Arbeitsmarkt

Hamburgs Handwerk geht der Nachwuchs aus

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Volker Mester
Lars Rückert, der Chef des Heizungstechnik-Betriebs Arnold Rückert, mit einer Wärmepumpe Roland

Lars Rückert, der Chef des Heizungstechnik-Betriebs Arnold Rückert, mit einer Wärmepumpe Roland

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Immer mehr Jugendliche wollen studieren und nicht praktisch arbeiten. Diese Tendenz droht sogar die Energiewende zu gefährden.

Hamburg. Nahezu jeder Hamburger, der seine Wohnung renovieren oder sein Haus modernisieren lassen möchte, wird diese Erfahrung machen: Auf einen Termin mit Handwerkern, die zuverlässig sind und anerkannt gute Arbeit leisten, wartet man inzwischen sehr lange. Neun bis zehn Wochen sind es im Schnitt, bei Bodenlegern, Fensterbauern oder Elek­trikern können es leicht zwölf bis 16 Wochen werden.

Es gibt durchaus Fakten, die bestätigen, dass dies nicht nur ein gefühltes Phänomen ist. Laut der jüngsten „Engpassliste für Fachkräfte“ der Bundesagentur für Arbeit gehören von den zehn Berufen mit dem größten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften sieben dem Handwerk an. Unter den „Top 3“ dieser Liste ist ein Gewerk, das wegen des Kampfs gegen den Klimawandel in den nächsten Monaten und Jahren immer größere Bedeutung gewinnen wird: die Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik.

Hamburgs Handwerk geht der Nachwuchs aus

Zu den größten Hamburger Betrieben dieser Branche gehört die Wilhelmsburger Firma Arnold Rückert, die Solarkollektoren auf Häuserblöcken und Wärmepumpen in Eigenheimen installiert. „Wir liegen bei ungefähr 120 Prozent Auslastung“, sagt Geschäftsführer Lars Rückert. „Auf den Großbaustellen boomt das Geschäft weiterhin, und dazu bekommen wir gerade jetzt sehr viele Anfragen von Privatpersonen, die ihr Eigenheim für die Energiewende fit machen wollen. Das wird noch zunehmen.“

Zusammen mit dem Harburger Schwesterbetrieb Lengemann & Eggers hat das Unternehmen etwa 150 Beschäftigte, davon 29 Auszubildende. „Wir könnten aber sofort 30 Mitarbeiter mehr einsetzen – wenn wir sie finden würden“, sagt Lars Rückert. Diese Situation dürfte sich noch verschärfen: „Unsere erfahrenen Leistungsträger, die Mitarbeiter mit Ende 50, werden wir in den nächsten Jahren verlieren. Es wachsen aber nicht annähernd genug junge Menschen nach, die sie ersetzen könnten.“ Trotz der hohen Zahl an Auszubildenden laufe man in diese Schere hinein.

Handwerkskammer Hamburg verweist auf strukturelles Problem

Ähnliche Erfahrungen machen Firmen aus etlichen anderen Bereichen des Handwerks. Bei der Handwerkskammer Hamburg verweist man dazu auf ein strukturelles Problem. „Die klassische duale Ausbildung, wie unsere Betriebe sie anbieten, hat es zunehmend schwerer, sich gegen die Konkurrenz der akademischen Bildungswege zu behaupten“, sagt Stephanie Anders, Referentin für Bildungspolitik bei der Kammer. „Im Jahr 2019 gab es erstmals mehr Studienanfänger als Ausbildungsstarter.“

Dabei geht es den jungen Menschen offenbar nicht zuletzt um das Image ihres späteren Berufs. Die Jugendlichen sähen, dass Berufe in der heutigen Gesellschaft eine Art „Visitenkartenfunktion“ haben, heißt es dazu vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Aus diesem Grund würden alle Berufe von vornherein ausgeschlossen, von denen man befürchte, damit „als ungebildet oder einkommensschwach zu gelten“. Bei den Abiturienten trage auch ihr Umfeld dazu bei, die Weichen in Richtung Hochschulen zu stellen, sagt Stephanie Anders. „Von Eltern wie auch von Lehrern wird den jungen Menschen in der Regel vermittelt, dass man ein Abitur absolviert, um zu studieren.“ Dabei weise das Hamburger Handwerk eine Abiturientenquote von immerhin 24 Prozent auf.

„Wir müssen auch einen Kampf in den Köpfen führen"

„Es ist oft vom Kampf um die besten Köpfe die Rede“, sagt dazu Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg. „Wir müssen auch einen Kampf in den Köpfen führen. Und zwar so lange, bis es in allen Familien und in allen Klassenzimmern angekommen ist: Eine Ausbildung im Handwerk ist ein solides Karrierefundament mit vielfältigen, auch akademischen Aufstiegschancen, für Schülerinnen und Schüler aller Schulformen.“

Während aber die Hochschulen zunehmende Anziehungskraft entwickeln, hat man es in vielen Zweigen des Handwerks mit immer komplexerer Technik zu tun, die unter anderem gewisse IT-Kenntnisse erfordert. „Mit den Händen zu arbeiten, bietet vielen Menschen berufliche Erfüllung und wird im Handwerk immer wichtig bleiben“, sagt Stephanie Anders. „Aber wir brauchen immer mehr junge Leute, die gleichzeitig fit im Kopf sind und auch nach der Schule noch etwas dazulernen wollen.“ So mache für Kfz-Mechatroniker das Schrauben am Auto nur noch einen kleineren Teil der Arbeit aus: „Heute geht es da sehr stark darum, Daten auszuwerten.“

Zwar ist der Beruf des Kfz-Mechatronikers vielen Jugendlichen bekannt. Das gilt aber nur für wenige der mehr als 300 anerkannten dualen Ausbildungswege. Gerade Handwerksberufe hingegen stehen häufig nicht im Blickfeld der jungen Menschen – auch weil niemand sie ihnen näherbringt.

"Schnupperpraktika könnten helfen.“

„Das Handwerk ist für die meisten Lehrkräfte an den Schulen fern ihrer beruflichen Realität“, so Stephanie Anders: „Wir bemühen uns daher, Lehrerpraktika in den Betrieben anzubieten. Das wird aber vor allem von Lehrkräften der Stadtteilschulen gut genutzt.“ Lars Rückert ergänzt: „Das Handwerk müsste sich schon viel früher in den Schulen präsentieren können, Schnupperpraktika könnten helfen.“ Lehrer in den Abschlussklassen sollten nach Auffassung von Rückert nicht nur zu den großen Industriebetrieben in Kontakt stehen, „sondern gerade zu den Handwerksbetrieben in der Nachbarschaft“.

Prognosen der Hamburger Handelskammer zum Fachkräftemangel in verschiedenen Branchen lassen allerdings keine Besserung erwarten: Im Jahr 2035 werde das Arbeitskräfteangebot etwa im Baugewerbe um 17 Prozent unter der Nachfrage liegen, heißt es da.

Handwerkskammer-Präsident Hjalmar Stemmann sieht dennoch einen Hoffnungsschimmer: „Immer mehr junge Menschen suchen nach einem sinnhaften Berufsleben. Das ist für uns eine sehr positive Entwicklung.“ Im Handwerk fänden sich viele Berufe, die Sinn machen – „für sich selbst, für die Gesellschaft und für die Umwelt“, so Stemmann. Handwerkerinnen und Handwerker seien nicht nur „die Macher der Klimawende“, sie versorgten die Bevölkerung auch wohnortnah mit Brillen, Hörgeräten und Prothesen, sie stellten aus regionalen Rohstoffen gesunde Nahrungsmittel her und sie reparierten Dinge, die man dann nicht wegwerfen muss.

Viele Bewerber scheitert schon am Eingangstest

Lars Rückert kann jedoch noch nicht feststellen, dass sich Stemmanns Hoffnung erfüllt: „Vor einigen Jahren haben wir noch junge Menschen mit einem guten Realschulabschluss für uns gewinnen können. Inzwischen haben wir sie fast komplett verloren.“ Zudem sind etliche Berufsstarter bei dem Heizungs- und Klimatechnikunternehmen den zunehmenden Anforderungen an das technische Verständnis offenbar nicht gewachsen: „Von zwölf Auszubildenden, die im Schnitt pro Jahr bei uns beginnen, kommen nach dreieinhalb Jahren sechs bis acht für eine Anstellung als Gesellen bei uns infrage.“

Ein immer größerer Teil der Bewerber scheitert allerdings schon am Eingangstest. „Bei den Mathematikkenntnissen sieht es erschreckend schlecht aus“, berichtet Rückert. „Das hat sich über die Jahre ganz klar verschlimmert. Aber ohne Mathematik kommt man in unserem Beruf nun mal nicht aus.“

Weil ohne das Handwerk der Klimaschutz nicht umgesetzt werden könne, fordert Kammer-Präsident Stemmann, auch die politischen Rahmenbedingungen für die Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung müssten richtig gesetzt werden. So hat man sich kürzlich mit dem Senat unter anderem darauf geeinigt, zu prüfen, wie mit Unterstützung der Stadt mehr Schülerpraktika im Handwerk ermöglicht werden könnten.

Tischlerbetriebe haben kaum Nachwuchsprobleme

Rückert sieht auch den Bund in der Pflicht: „Gerade die Politik hat eine Verantwortung, denn sie macht schließlich die Vorgaben für die Klimawende, die wir dann umsetzen sollen. Da könnte man einen deutlichen Aufruf der Politik an die Jugend erwarten: Geht ins Klimahandwerk.“

Es gibt allerdings einige wenige Gewerke, die solche Maßnahmen nicht nötig haben. „Tischlerbetriebe haben kaum Nachwuchsprobleme“, sagt Stephanie Anders: „Dieser Beruf ist offenbar auch in Akademikerhaushalten anerkannt – mehr als die Hälfte der Auszubildenden sind Abiturienten.“

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