Ernährungsbranche

Herbivore Hub: Hamburgerin will den veganen Markt erobern

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Tina Ingwersen-Matthiesen mit einer Auswahl veganer Produkte ihres neuen Start-ups.

Tina Ingwersen-Matthiesen mit einer Auswahl veganer Produkte ihres neuen Start-ups.

Foto: Marcelo Hernandez

Erst Tequila, jetzt vegane Soßen: Frühere Borco-Chefin Tina Ingwersen-Matthiesen verfolgt mit neuem Start-up ein Herzensanliegen.

Hamburg.  Vor fünf Jahren stellte Tina Ingwersen-Matthiesen ihre Ernährung um. Fleisch aß sie ohnehin selten, der Verzicht fiel ihr nicht sehr schwer. „Aber Fisch und Käse habe ich sehr gerne gegessen, auch wenn ich Laktose nie gut vertragen habe“, sagt die 48-Jährige. Sie beschäftigte sich immer mehr mit den Themen gesunde Ernährung und Klimawandel.

Las über Wachstumshormone, die in der Milch sind; Massentierhaltung, die stark zu den Treibhausgasemissionen beiträgt; über schlechte Haltungsbedingungen von Rindern und Schweinen; das Leerfischen der Meere. Schließlich entschloss sie sich, vegan zu leben. „Im Jahr 2019 entstand die Idee, beruflich etwas in dem Bereich zu machen“, sagt die promovierte Psychologin. Sie meldete ihre Marke Herbivore an. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und heißt Pflanzenfresser. Anfang 2020 holte sie sich einen Gewerbeschein.

Herbivore Hub: Gründerin noch im Beirat von Borco

Doch zu dem Zeitpunkt hatte sie noch einen anderen Job. Sie war in der Geschäftsführung des Spirituosenhauses Borco, das ihre Familie 1948 gegründet hatte. Sierra Tequila und Helbing Kümmel sind die bekanntesten Produkte aus dem Unternehmen mit Sitz in Bahrenfeld. Für ihre Aufgaben im Personalwesen und der Kommunikation bei Borco habe sie gute Mitarbeiter in den eigenen Reihen als Nachfolger gehabt, sagt die Mitinhaberin.

Zum 1. Oktober 2020 gab sie ihre Leitungsaufgabe dort ab. „Ich bin mit einem guten Gefühl aus der Geschäftsführung rausgegangen und mit dem Wissen, dass ich dem Unternehmen erhalten bleibe“, sagt Ingwersen-Matthiesen. Sie wechselte in den Beirat, den ihr Vater aus Altersgründen verlassen wollte. Alle paar Wochen trifft sich das Aufsichtsgremium, die Geschäftsführung hält sie regelmäßig mit Updates auf dem Laufenden.

„Man kann toll vegan kochen und essen"

Ihr Tagesgeschäft bestimmte fortan das Start-up Herbivore Hub. Eigentlich wollte sie eine Eventlocation inklusive Kochschule schaffen, in der vegane Produkte getestet und verkauft werden. „Man kann toll vegan kochen und essen – aber die meisten Leute wissen das nicht. Ich habe das Bedürfnis gehabt, den Leuten die Schönheit des veganen Kochens zu zeigen“, sagt die Hamburgerin, die seit ihrem 17. Lebensjahr Hobbyköchin ist. Doch mitten in einer Pandemie eine Kochschule eröffnen? Ingwersen-Matthiesen überarbeitete ihre Geschäftspläne. Im Sommer 2021 beschloss sie, statt der Event­location einen Onlineshop für vegane Produkte zu gründen.

Hilfe dafür bekam sie aus der eigenen Familie. Sohn Lukas Ingwersen hatte seinen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre mit Fokus auf den Onlinehandel gemacht und schon erste Erfahrungen bei Start-ups gesammelt. Er verzichtete auf Praktika bei Unilever und Beiersdorf und stieg in das neue Geschäft seiner Mutter ein. „Das war eine optimale Gelegenheit, mich in meinem E-Commerce-Interessengebiet zu entfalten“, sagt der 25-Jährige, der den Onlineshop baute. „Ohne Lukas’ Hilfe wäre der nie so gut geworden“, sagt die stolze Mutter und betont, dass ihr Sohn freiwillig in das junge Unternehmen einstieg. Verlangt habe sie dies nicht. Übrigens ebenso wenig wie bei Tochter Lea (24), die sich um Social Media kümmert. Beide wollen im Herbst aber weiterstudieren.

"Produkte kommen aus Manufakturen"

Nun hat sie Herbivore Hub gestartet, sozusage­n die Drehscheibe für Pflanzenfresser. 220 Artikel sind im Angebot. Dazu gehören Schokoladen, Pfefferminztaler, Brownies, Gummibonbons, Kräcker, Salzgebäck, Chips – natürlich alles vegan. Es sollen kulinarische Highlights und keine vegane Vollversorgung angeboten werden. Die Preise liegen im gehobenen Segment, eine Tafel Schokolade koste zwischen 6 und 7 Euro.

„Die Produkte sind deshalb etwas teurer, weil sie so besonders sind: Sie kommen aus Manufakturen, es gibt besondere Sorten wie komplett rosafarbene Himbeerschokolade. Und es werden besondere Zutaten wie Kokosblüten- statt Industriezucker verwendet“, sagt Ingwersen-Matthiesen. Die Versandkostenpauschale liegt bei 4,90 Euro, ab 70 Euro Bestellwert entfällt sie. Bezahlt werden kann mit allen gängigen Arten wie Kreditkarte, Paypal oder Klarna. Wer bis 10 Uhr bestellt, soll die Ware am nächsten Tag aus dem Elmshorner Lager zugestellt bekommen.

Auch vegane Soßen im Sortiment

Einen Schwerpunkt im Sortiment bilden die veganen Weine. Dass nicht jeder vergorene Traubensaft vegan ist, liege an Milcheiweiß, Fischblase oder Gelatine, weiß die ausgebildete Sommelière. Diese Stoffe werden eingesetzt, um Trübstoffe aus dem Wein herauszufiltern. 90 Weine von deutschen Winzern hat sie im Angebot. Auf ihrer Internetseite gibt es auch passende vegane Gerichte dazu. Mit ihren Lieblingsrezepten will sie nun die Menschen für veganes Kochen begeistern. Alle Speisen hat sie in ihrem Zuhause im Hamburger Westen für die Fotos auf der Homepage selbst gekocht – und dabei auch ihre eigenen neuen Produkte verwendet.

„Ich bin ein Riesensoßenfan“, sagt Ingwersen-Matthiesen. „Meine Mutter hat früher eine tolle Bratensoße gemacht, mit Sahne und Rotwein. Ich habe sie dann zu Hause veganisiert.“ Sie suchte einen Hersteller, der das industriell mit natürlichen Zutaten herstellen kann, und fand ihn im Süden Deutschlands. Unter dem Label Herbivore gibt es nun die Bratensoße Groundbreaking Gravy. 7,99 Euro kostet die 240 Milliliter fassende Glasflasche. Mit der Barbecuesoße Passionate Devil gibt es noch eine zweite Geschmacksrichtung. Beide Sorten werden nur im eigenen Onlineshop verkauft. Perspektivisch könnten sie aber auch mal in stationären Geschäften vertrieben werden. Beim Dessert kann ebenfalls zu einem Herbivore-Produkt gegriffen werden.

Herbivore Hub: Kooperationen mit anderen Unternehmen

In Kooperation mit dem Solinger Unternehmen Veganes Naschen wurden „Filled Chocolates“ entwickelt. Eigentlich eine Pralinenmischung mit Pistazie und Karamell. Die Einschränkung: „Wir dürfen sie auf der Packung nicht Pralinen nennen, weil Pralinen nach dem Lebensmittelrecht Butter enthalten müssen“, sagt Ingwersen-Matthiesen. Das Zwölfer-Set kostet 21,49 Euro. In Kooperation mit Hamburgs ältester Teehandlung Zwanck gibt es zwei exklusive Herbivore-Mischungen an Kräutertees, Hexentrank und Siebter Himmel für je 9,99 Euro. „Ich wünsche mir, dass wir das eigene Produktportfolio noch weiter ausbauen“, sagt Ingwersen-Matthiesen.

Gegenüber Fleischessern sei sie übrigens sehr tolerant. Auch Sohn Lukas und ein weiteres Kind äßen immer mal wieder Fleisch. Sie wolle gar nicht, dass alle Menschen vegan würden, aber vielleicht ab und an mal das Fleisch weglassen, sagt die vierfache Mutter: „Wenn zehn Millionen Menschen den Fleischkonsum halbieren, erreicht man mehr, als wenn eine Million Veganer wird.“

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