Krieg in der Ukraine

Fielmann-Mitarbeiterin flüchtete von Kiew nach Hamburg

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Hanna-Lotte Mikuteit
Antonina Turchyn bei Fielmann in der Hamburger Mönckebergstraße statt in Kiew.  Sie beträt vor allem Kunden aus der Ukraine.

Antonina Turchyn bei Fielmann in der Hamburger Mönckebergstraße statt in Kiew. Sie beträt vor allem Kunden aus der Ukraine.

Foto: Marcelo Hernandez

Antonina Turchyn war für Optikerkette in der Ukraine tätig. Nach ihrer Flucht arbeitet sie in einer Filiale an der Mönckebergstraße.

Hamburg.  Der 23. Februar war ein ganz normaler Tag. Morgens war Antonina Turchyn die 30 Kilometer von ihrer Wohnung in Irpin zur Arbeit nach Kiew gefahren. Dann hatte die Angestellte der Hamburger Optikerkette Fielmann in einer Niederlassung des Unternehmens in der ukrainischen Hauptstadt Brillen verkauft. Sie beriet Kunden bei der Auswahl der Fassung, maß die Zentrierung der Gläser aus, schickte Bestellungen raus. Alles wie immer. Trotzdem weiß Antonina Turchyn noch fast jedes Detail, wenn man sie danach fragt. Es war der letzte normale Tag.

Am nächsten Morgen war Krieg und ihr Leben komplett aus dem Lot. „Für mich kam das total unerwartet“, sagt die zierliche Frau, die seit 17 Jahren bei Fielmann beschäftigt ist. An ihren Arbeitsplatz ist sie nicht mehr zurückgekehrt, ihre Kollegen hat sie nicht wiedergesehen. „Mein Chef hat mich angerufen und gesagt, dass das Geschäft geschlossen sei und ich nicht kommen solle.“ Das war am 24. Februar. Die ersten Raketen des russischen Militärs waren in Kiew eingeschlagen.

Ukraine-Krieg: Fielmann beschäftigt Geflüchtete in Hamburg

Drei Monate später steht Antonina Turchyn wieder in einer Fielmann-Filiale. Dieses Mal in Hamburg, in der ersten Etage des Flagshipstores an der Mönckebergstraße. Sie rückt noch schnell einige Brillenfassungen in der Auslage gerade, bevor in wenigen Minuten die ersten Kunden kommen. Seit Anfang April arbeitet die 62-Jährige hier. Fielmann hat allen Beschäftigten, die aus der Ukraine ins sichere Ausland geflohen sind, eine Jobgarantie gegeben – für die dort übliche Bezahlung.

Turchyn ist eine der Ersten, die das Angebot angenommen hat. „Ich wollte unbedingt wieder arbeiten und bin dankbar, dass es geklappt hat“, sagt sie auf Russisch. Ein Kollege aus der Filiale, der in St. Petersburg geboren wurde, übersetzt. Im Moment betreut die Verkaufsmitarbeiterin ukrainische Kunden, die oftmals noch wenig oder kein Deutsch können. Es hat sich schon rumgesprochen, dass sie da ist und beim Kauf einer Brille helfen kann. Nachmittags macht sie einen Online-Deutschkursus – um in Zukunft weitere Aufgaben zu übernehmen.

Dramatische Flucht aus Kriegsgebiet

Antonina Turchyn ist in Sicherheit, verdient Geld, hat eine Perspektive. Das ist viel mehr als viele Landsleute haben. Aber die Auswirkungen des Krieges in ihrer Heimat verfolgen sie bis nach Hamburg. „In den ersten Kriegstagen sind wir im Haus geblieben, haben alles verbarrikadiert. Über dem Haus haben wir die Raketen gehört“, sagt die zweifache Mutter, und dann füllen sich die Augen mit Tränen. Sie wischt sie nicht weg. „Ich hatte große Angst, habe mich in der Badewanne versteckt.“ Bei ihr waren die erwachsene Tochter, der 17-jährige Enkel, eine Schwägerin. Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben, umgekommen in einem früheren Krieg. Nach zehn Tagen in ständiger Furcht, erzählt die Ukrainerin, hätten sie beschlossen zu fliehen.

Zu viert haben sie sich ins Auto gezwängt und sind losgefahren, Richtung Westen. Ihr Ziel: Hamburg, wo ihr Sohn Aleksander seit drei Jahren lebt. Es war lang, es war gefährlich. Sie haben gesehen, wie Autos nur wenige Meter entfernt von Geschossen getroffen wurden. „Die Menschen darin waren tot“, sagt Antonina Turchyn, und wieder steigen ihr die Tränen in die Augen. Sie hat überlebt, genau wie ihre Familie. Mehr als 1500 Kilometer war sie unterwegs, durch die westliche Ukraine – wo Tochter und Schwägerin blieben –, danach mit dem Jungen allein durch Polen, Tschechien. Eine Woche dauerte es, bis sie in Hamburg angekommen waren – in einer fremden Heimat auf Zeit.

Zehn Fielmann-Mitarbeiter nach Deutschland geflohen

Fielmann ist seit 1996 in der Ukraine vertreten und betreibt dort 36 Standorte, mehr als die Hälfte in Kiew. Insgesamt sind knapp 300 Männer und Frauen in dem Land bei der Optikerkette beschäftigt. Schon direkt nach Kriegsbeginn hatte das Unternehmen einen internationalen Krisenstab gebildet. Alle Filialen waren zunächst geschlossen worden, ein Notdienst eingerichtet. Die Gehälter wurden weiter gezahlt, außerdem war ein Notfonds aktiviert worden. „Wir stehen da als Familienunternehmen zusammen“, hatte Vorstandschef Marc Fielmann im März in einem Abendblatt-Interview gesagt.

Inzwischen sind 38 Fielmann-Mitarbeiter ins Ausland geflohen. Zehn sind in Deutschland, davon arbeiten bereits sechs. Eine Frau ist in Elternzeit, drei weitere werden auf eine Beschäftigung vorbereitet. Während der berufliche Einstieg für viele Geflüchtete wegen der Formalien, fehlenden Deutschkenntnisse oder auch der Anerkennung des Abschlusses kompliziert und langwierig ist, geht für die Fielmann-Beschäftigten vieles einfacher. Der Arbeitsvertrag muss nicht neu geschlossen werden. Sie benötigen nur eine Registrierung bei den Behörden und eine vollständige Impfung gegen Corona. In Hamburg halten sich nach Unternehmensangaben aktuell zwei ukrainische Mitarbeiterinnen auf, beide sind erwerbstätig.

Filialleiter lobt Antonina Turchyn

„Frau Turchyn ist eine absolute Bereicherung“, sagt Frank Schmiedecke. Der Leiter der Fielmann-Niederlassung an der Mönckebergstraße kommt richtig ins Schwärmen, wenn er von seiner neuen Mitarbeiterin spricht. Kompetent sei sie, herzlich und motiviert. Natürlich sei es in einem beratungsintensiven Beruf wie in der Optikbranche erst mal sehr ungewöhnlich, dass jemand die Landessprache nicht spreche. „Aber schon bei der ersten Begegnung war klar, dass wir eine Lösung finden“, so der Manager. Inzwischen hat er noch einen zweiten Geflüchteten aus der Ukraine eingestellt.

Ali Barrout stand Anfang Mai plötzlich mit seiner Tochter im Geschäft, die schon länger als Gesundheitspflegerin in Hamburg beschäftigt ist. Ihr Vater arbeite seit 29 Jahren als Optiker und könne am Tag 100 Brillengläser einschleifen, stellte sie den 49-Jährigen vor. „Wir haben einen Kennenlerntag verabredet“, sagt Schmiedecke. Seit Mitte Mai arbeitet Barrout, der in Charkiw 16 Jahre ein eigenes Geschäft betrieben hat, auf einer Vollzeitstelle in der Werkstatt. „Es läuft sehr gut“, sagt sein Chef. Auch ohne Deutschkenntnisse funktioniere die Verständigung im Fachlichen. Sonst geht es mit Händen und Füßen und mit Google-Übersetzer.

Ukraine-Krieg: Neuanfang bei Fielmann in Hamburg

Barrout war in den ersten Märztagen mit seiner Ehefrau im Zug aus dem umkämpften Charkiw geflohen. „Unser Leben war komplett auf den Kopf gestellt. Die Angriffe waren so hart, wir konnten nicht einmal mehr den Müll rausbringen“, erinnert er sich. Als gebürtiger Jordanier, der seit mehr als 30 Jahren in der Ukraine lebt, muss er nicht als Soldat dienen. Mit einem Rucksack verließ das Ehepaar die Stadt. Inzwischen wissen sie, dass ihr Wohnhaus zerstört ist. Auch von seinem Unternehmen sei wohl nichts übrig.

Trotzdem sagt er: „Uns geht es hier gut. Wir sind in Sicherheit, haben eine Wohnung.“ Aber um die zweite Tochter, die in der Ukraine geblieben ist, mache er sich große Sorgen. Für ihn und seine Frau sieht er keine Chancen auf eine Rückkehr. „Das ist wirtschaftlich nicht möglich.“ Zum zweiten Mal im Leben muss er ganz neu anfangen. „Es ist schwer, aber ich bin ein Macher“, sagt er und lächelt. Auch er will jetzt ganz schnell Deutsch lernen.

Ali Barrout und Antonina Turchyn haben sich bei Fielmann wiedergetroffen. Kennengelernt hatten sie sich schon vor Wochen, in der Warteschlange vor der Registrierungsstelle. Jetzt lächeln beide – die ersten Schritte in ein neues Leben sind gemacht. „Es ist eine totale Katastrophe, was im Moment in der Ukraine geschieht“, sagt Antonina Turchyn. Natürlich ist sie froh, dass sie in Hamburg ist, eine Arbeit hat.

„Hier ist es ruhig. Es ist möglich, den nächsten Tag zu planen“, sagt sie. Vieles ist anders, manches auch besser. „Die Technik in Hamburg ist viel moderner als in Kiew“, sagt die Fielmann-Mitarbeiterin und zeigt auf das iPad, mit dem sie bei der Beratung arbeitet. Trotzdem steht für sie fest, dass sie wieder zurückwill – nach Hause. „Wenn die Ukraine den Krieg gewonnen hat.“

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