Aurubis

Der erstaunliche Erfolg des Konzern-Chefs

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Heiner Schmidt
Roland Harings ist seit Juli 2019 Vorstandschef der Aurubis AG.

Roland Harings ist seit Juli 2019 Vorstandschef der Aurubis AG.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Rekordgewinne, Aktien auf Allzeithoch: Der Chef des Hamburger Kupfer- und Metallkonzerns macht ziemlich viel richtig. Die Hintergründe.

Hamburg. Explodierende Energiekosten und hohe Rohstoffpreise, Lieferengpässe, Fachkräftemangel und die Omikron-Variante – die Liste der Probleme, die Unternehmen derzeit zu bewältigen haben, ist lang. Der Hamburger Kupferkonzern Aurubis, der seit gut zwei­einhalb Jahren von Vorstandschef Roland Harings geführt wird, aber meldet Rekordgewinne, der Aktienkurs kletterte vergangene Woche auf ein Allzeithoch. Warum ist das so? Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie ist die aktuelle Geschäftslage?

Prächtig. Im Dezember verkündete Harings, der Konzern habe Ende September 2021 das bislang erfolgreichste Geschäftsjahr in der mehr als 150-jährigen Unternehmensgeschichte abgeschlossen. Der Gewinn vor Steuern aus dem operativen Geschäft belief sich auf mehr als 350 Millionen Euro. Anfang Februar wird der Konzern über seine Ergebnisse im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2021/22 berichten. Die wesentlichen Daten sind bekannt: Der operative Vorsteuergewinn ist auf mehr als 150 Millionen gestiegen und fast doppelt so hoch wie von September bis Dezember 2020. Nun erwartet das Management für das Gesamtjahr ein Ergebnis oberhalb von 400 Millionen Euro. Wenn es optimal läuft, könnte es eine halbe Milliarde Euro sein. Ursprünglich hatte Aurubis maximal 380 Millionen prognostiziert.

Warum ist das so?

Die Nachfrage nach Kupfer ist sehr hoch, damit ist es auch der Preis auf dem Weltmarkt. Große Mengen des Metalls werden in Elektroautos, Windkraftanlagen und Smartphones verbaut. Aurubis profitiert als eine Art Lohnunternehmen. Der Konzern wird von seinen Erzlieferanten – jetzt besonders gut – dafür bezahlt, dass er die Metalle herausholt. Für sein hochkonzentriertes Kupfer kommt noch eine spezielle Prämie obendrauf. Zudem gewinnen die Hütten zumeist mehr Metalle, als vertraglich vereinbart wurde. Viel Geld kommt auch durch den Verkauf von derzeit ebenfalls teurer Schwefelsäure herein, die in der Produktion entsteht. Mit zwei Millionen Tonnen pro Jahr ist es sogar doppelt so viel Säure wie Kupfer. Die etwas kuriose Folge ist, dass der Metallerzeuger in Deutschland zur Chemie- nicht zur Metallindustrie gezählt wird. Das Management hat es mit der eher zahmen Gewerkschaft IG BCE zu tun.

Wie hat sich der Aktienkurs entwickelt?

Überdurchschnittlich gut. Als der studierte Maschinenbauer Harings, der aus der Schweiz nach Hamburg wechselte und neben der deutschen auch die Schweizer Staatsangehörigkeit hat, Mitte 2019 an die Vorstandsspitze rückte, wurde die im MDAX notierte Aktie für etwas mehr als als 40 Euro gehandelt. Acht Monate später folgte nach Ausbruch der Corona-Pandemie der Absturz auf etwa 31,50 Euro. Unterbrochen durch einen zeitweiligen Rücksetzer 2021 geht es seitdem bergauf. Nach den vorläufigen Quartalszahlen erreichte das Papier vor einigen Tagen mit mehr als 103 Euro ein weiteres Allzeithoch. Zwar wurde auch Aurubis danach vom Abwärtstrend erfasst, der Aktienwert hat sich seit dem ersten Corona-Schock dennoch etwa verdreifacht. Der MDAX hat sich etwa verdoppelt. Harings selbst kaufte im jüngsten Geschäftsjahr 2000 Aktien und gab dafür gut 155.000 Euro aus.

Wie bewerten Analysten Aurubis?

Aktienexperten von 13 Banken analysieren die Entwicklung des Hamburger Konzerns. Vier der Institute erwarten, dass die Aktie in den nächsten zwölf Monaten steigt, und raten, die Papiere zu kaufen. Sechs Analysten empfehlen, die Anteile zu halten. Drei raten zum Verkauf, weil der Kurs nach ihrer Prognose fallen wird. Von der „sehr guten operativen Performance“, so Harings, im ersten Quartal wurden auch die Fachleute überrascht. Der Gewinn war höher, als von ihnen vorhergesagt. Und die von den Analysten ausgegebenen Kursziele hat das Papier zuletzt sämtlich übertroffen. Nach den frischen Zahlen bestätigten die Analysten von DZ Bank und Baader Bank ihre Kaufempfehlungen. Baader-Experte Christian Obst urteilte: „Aurubis bleibt in der Erfolgsspur.“ Dirk Schlamp von der DZ Bank hob das Kursziel auf 116 Euro an. Ähnlich Eggert Kuls vom Hamburger Bankhaus Warburg. Die Zahlen seien „herausragend“ und könnten auch in zweiten Quartal exzellent ausfallen, schrieb er. Die US-Bank Morgan Stanley riet zuletzt zum Verkauf. Die steigenden Energiepreise seien kritisch, hieß es.

Wie gefährlich sind hohe Strompreise?

Aurubis selbst nennt „Energiepreisentwicklungen“ als ein mögliches Risiko für die Gewinnprognose. Immerhin zählt die Kupferhütte auf der Peute zu den größten Verbrauchern in Hamburg. Tatsächlich sind die Energiekosten zuletzt um 50 Millionen Euro (25 Prozent) gestiegen. „Dieser Kostenanstieg wurde einerseits durch die neuen Standorte in in Belgien und Spanien verursacht, andererseits durch den deutlichen Anstieg der Marktpreise für Strom und Erdgas“, sagt Harings auf Abendblatt-Anfrage. Industrieunternehmen, die so viel Strom benötigen wie eine mittelgroße Stadt, sichern sich aber langfristig gegen starke Preisschwankungen ab. „Da langfristige Preisabsicherungen in diesem Jahr wirken, so konnten wir die tatsächliche Kostensteigerung deutlich dämpfen.“ Klar sei aber, dass das aktuelle Marktpreisniveau ein existenzielles Risiko für die deutsche Industrie bedeute, so Harings.

Wie sieht die Strategie des Chefs aus?

Roland Harings ist ein bisschen unglücklich, wenn Europas größter Kupferhersteller als Kupferkonzern bezeichnet wird. Er nennt ihn konsequent „Multimetall-Unternehmen“. Das soll einen schon vom Vorgänger eingeleiteten Wandel unterstreichen. Das Ziel ist, durch technische Verbesserungen mehr Metall insgesamt und mehr andere Metalle aus den Rohstoffen herauszuholen. Auch Zinn, Zink, Blei und Nickel sind gefragt und lassen sich gewinnbringend vermarkten. Zudem gewinnt Aurubis Platin sowie pro Jahr um die 50 Tonnen Gold – und gehört damit zu den weltweit größten Erzeugern des Edelmetalls. Die Verarbeitung von Kupfer- und Metallschrott spielt eine zunehmend größere Rolle. Das verringert die Abhängigkeit von den Erzminen. Aurubis hat für 380 Millionen Euro das belgisch-spanische Recyclingunternehmen Metallo übernommen, hat ein Joint Venture mitgegründet, in dem Kabel aufbereitet werden, und den Bau eines Recyclingwerks in den USA angekündigt. Und der Konzern will ins Recycling von E-Auto-Batterien einsteigen, die Pilotanlage soll auf dem Gelände des Hamburger Stammwerks stehen. Schon lange versucht der Konzern, seine viele Jahre lang defizitäre Flachwalzsparte abzustoßen. Harings hat nun wenigstens für einen Teil dieses Geschäftszweigs einen Interessenten gefunden. Drei der vier Walzwerke bleiben aber im Konzern. Sehr viel häufiger als vor ein paar Jahren ist bei Aurubis nun von Nachhaltigkeit, Klimaschutz und sozialer Verantwortung die Rede. Dass das mehr als Lippenbekenntnisse sind, zeigte sich im letzten Sommer. Der Konzern zog sich aus einem absehbar sehr lukrativen Projekt in Nordnorwegen zurück. Die ansässigen Rentierzüchter hatten gegen eine neue Erzmine protestiert.

Wie sind die Aussichten?

Für ein Abflauen des Kupferbooms gibt es derzeit keine Anzeichen. In diesem Geschäftsjahr soll das von Harings angeschobene Effizienzsteigerungs- und Kostensenkungsprogramm volle Wirkung entfalten und 100 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen. Insgesamt wurden 230 Arbeitsplätze abgebaut, davon 160 im Hamburger Stammwerk. „Mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Rahmen des Kostensenkungsprogramms ausgeschieden sind, haben wir sozialverträgliche Lösungen gefunden“, sagt Harings. Bevor er nach Hamburg kam, hatte es binnen elf Jahren fünf Wechsel an der Konzernspitze gegeben. Mit der Arbeit des 58-Jährigen ist der von Ex-Umweltsenator Fritz Vahrenholt geführte Aufsichtsrat nun offensichtlich sehr zufrieden. Vorgänger Schachler hatten die Aufseher knapp zwei Wochen vor dem regulären Vertragsende gefeuert. Harings soll langfristig bleiben. Sein Vertrag wurde frühzeitig um fünf Jahre verlängert – und ist gut dotiert. Der Geschäftsbericht 2020/21 weist für ihn eine Gesamtvergütung in Höhe von 1,95 Millionen Euro aus.

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