frauen eine Ausbildung im Sanitär-und Heizungsbau begonnen. Das entspricht einer Quote von zwei Prozent.

Bei Elektronikerinnen sind es vier Auszubildende (1,5 Prozent), bei Kfz-Mechanikerinnen sind es zehn (3,6 Prozent), die in eine Lehre gestartet sind. An den Meisterprüfungen im Sanitär- und Heizungsbau haben 2021 vier Frauen teilgenommen – und alle bestanden. Das ist laut Kammer der Höchststand seit 2020. Üblicherweise gab es maximal zwei Teilnehmerinnen pro Jahr, oft auch gar keine.

Handwerkskammer Hamburg: Selbst im Friseurhandwerk ist Schwund

Auch insgesamt ist die Zahl der weiblichen Auszubildenden im Handwerk demnach rückläufig. Lag der Anteil der Frauen zwischen 2000 und 2012 noch bei mehr als 25 Prozent, sank er seitdem stetig und fiel im vergangenen Jahr auf unter 18 Prozent. Auch in den bisher weiblich dominierten Berufen wie Friseurin oder Maßschneiderin sei ein starker Schwund zu verzeichnen – im 20-Jahres-Vergleich habe es einen Verlust von etwa zwei Dritteln der Ausbildungsverträge gegeben.

„Wir wollen das wertvolle Potenzial weiblicher Nachwuchs- und Führungskräfte heben“, sagte Handwerkskammerpräsident Stemmann.

Wirtschaftssenator appelliert an Unternehmen

„Das Handwerk bietet spannende und moderne Berufe, in denen es heute viel mehr um Technik und IT geht“, wirbt auch Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, der selbst eine Ausbildung als Elektroniker gemacht hat, für die handwerkliche Ausbildung. „Wir brauchen mehr Frauen.“ Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels könne man es sich nicht leisten, auf Frauen im Handwerk zu verzichten. Dafür brauche es Unternehmen und konkrete Angebote, um Frauen für die Berufe zu begeistern und sie zu fördern, appelliert er.

Hanwerkskammer Hamburg: Keine Bewerbungen von Frauen

Firmenchef Lorenz Gehrke macht genau das – und ist sehr stolz auf seine neue Meisterin Melina Anni Koch. „Mich wundert, dass heute manche wirklich noch darüber nachdenken, ob ein Handwerksberuf das Richtige für eine Frau ist“, sagt er. Das sei überholt, auch in der Familienphase sei mit Elternzeit und Teilzeitangeboten vieles möglich.

Trotzdem war auch in seinem Betrieb mit 15 Beschäftigen Koch bislang die einzige weibliche Auszubildende. „Ich würde immer wieder junge talentierte Frauen ausbilden, wenn ich Bewerbungen bekäme“, sagt Gehrke. „Es muss ganz schnell ein Umdenken stattfinden.“

Handwerkskammer Hamburg: Seid mutig, bewerbt euch!

Auch die frischgebackene Meisterin versteht die Zurückhaltung nicht und appelliert an ihre Geschlechtsgenossinnen: „Seid mutig, macht Praktika, bewerbt euch, probiert es aus.“ Dass ein handwerklicher Beruf auch erhebliche Vorteile im Privaten bringen kann, hat sie gerade bewiesen.

„Wir haben zuhause neu gebaut“, sagt Melina Anni Koch, „und ich konnte die Sanitäranlagen, die Wärmepumpe und Photovoltaikanlagen selbst installieren.“ Das können die wenigsten Männer sagen.

Die Berufsorientierungsmesse Handwerkswelten findet am 21. und 22. September mit 17 Ausstellern aus verschiedenen Bereichen auf der Eis-Arena in Planten un Blomen statt. 9-16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen über https://www.hwk-hamburg.de

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