Hamburger Wirtschaft

„War nicht zu erwarten": Wirtschaftsförderer mit Rekordjahr

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Volker Mester
Hamburg-Invest-Chef Rolf Strittmatter freut sich auch über Neuansiedlungen im Bereich Künstliche Intelligenz und Gesundheit.

Hamburg-Invest-Chef Rolf Strittmatter freut sich auch über Neuansiedlungen im Bereich Künstliche Intelligenz und Gesundheit.

Foto: imago stock / imago/Chris Emil Janßen

Investitionen von 752 Millionen Euro sind durch die Vermittlung von Hamburg Invest zustande gekommen. Auch neue Jobs wurden geschaffen.

Hamburg.  Kein Wunder, dass sich Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) mit dieser Bilanz sehr zufrieden zeigte: Die Zahl der durch Vermittlung der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hamburg Invest in der Hansestadt neu geschaffenen Arbeitsplätze ist im Jahr 2021 von 2188 auf 2545 Jobs gestiegen – und die Investitionen kletterten sogar von 588 Millionen Euro auf einen Rekordwert von 752 Millionen Euro. „Im zweiten Corona-Jahr war das nicht zu erwarten“, sagte Rolf Strittmatter, Geschäftsführer von Hamburg Invest, am Dienstag in der Landespressekonferenz.

„In der Summe sind wir sehr gut unterwegs“, fand Westhagemann. Er wies darauf hin, dass in der Investitionssumme Vorhaben wie der Aufbau einer Produktion von „grünem“ Wasserstoff im Hafen gar nicht enthalten sind, sondern nur die von Hamburg Invest betreuten Projekte.

Hamburger Wirtschaft "steht auf mehreren Beinen"

„Jetzt kommt zum Tragen, dass die Hamburger Wirtschaft auf mehreren Beinen steht“, sagte Strittmatter. Den größten Anteil an den neu geschaffenen Arbeitsplätzen hat die Gesundheitswirtschaft (1345), im Logistiksektor sind 158 neu Jobs entstanden. Als weiteren Schwerpunkt nannte Westhagemann die Künstliche Intelligenz (KI).

In diesem Bereich ist zum Beispiel die Neuansiedlung TeleMedC aus Singapur tätig. Das Unternehmen entwickelt KI-basierte Hard- und Softwarelösungen für die Diagnose von verschiedenen Augenkrankheiten und wird bei Forschung und Entwicklung mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) zusammenarbeiten.

Ensmile neu in der Hansestadt

Ebenfalls neu in Hamburg ist Ensmile, ein Hersteller von unsichtbaren Zahnschienen (Alignern) aus Pakistan. Die Zahnschienen wurden speziell für Erwachsene konzipiert und korrigieren die Zähne nicht mit Metallelementen oder Zahnspangen, sondern über transparente, mittels 3-D-Druck gefertigte Kunststoffschienen. Geliefert werden die Produkte den Angaben zufolge unter anderem an sechs bekannte Kliniken in Deutschland.

Rückgänge musste Hamburg Invest allerdings bei der Zahl der betreuten Projekte verzeichnen. Dies betraf sowohl die Neuansiedlungen (von 59 auf 47) wie auch die Expansionen bereits in Hamburg ansässiger Firmen (von 60 auf 36). „Vor allem kleinere Projekte werden wegen der Pandemie zeitlich geschoben“, erklärte Strittmatter, es bestehe derzeit ein erhöhter Beratungsbedarf. Aufgrund der Reisebeschränkungen hätten aber auch die internationalen Ansiedlungen vor allem aus Übersee abgenommen. „Uns fehlen die Delegationsreisen, Kongresse und Messen, auf denen man persönliche Kontakte knüpfen und Vertrauen schaffen kann“, so Strittmatter.

„Die Flächen in Hamburg sind knapp und teuer"

Es gibt aber noch einen anderen Grund für den Rückgang internationaler Ansiedlungsprojekte: Während man üblicherweise pro Jahr bis zu 30 Unternehmen aus China bei Hamburg-Projekten unterstützt habe, seien es 2021 auch wegen der „geopolitischen Lage“ nur drei gewesen, sagte der Hamburg-Invest-Chef. Dafür verzeichne man nun verstärktes Interesse aus Singapur. Dieser Stadtstaat entwickele sich derzeit zu so etwas wie der „Schweiz Asiens“, hieß es.

Ein Engpassfaktor für größere Neuansiedlungen bleiben die Gewerbeflächen. „Die gute Nachricht ist: Wir haben kein Nachfrageproblem“, sagte Strittmatter, „aber die Flächen in Hamburg sind knapp und teuer.“ So habe etwa der Elektroautohersteller Tesla, der in Brandenburg ein Werk baut, dort 15 Euro pro Quadratmeter gezahlt. „Hier in Hamburg würde man beim 20-Fachen dieses Preises liegen“, so Strittmatter.

Berenberg zieht in die City Nord

Im vergangenen Jahr habe Hamburg Invest den Unternehmen insgesamt 17,8 Hektar Gewerbefläche vermittelt. Davon waren sechs Hektar private und 11,8 Hektar städtische Grundstücke. Letztere würden zunehmend im Erbbaurecht vergeben, hieß es.

Zu den Firmen, die wachstumsbedingt einen neuen Standort innerhalb Hamburgs gesucht haben, gehörte der Aufzughersteller Schindler, der seine norddeutsche Service- und Verwaltungseinheit künftig in Barmbek-Nord unterbringt. Ebenfalls durch Vermittlung von Hamburg Invest fand das Privatbankhaus Berenberg ein Grundstück für den neuen Verwaltungssitz in der City Nord; bis 2025 soll der neue Standort für mehr als 800 Beschäftigte fertiggestellt sein.

Hamburger Wirtschaft: Grundstückssuche schwierig

Doch rund 30 Prozent der neueren Projekte betreffen nach Angaben von Strittmatter Firmen aus den Bereichen Industrie und produzierendes Gewerbe – und besonders in solchen Fällen kann es schwierig werden, ein geeignetes Grundstück innerhalb der Stadtgrenzen zu finden. „Wie im Vorjahr haben wir deshalb sechs Projekte in die Metropolregion weitergeleitet“, sagte der Hamburg-Invest-Chef.

So könne die Wirtschaftskraft zumindest im Norden gehalten werden. Allerdings wurden 2021 umgekehrt auch sieben Unternehmen aus der Metropolregion bei der Standortsuche in Hamburg unterstützt. Bekanntestes Beispiel dafür ist Astrazeneca: Der britisch-schwedische Pharmakonzern verlagert seine Deutschland-Verwaltung mit derzeit gut 350 Beschäftigten von Wedel an den Friesenweg nach Bahrenfeld.

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