Energiewende

Airbus will mit Partnern Öko-Kerosin in Hamburg herstellen

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Heiner Schmidt
Eine Beluga-Transportmaschine im Airbus-Werk auf Finkenwerder. Die aktuellen Maschinen des Frachtfliegers fliegen schon heute mit knapp einem Fünftel Öko-Kerosin im Tank.

Eine Beluga-Transportmaschine im Airbus-Werk auf Finkenwerder. Die aktuellen Maschinen des Frachtfliegers fliegen schon heute mit knapp einem Fünftel Öko-Kerosin im Tank.

Foto: Roland Magunia

Mit Siemens Energy, Uniper und Sasol will der Flugzeugbauer in Hamburg eine Öko-Kerosin-Anlage bauen. Was jetzt schon bekannt ist.

Hamburg.  Es ist ein Vorhaben, das helfen soll, den Flugverkehr etwas weniger umweltschädlich zu machen – und gleichzeitig den Industriestandort Hamburg nach vorne zu bringen: Vier große Unternehmen wollen 2026 in der Hansestadt eine Anlage in Betrieb nehmen, in der pro Jahr 10.000 Tonnen klimaneutraler, synthetischer Flugzeugtreibstoff hergestellt werden können. Das gaben Vertreter von Uniper, Siemens Energy, Sasol und Airbus am Donnerstagnachmittag während der Internationalen Luftfahrt-Ausstellung ILA in Berlin bekannt.

Auch Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) war zur Verkündung der Nachricht in die Hauptstadt gereist. „Dies ist eine hervorragende Chance für den Luftfahrtstandort Hamburg auch bei Sustainable Aviation Fuels Impulse zu setzen“, sagte er mit Blick auf die geplante Produktion nachhaltiger Flugzeugkraftstoffe in dem schon seit zwei Jahren von den vier Unternehmen im Geheimen vorangetriebenen und nun beginnenden Projekt namens Green Fuels Hamburg (GFH).

Energiewende: Airbus will mit Partnern Öko-Kerosin in Hamburg herstellen

Der Energieversorger Uniper, der Energietechnologiekonzern Siemens Energy, der Flugzeughersteller Airbus und das Chemieunternehmen Sasol EcoFT planen die Herstellung von CO2-neutralem Flugtreibstoff, sogenanntem Power-to-Liquid (PtL)-Kerosin. Das Verfahren ist im Grundsatz bereits seit fast 100 Jahren gebräuchlich. Einst wurde mit ihm Flugbenzin aus Kohle hergestellt. In Hamburg sollen „grüner“ Wasserstoff, der mit Strom aus Windkraftanlagen auf See hergestellt wird, sowie sogenanntes biogenes Kohlendioxid eingesetzt werden. Dieses CO2 entsteht etwa bei der Verbrennung von Holz, aber auch in großen Mengen im Klärwerk im Hamburger Hafen.

Das Konsortium will nun im Industriegebiet Billbrook/Rothenburgsort sowohl eine Elektrolyseanlage errichten, in der Wasserstoff produziert wird, als auch eine Produktionsanlage für die PtL-Kraftstoffe. Unterstützt werden sie von der Technischen Universität Hamburg (TUHH) als Forschungspartner, der Wirtschafts- und der Umweltbehörde und vom Flughafen Hamburg. Die Fluggesellschaft Emirates hat nach Angaben des Konsortiums bereits Interesse angemeldet, einen Teil des PtL-Kerosins abzunehmen. „Der Start von Green Fuels Hamburg ist ein Meilenstein. Die Produktion dieser Art von nachhaltigen Flugzeugtreibstoffen hat das Potenzial, die Luftfahrtindustrie bei der Erreichung ihrer Klimaziele entscheidend voranzubringen“, sagte Emirates-Umweltmanager Will Löfberg.

Hamburg soll Vorreiterrolle einnehmen

Stefano Innocenzi, Leiter des Geschäftsbereichs New Energy bei Siemens Energy betonte: „Bislang ist grünes Kerosin nicht in relevanten Mengen verfügbar. Hier setzen wir mit Green Fuels Hamburg an: Gemeinsam mit unseren Partnern arbeiten wir nun mit Hochdruck daran, E-Kerosin in großem Maßstab auf den Markt zu bringen.“ Und Holger Kreetz von Uniper hob gleichzeitig hervor: „Der Innovationsstandort Hamburg ist prädestiniert für eine Vorreiterrolle in Sachen Power-to- Liquid.“

Eine Investitionssumme nennen die Unternehmen nicht. In ihrem Umfeld ist die Rede davon, in Hamburg würden „Hunderte hoch qualifizierte Arbeitsplätze“ entstehen. Gleichzeitig heißt es, ohne finanzielle Förderung würden sich Herstellung und Vermarktung von Sustainable Aviation Fuels (SAF) wohl nicht realisieren lassen. Eingesetzt werden sie bereits heute: „Airbus engagiert sich schon seit einigen Jahren in der Nutzung und Marktentwicklung von SAF“, sagte André Walter, der Chef des Airbus Werks auf Finkenwerder. Die meisten der dortigen Beluga-Flüge würden von Hamburg aus mit einem 18-prozentigen Anteil durchgeführt. Das bedeutet: Die Tanks des riesigen Transport-Fliegers, der regelmäßig auf Finkenwerder einschwebt, werden schon heute zu fast einem Fünftel mit nachhaltig produziertem Kraftstoff befüllt.

Der Flugzeugbauer kündigte am Donnerstag zugleich an, den Einsatz von Wasserstoff als Treibstoff in der Luftfahrt vorantreiben zu wollen. In einer Kooperation mit dem Gase-Spezialisten Linde will Airbus demnach von 2023 an Pilotprojekte an mehreren Flughäfen weltweit starten, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Unternehmen. Sie wollen zudem gemeinsam am Thema SAF arbeiten

Der Bedarf wird steigen: Nach dem Willen der Bundesregierung sollen ab 2026 in Deutschland Flugzeuge mit 0,5 Prozent SAF-Anteil im Kerosin fliegen. Daraus ergibt sich ein Bedarf von 50.000 Tonnen pro Jahr. Ein Fünftel davon könnte aus Hamburg kommen, später womöglich auch mehr. Der Standort sei auf die Ausweitung der Jahresproduktion auf bis zu 16.000 Tonnen ausgelegt, heißt es im Umfeld des Konsortiums.

Auch Frankfurt E-Fuel-Standort ab 2023

Es ist mit seinen Plänen nicht allein. Im emsländischen Werlte nahm im Herbst 2021 eine technisch vergleichbare Anlage die Produktion bereits auf – allerdings mit einer Minikapazität von lediglich einer Tonne Öko-Kerosin pro Tag. In Frankfurt will die Firma Ineratec bereits 2023 eine Großanlage mit einer Jahresproduktion von 3500 Tonnen E-Fuels auch für die Luftfahrt in Betrieb nehmen. Es soll dann die weltweit größte dieser Art sein. Kosten: 30 Millionen Euro.

Die Ineratec-Pilotanlage (350 Tonnen Jahreskapazität) für das Großprojekt in Frankfurt-Höchst steht im Hamburger Hafen. Sie hat – von der Öffentlichkeit weithin unbemerkt – im Frühjahr auf dem Gelände der H&R Ölwerke Schindler im Schatten der Köhlbrandbrücke den Betrieb aufgenommen. Vier Jahre vor der möglichen Inbetriebnahme des Mega-Projekts in Billbrook wird die PtL-Technologie nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt bereits eingesetzt. Die Raffinerie nutzt sie bei der Herstellung von Vorprodukten für die Chemieindustrie.

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