Lebensmittel

Speiseöl wird in Hamburger Supermärkten knapp

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Speiseöl ist das neue Klopapier: Kunden haben das Regal in einem Hamburger Supermarkt leer gekauft.

Speiseöl ist das neue Klopapier: Kunden haben das Regal in einem Hamburger Supermarkt leer gekauft.

Foto: HA

In vielen Filialen sind auch Regale mit Mehl und Zucker leer. Der Handel rationiert – ähnlich wie zu Beginn der Corona-Zeit.

Hamburg. Der junge Mann steht ratlos vor der Regalwand in einem Discounter in Altona. Wo sonst ein großes Fach für Sonnenblumenöl in großen Plastikflaschen reserviert ist, herrscht eine Stunde vor Ladenschluss gähnende Leere. „Ich war schon in zwei anderen Supermärkten in der Nähe. Da gab es auch nichts“, sagt er. Auch die teureren Produkte sind weg. In einem abgerissenen Karton etwas abseits hat er Rapsöl entdeckt. Immerhin noch sechs Flaschen.

„Was soll ich machen, ich habe eine Familie mit drei Kindern“, sagt der Kunde und packt drei Flaschen in seinen Einkaufskorb. Minuten später ist der Karton ganz leer. Der Marktleiter zuckt auf die Frage nach Nachschub nur mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wann die nächste Lieferung kommt. Wir können im Moment schon wieder eine Reihe von Artikeln nicht bestellen.“ Besonders betroffen sind Mehl, Zucker, Toiletten- und Küchenpapier.

Lebensmittel: In Supermärkten ist Öl knapp

Ob in Altona, Hoheluft, Iserbrook, Eimsbüttel, in vielen Supermärkten und Discountern stehen Kunden derzeit vor leergeräumten Regalen. Insbesondere Sonnenblumenöl und inzwischen auch Rapsöl sind Mangelware, vor allem bei den günstigen Produkten und Eigenmarken gibt es Engpässe. Die ersten Händler rationieren bereits die Abgabemengen. „Ähnlich wie zu Beginn der Corona-Zeit verzeichnet der Lebensmittelhandel derzeit deutlich mehr Verkäufe als normalerweise“, sagt Brigitte Nolte, Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord. Im Klartext: Viele Kunden haben angefangen, Hamsterkäufe zu machen. Bei insgesamt angespannten Lieferketten führt das zu einer weiteren Verknappung von bestimmten Produkten, die sich gerade hochschaukelt. „Das hat auch mit der allgemeinen Verunsicherung der Menschen zu tun“, sagt die Handelsexpertin.

Erst die Corona-Pandemie, jetzt der Krieg in der Ukraine. Nach den deutlich gestiegenen Kosten für Energie und hohen Benzinkosten treffen die Auswirkungen jetzt den Lebensmittelhandel. „Wir versuchen gerade alles, um an Waren ranzubekommen“, sagt Frank Ebrecht, Geschäftsführer von Edeka Niemerszein, einem der größten Lebensmittelhändler in Hamburg. In den neun Filialen des Unternehmens sind einige Regale inzwischen auch immer wieder ausgeräumt. Für diese Produkte gelten seit gestern Mengenbeschränkungen. Kunden dürfen nur noch maximal zwei Flachen Pflanzenöl sowie zwei Pakete Mehl und Reis kaufen. Das Personal schaut genau hin.

Aldi: Mehl, Zucker und Toilettenpapier vergriffen

Ein Marktleiter in Altona berichtet, dass er Montagfrüh die normale Wochenlieferung bekommen hatte und bereits am Abend alles weg war. Dort ist der Einkauf von Speiseöl und Mehl schon länger rationiert. „Nicht alle wollen sich daran halten. An den Kassen gibt es viele Diskussionen“, sagt er.

Auch im Aldi-Markt nebenan ist der Bereich mit Sonnenblumenöl seit Tagen komplett ausgeräumt. Mehl gibt es ebenfalls nicht mehr. Lücken auch bei Zucker, Nudeln und Hygienepapier. „Der Abverkauf einiger Warengruppen schwankt derzeit sehr stark von Tag zu Tag. Dadurch kann es sein, dass einzelne Artikel kurzzeitig vergriffen sind“, heißt es aus der Unternehmenszentrale von Aldi-Nord. Der Discounter kommt inzwischen ebenfalls nicht mehr an Rationierungen vorbei. „Es kann vorübergehend zu Abgabebeschränkungen bei Speiseöl- und Mehlartikeln kommen.“

Keine Ölexporte aus der Ukraine

Ganz ähnlich ist die Situation bei Lidl, Rewe und Netto, wie Nachfragen des Abendblatts ergaben. „Wir können aktuell keine Prognosen über künftige Mengen- und Preisentwicklungen geben, da die Situation sehr dynamisch ist“, sagt etwa eine Sprecherin der Edeka-Tochter Netto Marken-Discount. Das Unternehmen könne aber in Zusammenarbeit mit Lieferanten die Nahversorgung mit allen Produkten des täglichen Bedarfs sicherstellen. Deutlich gestiegene Nachfrage auch beim Großhändler Metro, der ausschließlich an Gewerbetreibende verkauft. Vorübergehend seien eine maximale Abgabemenge auf einzelne Produkte festgelegt worden, so ein Sprecher. Auch hier im Fokus: Speiseöle und Mehl.

Die Gründe für die Situation sind vielfältig, der Krieg in der Ukraine spielt eine Rolle und könnte sich auch langfristig auswirken. Das osteuropäische Land gilt als Kornkammer Europas und ist zudem weitweit einer der wichtigsten Exporteure für Ölsaaten.

„Noch gibt es in den Lagern Ware für vier bis sechs Wochen“, sagt der Sprecher des Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie OVID, Maik Heunsch. Doch die Lieferwege aus der Ukraine seien blockiert, die Arbeiter kämpften an der Front. Schon vor der russischen Invasion war die Lage wegen einer Missernte in Kanada und coronabedingten Logistikproblemen angespannt und hatte zu erheblichen Preissteigerungen geführt. Jetzt verschärfen sich die Engpässe. „Sonnenblumenöl wird knapp werden“, sagt Heunsch. Denn die nächste Ernte ist in Gefahr. „Es ist im Moment schwer vorstellbar, dass im April und Mail die Aussaat auf den Feldern in der Ukraine beginnen kann.“

Livio-Hersteller sucht Alternativen

Mit unabsehbaren Folgen auch für die Hersteller von Speiseölen. Beim Unternehmen Peter Kölln in Elmshorn sind die Marken Mazola, Livio und Biskin betroffen. „Wir stehen vor großen Herausforderungen: Denn wo nichts ist, kann man auch nichts kaufen“, sagt Geschäftsführer Christian von Boetticher. Der Krieg in der Ukraine verschärfe die ohnehin schon bestehende Rohstoffkrise und werde es gerade kleineren Unternehmen schwer machen. Unter anderem müsse jetzt über Alternativen in Rezepturen und Produktbeständen nachdacht werden.

„Uns hilft dabei, dass wir als mittelständisches Unternehmen agiler sind als so manch ein Konzern und dadurch schneller reagieren können.“ Aktuell geht von Boetticher von einem Zeitraum von zwei Jahren aus, bis sich der Markt für Sonnenblumenöle wieder erholt. Die Folge für die Verbraucher: Die Preise werden weiter steigen.

Bei Ebay gibt es Öl für 19,99 Euro

Trotzdem gibt es aus Sicht von Branchenkennern aktuell keinen Grund, in Panik zu geraten. „Generell ist die Versorgungslage in Deutschland gesichert. Niemand muss Lebensmittel bunkern“, betont die Hamburger Handelsexpertin Brigitte Nolte. Die großen Handelsketten verweisen darauf, dass sie in der Lage seien, den Bedarf der Bevölkerung zu decken. „Aktuell liegen uns keine Informationen über eine flächendeckende Unterversorgung mit Lebensmitteln der Grundversorgung oder Gütern des täglichen Bedarfs vor“, erklärt auch Christian Böttcher vom Handelsverband Lebensmittel und appelliert, sich solidarisch zu verhalten und Produkte nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen.

Aber es gibt immer auch diejenigen, die in der Krise noch Profit machen wollen. So finden sich aktuell bei Ebay mehrere Dutzend Kaufoptionen für Sonnenblumenöl. Unter anderem werden zwei Flaschen Sonnenblumenöl der Marke Thomy für 15 Euro plus Versandkosten angeboten. Noch dreister ist der Aufschlag für eine Literflasche der Edeka-Eigenmarke Gut&Günstig, die 19,99 Euro kosten soll. Normalerweise gibt es die zum Preis von 1,79 Euro.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft