Luftfahrt

Lufthansa Technik stellt in Hamburg 940 Mitarbeiter ein

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Ein Mitarbeiter von Lufthansa Technik in Hamburg überprüft die Verpackung einer fertig gewarteten Flugzeugturbine.

Ein Mitarbeiter von Lufthansa Technik in Hamburg überprüft die Verpackung einer fertig gewarteten Flugzeugturbine.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Vor zwei Jahren hat das Unternehmen 300 Beschäftigte entlassen, nun werden neue Jobs geschaffen. Welche Berufe gesucht werden.

Hamburg. Kurz nach Beginn der Corona-Krise im Sommer 2020 traf Lufthansa Technik eine harte und umstrittene Entscheidung. Rund 300 Beschäftigte in Hamburg wurden entlassen. Sie befanden sich noch in der Probezeit und genossen daher keinen gesetzlichen Kündigungsschutz.

Naturgemäß traf dies vor allem junge Menschen. „Die Zukunft wird gefeuert!“, lautete die Überschrift eines Flugblattes, das die bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di organisierten Beschäftigten verteilten.

Lufthansa Technik: „Haben verbrannte Erde hinterlassen“

„Wir wissen, dass wir damals verbrannte Erde hinterlassen haben“, sagt Lufthansa-Technik-Personalchef Frank Bayer im Gespräch mit dem Abendblatt. Vor knapp zwei Jahren habe man aber keine andere Wahl gehabt.

„Ich stand im Juni 2020 als Chefjurist mit der möglichen Insolvenzanmeldung in der Hand. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir als Konzern überlebt hätten, wenn wir solche unpopulären Maßnahmen nicht getroffen hätten“, sagt der 49-Jährige, der seit Anfang 2021 Personalchef des Hamburger Unternehmens ist. Man habe damals einfach Kosten in allen Bereichen so weit wie möglich senken müssen.

Auch Airbus sah Existenz des Unternehmens in Gefahr

Die Luftfahrt wurde damals von der Pandemie hart getroffen. Auch Airbus-Chef Guillaume Faury bangte um die Zukunft des Flugzeugbauers. Wegen des Coronavirus blieben viele Flieger monatelang am Boden. Das war für Lufthansa Technik schlecht, weil Aufträge für die Wartung, Reparatur und Überholung von Flugzeugen und Triebwerken wegfielen.

Doch so langsam bessern sich die Aussichten für die Branche – und der Weltmarktführer stellt sich auf die erhoffte Erholung des Geschäfts mit einer umfassenden Personaloffensive ein.

Lufthansa Technik: 700 Stellen sollen in Hamburg besetzt werden

„Wir wollen allein in Hamburg in diesem Jahr rund 700 Stellen besetzen“, sagt Bayer. „Darunter fallen auch 200 Stellen bei unserer Tochter Lufthansa Technik Logistik.“ Sie ist ebenso auf dem Gelände der Basis in Fuhlsbüttel beheimatet wie die Tochter Lufthansa Technical Training.

Seit Ende des vergangenen Jahres würden wieder vermehrt Stellen ausgeschrieben. „Bisher wurden Arbeitsverträge für rund 350 Stellen bereits unterschrieben. Die neuen Kolleginnen und Kollegen haben ihre Stelle entweder schon angetreten oder werden dies in den nächsten Monaten tun“, sagt Bayer.

Lufthansa Technik: Welche Berufe gesucht werden

Gesucht werden zum einen Fachkräfte für Digitales und IT, zum anderen die klassischen handwerklichen Berufe wie Mechatroniker, Flugzeugbauer und Fluggerätmechaniker. Das Paradoxe: Im Triebwerksbereich gebe es teilweise noch Kurzarbeit – dennoch werden Neueinstellungen geplant.

Der Grund: Die Beschäftigten brauchten bis zu zwölf Monaten Trainingszeit, bis sie eingesetzt werden können – und es wird erwartet, dass im nächsten oder übernächsten Jahr die Aufträge zunehmen werden.

Zahl der Auszubildenden soll sich verdoppeln

Im Fokus hat das Unternehmen auch junge Menschen, die im Sommer ins Berufsleben starten und zusätzlich zu den 700 Neueinstellungen gesucht werden. „Wir suchen 200 Auszubildende in Hamburg sowie 30 Duale Studenten und zehn Trainees“, sagt Bayer. Die Zahl aus dem Vorjahr soll damit fast verdoppelt werden.

Der Personalchef setzt dabei neben bewährten Kanälen wie Anzeigen in Zeitungen und das HVV-Fernsehen auch verstärkt auf soziale Medien wie Instagram. Die Ansprache habe sich in den vergangenen zwei Jahren sehr geändert.

Ausbildungswerkstatt wird für 1,8 Millionen Euro ausgebaut

Ziel sei es, die Auszubildenden im Anschluss zu übernehmen – wenn die Leistungen stimmten. Um den Lehrlingen gute Bedingungen zu bieten, wird eine in Corona-Zeiten auf Eis gelegte Maßnahme nun vollzogen. „Wir nehmen knapp 1,8 Millionen Euro in die Hand, um unsere Ausbildungswerkstatt in Hamburg auszubauen“, sagt Bayer.

Die Konkurrenz auf dem um Fachkräfte ringenden Markt ist bekanntlich hart. Mit Airbus kämpfe man um luftfahrtaffine Beschäftigte, mit Konzernen wie Beiersdorf um Controller – und IT-Experten sind ohnehin in jeder Branche gefragt.

Rückkehr von einst Entlassenen erhofft

Man hoffe auch auf die Rückkehr von einst entlassenen Beschäftigten, mit denen Personaler trotz deren unfreiwilligen Ausscheidens Kontakt gehalten hätten. Dass das Vorgehen vor zwei Jahren mit den Kündigungen dem Unternehmen heute auf dem Arbeitsmarkt negativ entgegenschallt, sei ihm bewusst, sagt Bayer: „Wir müssen heute wieder Vertrauen schaffen und das können wir nur erreichen, indem wir zeigen, dass wir ehrlich, transparent sind – und wieder eine gute Zukunft haben.“

So gelang es dem Unternehmen im vergangenen Jahr neue Überholungs- und Wartungsverträge im Volumen von 4,7 Milliarden Euro abzuschließen – eine Verdoppelung zum Vorjahr. Das gebe die Sicherheit, dass Lufthansa Technik als guter Arbeitgeber mit ausreichend Geschäft am Markt sei, sagt Bayer: „Unsere Basis für die nächsten Jahre ist gelegt.“

Weitere Einschnitte in Hamburg sind nicht geplant

In den vergangenen Jahren machte Lufthansa Technik auch Schlagzeilen, weil ganze Bereiche gestrichen wurden. Die Flugzeugüberholung wurde 2016 in Fuhlsbüttel dicht gemacht, weil die personalkostenintensive Sparte im internationalen Wettbewerb als nicht mehr konkurrenzfähig galt. Ende des vergangenen Jahres erfolgte das Aus für die Line Maintenance, in der die Routinewartung von Jets erfolgt. 140 Jobs in der Hansestadt waren betroffen.

„Weitere Einschnitte sind aktuell in Hamburg nicht geplant“, sagt Bayer. Selbst die arbeitsstundenintensiven Triebwerksüberholungen seien trotz des hohen Lohnniveaus in Deutschland für die nächsten Jahre in der Stadt gesichert, weil neue Aufträge geholt wurden.

Lufthansa Technik: Umsatz noch weit unter Vor-Corona-Niveau

Die Pandemie habe das Geschäft aber nachhaltig verändert. Man rechnet mit einer neuen Normalsituation, die unterhalb des Vor-Corona-Niveaus liegt. Das spiegeln auch die Geschäftszahlen wider. Der Umsatz wurde 2021 zwar im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent auf vier Milliarden Euro gesteigert. 2019 lag er aber bei 6,57 Milliarden Euro.

„Wir gehen davon aus, dass das Fluggeschäft nicht in den nächsten zwei, drei Jahren zu 100 Prozent zurückkommt“, sagt der Personalchef des Flugzeugdienstleisters, der im vergangenen Jahr den Sprung zurück in die Gewinnzone schaffte.

Rund 45 Beschäftigte in Moskau werden weiter bezahlt

Noch nicht absehbar sind zudem die Effekte des Kriegs in der Ukraine auf die Luftfahrt generell. Insgesamt betreut das Hamburger Unternehmen gut 4200 Flugzeuge von mehr als 800 Kunden. Darunter sind auch rund 400 Flieger russischer Airlines. In der Ukraine werden keine Mitarbeiter beschäftigt, im Land des Kriegstreibers hingegen bei einer Komponententochter schon.

„Trotz der kriegsbedingten Sanktionen gegenüber Russland und des damit verbundenen Wegfalls russischer Kunden sind unsere rund 45 lokalen Angestellten in Moskau auch weiter beschäftigt“, sagt Bayer: „Gegenwärtig gibt es auch keine Probleme bei den Gehaltszahlungen.“

Luftfahrt: Lufthansa Technik soll wieder wachsen

Hierzulande wird die Zahl der Beschäftigten trotz der Einstellungsoffensive geringer sein als Ende 2019. Im Zuge der Krise verließen rund 2000 Beschäftigte Lufthansa Technik in Deutschland. Durch Rente, Altersteilzeit und ein Freiwilligenprogramm wurde ein vom Konzern festgestellter Personalüberhang abgebaut.

Damals gab es in Hamburg bei Lufthansa Technik ohne die Töchter fast 8000 Mitarbeiter, Ende 2021 waren es 7250. Eine Prognose für Ende 2022 wurde nicht genannt. In diesem Jahr werde es noch einige geplante Abgänge geben, auf der anderen Seite werde die Leiharbeit, die zu Krisenbeginn als erstes abbestellt wurde, wieder aufgebaut, so Bayer: „Grundsätzlich hat Lufthansa Technik wieder eine Wachstumsperspektive.“

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