Preisexplosion

Wie man jetzt beim Kauf von Lebensmitteln sparen kann

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Eine Frau betrachtet das Preisschild. Auch für Gemüse  müssen Hamburger nun deutlich mehr zahlen (Symbolbild).

Eine Frau betrachtet das Preisschild. Auch für Gemüse müssen Hamburger nun deutlich mehr zahlen (Symbolbild).

Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann

Hamburger Verbraucherschützer geben wichtige Tipps. Supermärkte und Discounter bieten Apps an – doch Vorsicht ist geboten.

Hamburg. Bei der Butter ist die Schwellenmarke von 2 Euro überschritten. 2,09 Euro kostet das halbe Pfund in einem Aldi-Markt in Hamburgs Norden – und damit 44 Cent mehr als vor drei Wochen. Beim benachbarten Edeka-Markt liegt der Preis nun ebenfalls 44 Cent höher bei 2,09 Euro. Auch bei der fettarmen Biomilch ist der Grenzwert gerissen. 1,09 Euro kostet sie schon länger in dem Geschäft mit dem Slogan „Wir lieben Lebensmittel“. Der Discounter zog in den vergangenen Tagen nach, erhöhte um 6 Cent auf 1,05 Euro.

Aldi Nord setzt damit die zum Monatswechsel angekündigten Preiserhöhungen um. Auch Joghurt, Fleisch- und Leberwurst sowie Fleischsalat wurden dort binnen weniger Wochen mindestens sieben Prozent teurer, ergibt eine Abendblatt-Stichprobe. Der Discounter erhebt traditionell den Anspruch, die günstigsten Preise in Deutschland anzubieten. Nach den Erhöhungen von Aldi Nord dürften die Mitbewerber großteils nachziehen.

Hamburg: Dramatische Preissprünge bei Lebensmitteln

Insgesamt stiegen im März die Lebenshaltungskosten in Deutschland um 7,3 Prozent – ein Höchststand seit der Wiedervereinigung (siehe Grafik). Der größte Treiber für die Inflationsrate sind zwar die Energiepreise, die im Vergleich zum Vorjahresmonat laut Statistischem Bundesamt um fast 40 Prozent anzogen. Nahrungsmittel kosteten aber auch satte 6,2 Prozent mehr.

Vielen Einkäufern fallen besonders die Verteuerungen beim Kaffee auf. Mit minus 36 Prozent warb Aldi zwar in der Osterwoche um Käufer für Jacobs Krönung. Doch 4,44 Euro für das Pfund war vor nicht allzu langer Zeit eher der Normalpreis. Im Angebot gab es das Paket auch schon für 2,99 Euro. Kaffee gehörte im März zu den Treibern der Inflationsrate. Um zehn Prozent legte Bohnenkaffee im Vergleich zum Vorjahr zu. Angesichts solcher Werte suchen viele Kunden Rat, wie sie sparen können.

Verbraucherzentrale Hamburg: viele Fragen zu Preisexplosionen

„Wir bekommen momentan viele Fragen zu ,Preisexplosionen‘“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg im Gespräch mit dem Abendblatt. Der Lebensmittelexperte hat eine Reihe von Tipps für Kunden parat, wie man Geld spart. Wer im Supermarkt oder beim Discounter einkauft, sollte sich häufiger mal bücken. „Der Blick in die unteren Regalböden kann helfen, weil da häufig die Eigenmarken noch günstiger sind als die Angebote der Markenhersteller“, sagt Valet. Von der Qualität her seien die Waren als gut einzustufen, wie auch mehrere Untersuchungen ergeben hätten.

Wer auf die Markenware nicht verzichten möchte, sollte auf Sonderangebote achten, die die Handelsketten in ihren Prospekten ankündigen. Die Tingeltour durch verschiedene Märkte auf der Jagd nach Schnäppchen lohne sich aber wegen des hohen Zeitaufwands – und falls man mit dem Auto fährt wegen des höheren Spritverbrauchs – eher nicht. Im Geschäft sollte man sich von greller Werbung und geschickter Platzierung der Aktionswaren nicht verlocken lassen. Damit wollen Händler und Hersteller die Kunden zu Impulskäufen anregen. „Bis zu 50 Prozent machen diese Spontankäufe aus, die den Händlern gute Margen sichern“, sagt Valet.

Man erhielte dadurch zwar das Gefühl, Geld zu sparen. Gerade bei Großpackungen oder Lockangeboten wie „Ab der dritten Tafel Schokolade günstiger“ oder „3 für 2“ werde aber häufig zu viel eingekauft. Die Folgen: Man isst mehr und damit zum Beispiel auch mehr Zucker, was für die Gesundheit nicht gerade förderlich ist. Oder: Die Lebensmittel werden nicht gegessen und landen letztlich im Müll.

Jedes achte Lebensmittel in Haushalten wird weggeworfen

Laut Umweltbundesamt wird in deutschen Haushalten jedes achte Lebensmittel weggeworfen. Pro Kopf landen jedes Jahr 82 Kilogramm Essen im Müll. Das entspreche einem Warenwert von 234 Euro, heißt es. Bewusstes Shoppen hilft also auch dem Geldbeutel. „Gehen Sie nicht hungrig einkaufen“, empfiehlt Valet.

Es sei durch Studien belegt, dass hungrige Menschen mehr Waren in den Einkaufswagen legen. Hilfreich sei auch eine vorausschauende Essensplanung für die Woche und eine Besorgungsliste, an die man sich strikt hält.

Discounter in Hamburg bieten Apps zum Sparen an

Angesichts der steigenden Preise greifen mittlerweile auch gut situierte Kunden auf digitale Angebote der großen Lebensmittelhändler zurück. Supermarktketten und Discounter bieten Apps an, mit denen Kunden beim Einkauf sparen können. Eine Abendblatt-Leserin nutzt dieses Angebot von Lidl seit einigen Tagen und schildert ihre Erfahrungen.

Die Anmeldung sei relativ einfach. Zunächst lädt man sich das Programm auf sein Mobiltelefon, gibt dann den eigenen Namen, Wohnadresse, E-Mail sowie Handynummer an – und schon kann es losgehen. Zur Begrüßung gibt es vom Discounter einen 5-Euro-Gutschein, den man beim ersten Einkauf an der Lidl-Kasse digital einlösen kann: Den QR-Code unter das Lesegerät halten – und schon werden die 5 Euro vom Gesamtbetrag abgezogen. Hinzu kommt beim Ersteinkauf ein Rabatt von drei Prozent auf den kompletten Einkauf. Das macht bei 150 Euro eine Ersparnis von zusammen 9,50 Euro – immerhin. z

Zu Hause angekommen, findet der Lidl-App-Nutzer dann die ersten Schnäppchen auf seinem Handy: Chips sind 50 Prozent billiger, die Mascarpone-Creme gibt es ebenso wie den Rührkuchen mit einem Rabatt von 25 Prozent. Allerdings haben alle Angebote eine Gültigkeitsdauer – bei den drei genannten Produkten beträgt sie fünf Tage.

Mit Apps können Hamburger etwas Geld sparen, aber …

Valet ist gegenüber solchen Apps skeptisch. „Sicherlich kann man ein paar Cent einsparen. Ich würde aber bezweifeln, ob sich das unterm Strich lohnt. Man muss auch wissen, dass man dann sehr penetriert wird mit Pushnachrichten und Angeboten, die man vielleicht gar nicht haben möchte“, sagt der Verbraucherschützer. Die Händler wollen mit diesen Programmen die Kunden an die eigenen Filialen binden und sie häufiger hineinlocken. Auch die Marktkonzentration auf die großen Spieler im Lebensmittelhandel verfestigt sich zunehmend, auch wenn es freie Händler ohnehin kaum mehr gibt.

Bei Edeka erhält man mit der firmeneigenen App regelmäßig Rabatte und Coupons und sammelt sogenannte Genusspunkte. Einen Genusspunkt erhält man pro 2 Euro Einkaufswert. Wenn man den Goldstatus als höchste Kategorie erreichen möchte, müssen Kunden innerhalb von 365 Tagen 1000 Genusspunkte sammeln. Dann gibt es einen 5-Euro-App-Gutschein. Das heißt: Wer für 2000 Euro eingekauft hat, erhält umgerechnet einen Rabatt von 0,25 Prozent. Dafür gibt man im Gegenzug persönliche Daten über sich und sein Kaufverhalten preis, die für die Anbieter hoch interessant sind.

Verbraucherzentrale Hamburg rät zum Stullenschmieren

Sparen kann man übrigens nicht nur im Supermarkt, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit, falls man das Homeoffice trotz immer noch hoher Corona-Inzidenzen wieder verlässt. Wer unterwegs einen Kaffee braucht, sollte ihn sich von zu Hause im Thermosbecher mitnehmen, statt ihn zu kaufen, rät Valet. So spart man einige Euro, die das Heißgetränk kostet. Auch Handarbeit kann sich lohnen. „Wenn man eine Ananas kauft und diese zu Hause schneidet, kostet das vielleicht ein Viertel bis ein Drittel dessen, was ein Supermarkt für das abgepackte Produkt verlangt“, sagt Valet.

Das Gleiche gilt für das Frühstücksbrot. Die Stulle selbst zu schmieren, statt das belegte Brötchen beim Bäcker zu kaufen, kann bares Geld wert sein. Zudem hilft man der Umwelt, weil durch den Verzicht auf den Pappbecher und die Ananas-Supermarkt-Verpackung weniger Müll anfällt, wenn man seine Verpflegung in Mehrwegdosen steckt.

Obst und Gemüse der Saison ist meist günstiger

Übrigens ist zwar der Großteil der Lebensmittel teurer geworden, aber nicht alle. Das Statistische Bundesamt listet für rund 175 einzelne Warengruppen die Preisentwicklung auf – und notierte im März immerhin rund 20-mal fallende Preise. Beispielsweise waren Möhren 11,6 Prozent billiger als vor einem Jahr. Obst und Gemüse, für das gerade die Saison läuft, sei meist günstiger, sagt Valet. Aktuell seien dies eingelagerte Äpfel, Kartoffeln, Möhren, Wirsing, Steckrüben, Kohl und Rote Bete. Aus geschütztem Anbau kämen bald Blumenkohl, Radieschen, Feldsalat und Rucola hinzu. Größter Preistreiber waren im März hingegen Tomaten. Gerade bei den unzähligen Sorten wie Rispen-, Cherry-, Dattel- und Fleischtomaten lohne ein Blick auf die Grundpreise. Die Händler müssen den Preis pro 100 Gramm oder ein Kilogramm ausweisen. So kann man sich das günstigste Produkt raussuchen.

Preissteigerungen, um bessere Qualität oder mehr Tierwohl zu erreichen, hält Valet für vertretbar – er befürchtet aber, dass im Windschatten der Alles-wird-teurer-Stimmung auch bei Produkten die Preise erhöht werden, bei denen es nicht nötig wäre. So kündigte jüngst der Bundesverband der Süßwarenindus­trie an, dass die Unternehmen an der Belastungsgrenze seien, also Preiserhöhungen drohten. Als Beispiel wurden unter anderem steigende Zuckerpreise genannt. Valet verweist allerdings darauf, dass diese weit unter dem Höchstwert von vor rund zehn Jahren liegen.

Preiserhöhungen beeinflussen Einkaufsverhalten

Im ersten Corona-Jahr sind die Konsumausgaben der deutschen Haushalte übrigens gesunken. Laut Statistischem Bundesamt lagen sie 2019 bei 2574 Euro im Monat und ein Jahr später bei 2507 Euro (neuere Daten liegen nicht vor). Für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren legten sie allerdings von 356 auf 387 Euro zu – damit wird mehr als jeder sechste Euro (genau: 15,4 Prozent) für Lebensmittel ausgegeben. Die Lebensmittelhändler gehörten in der Pandemie zu den Gewinnern, die Umsätze stiegen stark an. Der Grund: Die Menschen gingen wegen der Lockdowns kaum aus, machten es sich zu Hause gemütlich und verwöhnten sich mit teureren Produkten. Doch die Zeiten ändern sich mit zunehmenden Lockerungen.

In den ersten zwei Monaten dieses Jahres lagen die Umsätze im Lebensmittelhandel nach Zahlen des Marktforschers GfK vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Signale mehren sich, dass es zu einer „Zeitenwende“ beim Einkauf von Gütern des täglichen Bedarfs kommen könnte, sagt der GfK-Experte Robert Kecskes. Bereits im Januar machten sich bei einer GfK-Umfrage unter 1000 Verbrauchern 77 Prozent der Menschen Sorgen über einen Preisanstieg von Nahrungsmitteln und Getränken.

Und fast die Hälfte von ihnen gab an, dass die Preiserhöhungen ihr Einkaufsverhalten beeinflussen würden. Kecskes ist überzeugt, dass die Anteile angesichts des Ukraine-Krieges mittlerweile noch höher liegen würden. Im Fe­bruar griffen die Menschen laut dem Marktforscher zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder häufiger zu günstigeren Produkten. Der Marktanteil der Eigenmarken des Handels habe spürbar zugenommen, zulasten der Markenartikel.

Verbraucherzentrale Hamburg: Discounterpreise noch relativ niedrig

Im europäischen Vergleich lägen die Kosten für Essen und Trinken hierzulande im Mittelfeld, sagt Verbraucherschützer Valet: „Grundsätzlich ist es noch relativ günstig, in Deutschland einzukaufen, insbesondere wenn man zum Discounter geht.“

Eine Entwicklung, die Zahlen der GfK-Marktforscher widerspiegeln. Erstmals seit geraumer Zeit – so das Nürnberger Unternehmen – hätten die Discounter den Supermärkten im Februar wieder in geringem Ausmaß Marktanteile abgenommen.

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