Luftfahrtmesse Hamburg

Flugzeugkabinen der Zukunft: komfortabel und endlich online

| Lesedauer: 8 Minuten
Airbus-Manager Ingo Wuggetzer steht auf der Luftfahrtmesse AIX in einem Nachbau des A320. Als XLR soll der Flieger bald auf der Langstrecke eingesetzt werden. Dafür erhalten die Jets ein neues Innenleben.

Airbus-Manager Ingo Wuggetzer steht auf der Luftfahrtmesse AIX in einem Nachbau des A320. Als XLR soll der Flieger bald auf der Langstrecke eingesetzt werden. Dafür erhalten die Jets ein neues Innenleben.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Airbus, Lufthansa Technik und Zulieferer zeigen Ideen, wie fliegen in Zukunft attraktiver werden kann – auch auf dem stillen Örtchen

Hamburg. An Bord der Airbus-Großraumjets von Finnair geht es komfortabel zu. In der Business Class können die Sitze zu Liegeflächen umgebaut werden. Die Passagierin legt die Füße hoch, zieht die Decke über sich und legt sich schlafen. Oder sie holt einen Kopfhörer aus einem Seitenfach, hört Musik oder schaut einen Film auf dem Bildschirm vor ihr. Die LED-Beleuchtung in der Kabine wird so gesteuert, dass sie die biologische Uhr des Menschen im Tag- oder Nachtrhythmus unterstützt. Das Handy kann über USB-Ports am Sitz geladen werden – oder ohne Kabel.

Mit diesem Video wirbt Airbus auf der Aircraft Interiors Expo (AIX) – der weltweit größten, dreitägigen Luftfahrtmesse für Kabineneinrichtung, Bordunterhaltungssysteme und Passagierkomfort, die nach drei Jahren Pandemiepause erstmals wieder stattfindet – in den Hamburger Messehallen für sein Airspace-Konzept. Für Ingo Wuggetzer, den Chef des Kabinenmarketings beim Flugzeugbauer, spiegelt es den letzten Stand der Technik wider und zeigt exemplarisch, wie die Zukunft an Bord der Flieger aussieht. Denn das Airspace-Konzept soll künftig nicht nur in Großraumjets angewandt werden, sondern auch im Verkaufsschlager A320-Familie, von der rund die Hälfte der Maschinen in Hamburg endmontiert werden.

Luftfahrtmesse: Passagierkomfort im Fokus

Das liegt vor allem am A321XLR, der am Mittwoch seinen Erstflug auf Finkenwerder feiern soll. „Von Hamburg kann man direkt auf die Malediven oder nach Vancouver fliegen“, sagt Wuggetzer. Für den Konzern ist der Flieger der Hoffnungsjet. Weil sich nach der Corona-Krise das Langstreckengeschäft nur langsam erholt, sollen die Airlines den XLR mit seiner extralangen Reichweite kaufen, um weniger nachgefragte Langstrecken zu bedienen. Wer zehn Stunden oder mehr in einem engen, eigentlich für Kurzstrecken gebauten Flieger sitzt, braucht ähnlichen Komfort wie in Langstreckenjets. „Wir haben die Seitenwände und Fenster optimiert, sodass die Passagiere mehr Schulterfreiheit und einen besseren Blick nach draußen haben“, sagt der 56-Jährige.

Die Fächer fürs Handgepäck hätten 60 Prozent mehr Platz für Koffer, die zudem deutlich größer sein können als bisher. „Das macht den Start in die Reise sehr angenehm, weil jeder sein eigenes Gepäckstück unterbringen kann“, sagt Wuggetzer. Und selbst in der Economy Class seien 18 Inch (45,72 Zentimeter) breite Sitze Standard. Das soll in Kombination mit dem von der Airline gewählten Sitzabstand zwischen 28 und 38 Inch für ausreichend Bewegungsfreiheit während des Fluges sorgen.

Tschüss Flugmodus: Internet im Flugzeug als Standard

Der Flugmodus von Handys und Tablets dürfte in Zukunft ausgedient haben, eine Internetverbindung zum Standard werden. „Man kann ganz normal über den Wolken surfen, Filme auf seinem iPad anschauen oder seine eigenen Inhalte auf dem Bildschirm in den Sitzen vor einem anschauen“, sagt Wuggetzer. Airbus stellte am Dienstag ein neues System vor, das eine verlässliche und stabile Verbindung via Satellit ermöglicht und den Kunden neue technologische Möglichkeiten in Bezug auf das Internet der Dinge offeriert.

Die Vernetzung über den Wolken ist eines der großen Themen auf der AIX – auch beim zweiten Hamburger Branchenriesen. „Heutzutage haben wir mehr Datenkommunikation mit unseren Autos als mit Flugzeugen“, sagt Andrew Muir­head, der bei Lufthansa Technik für Entwicklung und Herstellung zuständig ist. „Da sind wir in der Luftfahrt noch in der Steinzeit, aber es wird viel Neues geben in dem Bereich.“ Der 52-Jährige erwartet, dass künftig in der Luft mehr Dienstleistungen per Handy abgerechnet werden.

Per Smartphone bezahlen oder buchen

Essen und Getränke an Bord via Smartphone zu bestellen und zu bezahlen, sei die naheliegendste Variante. „Wenn ich mein Portemonnaie in den Handgepäckfächern habe und zwei Leute neben mir sitzen, ist die Hemmschwelle hoch aufzustehen. Wenn ich das einfach per Handy bestellen kann und es mir an den Sitz geliefert wird, wird diese Hemmschwelle genommen“, sagt Muirhead.

Auch weitere Dienste könnten an Bord über die Airline gebucht werden. Wenn ein Passagier zum Beispiel das erste Mal in eine ihm fremde Stadt kommt und Taxifahrern misstraut, könnte er über einen Kooperationspartner der Airline den Transfer zum Hotel buchen und schon in der Luft bezahlen. „So könnten die Airlines zusätzliche Umsätze erlösen“, sagt Muirhead. Angesichts der klammen Kassen mancher Fluglinie in der Nach-Corona-Zeit sind zusätzliche Einnahmequellen wichtig.

Transparente Bildschirme: Komfort und Sicherheit

AerQ, eine Gemeinschaftsfirma von Lufthansa Technik und Südkoreas Elek­trokonzern LG, entwickelte eine neue Plattform für drahtlose Kommunikation. Der Passagier sitzt dabei statt vor einer Trennwand aus Verbundstoff vor einem riesigen Bildschirm und checkt sich ein. Die Fluglinie kann so Informationen über sein bevorzugtes Essen und Trinken erhalten, ob er häufig Transfers zum Hotel bucht und ihm entsprechende Angebote unterbreiten oder Restaurantempfehlungen geben.

Der Clou: Der Bildschirm ist durchsichtig, was besonders für Start und Landung eine wichtige Voraussetzung ist, weil die Flugbegleiter in der Flugphase freien Blick auf Passagiere haben müssen. Später kann zum Beispiel Werbung auf den Bildschirm gespielt werden. Die Technik sei in der für die Luftfahrt sehr aufwendigen Zertifizierung, sagt Muirhead: „Die ersten Flugzeuge werden im nächsten Jahr mit dieser Technologie fliegen.“

Ideen fürs Klima sollen Kerosin einsparen

Neben der Konnektivität ist die Nachhaltigkeit für den Wartungs-, Reparatur- und Überholungsspezialisten der zweite zentrale Punkt der Messe. Durch das Aufbringen einer Folie, die der Haut von Haien nachempfunden ist, auf den Rumpf können Treibstoffverbrauch und Emissionen gesenkt werden. Die Luftströmung soll so optimiert werden. „Wir erwarten mindestens ein Prozent Einsparung an Kerosin“, sagt Muirhead. Wenn die Folie später auch auf den Flügeln angebracht wird, soll noch mehr Flugbenzin gespart werden. Für Seitenverkleidungen soll das neue AeroFlax-Material bis zu 20 Prozent Gewicht sparen, wodurch der Spritbedarf sinkt. Der Stoff besteht aus Flachsfasern und einem biobasierten Harzsystem.

Schließlich stellt Lufthansa Technik ein Produkt vor, das hoffentlich nie zum Einsatz kommt: den Skyslide. Es sind Hochleistungs-Evakuierungsrutschen, die weniger Platz bräuchten als Konkurrenzmodelle. „Die Airlines wollen mehr Passagiere befördern, müssen dabei aber die Zulassungsbedingungen einhalten“, sagt Muirhead. Im Notfall müssen nach 90 Sekunden alle Passagiere den Flieger verlassen haben. Der Skyslide gewährleiste das für mehr Passagiere als bisherige Konkurrenzmodelle. Zudem sei die Rutsche 20 Prozent leichter – und günstiger.

Ein neues Produkt für die Notdurft stellt die Barsbüttler Firma Krüger Aviation in Kooperation mit Zweigrad aus Ottensen vor: K2 Future lavatory. Es ist eine Toiletten-Waschraum-Einheit, die neben einem komfortablen Wickeltisch vor allem mit zwei Mulden auffällt, die links und rechts neben der Toilette für die Füße vorhanden sind. „Sie berücksichtigt etwas, das die westlichen Flugzeughersteller bisher immer ignoriert haben“, sagt Krüger-Aviation-Chef Nils Stoll.

Denn mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung würden im Hocken ihre Geschäfte auf dem Örtchen erledigen. In Flugzeugtoiletten stiegen sie dazu mitunter auf die Klobrille, wofür das Kunststoffprodukt nicht geeignet sei. Im schlimmsten Fall sei die Brille schon einmal gebrochen. Das Resultat: Der Wadenmuskel des Passagiers einer arabischen Airline sei durchtrennt worden. Für Stoll ein Grund mehr, an sein Produkt zu glauben: „Es liegt sehr im Zeitgeist.“

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