Einzelhandel in Not

Feinkost Lindner fehlt Personal: Filiale in Hamburg dicht

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Martin Kopp
Feinkost Lindner hat seine Filiale am Mühlenkamp vorübergehend geschlossen. Allerdings bleiben andere Standorte des Unternehmens in Hamburg (hier ein Archivfoto) geöffnet

Feinkost Lindner hat seine Filiale am Mühlenkamp vorübergehend geschlossen. Allerdings bleiben andere Standorte des Unternehmens in Hamburg (hier ein Archivfoto) geöffnet

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Traditionsunternehmen Lindner findet nicht genug Arbeitskräfte – und macht nun eine Zwangspause in einer Filiale in Winterhude.

Hamburg. Der Name Lindner steht im Einzelhandel für feine Käsespezialitäten, ausgefallene Salate und handgemachte Backwaren. Acht Filialen betreibt das Feinkostunternehmen, das zunächst unter dem Namen Butter Lindner mit Molkereiprodukten bekannt wurde, inzwischen in Hamburg. Zumindest in Winterhude müssen die Kunden auf den Service bis auf Weiteres verzichten. Das Unternehmen hat die Filiale am Mühlenkamp geschlossen – unmittelbar vor dem einträglichen Weihnachtsgeschäft.

Ein Schild im Schaufenster liefert die Begründung: Es fehlt an Fachkräften. „Dieses Lindner Feinkostgeschäft ist von der angespannten Arbeitsmarktsituation betroffen“, steht da zu lesen. „Unsere engagierte Suche nach qualifizierten Mitarbeitern/innen hat leider einen Engpass nicht vermeiden können. Ohne genügend geeignete Fachkräfte können wir mit unserem umfassenden Feinkostangebot nicht angemessen für Sie da sein.“

Einzelhandel Hamburg: Lindner-Filiale am Mühlenkamp macht dicht

Es ist ein Paukenschlag für den Hamburger Einzelhandel, dass ein Geschäft wegen Personalmangels gleich schließen muss. „Es war für uns das letzte Mittel, und die Schließung tut uns sehr weh“, sagt Claudia Mehrl, Sprecherin der Lindner Feinkostläden mit Hauptsitz in Berlin.

Das Zusammenspiel von Fachkräftemangel und Corona habe zu der Entscheidung geführt, eine der Hamburger Filialen vorübergehend zu schließen. „Wir haben im Moment coronabedingt hohe Ausfallzeiten bei den Mitarbeitern, auch wenn sie doppelt geimpft sind. Sie sind nicht krank, stecken aber entweder in Quarantäne oder müssen sich um angesteckte Kinder kümmern. Diese Ausfälle können wir nicht durch frische Fachkräfte vom Arbeitsmarkt kompensieren.“ Das betreffe nicht nur die Filiale am Mühlenkamp mit ihren zehn Mitarbeitern, sondern alle Lindner-Standorte in Hamburg.

Das Unternehmen beschäftigt 150 Mitarbeiter in der Stadt. So habe man vor der Entscheidung gestanden, das Konzept zu ändern und in jeder Filiale mit weniger Personal zu arbeiten. „Aber das wäre nicht Lindner und würde unseren Kundenansprüchen nicht gerecht“, so Mehrl. Deshalb habe man eine Filiale geschlossen. „Auch aus Verantwortung unseren Mitarbeitenden gegenüber.“

Personalmangel: Paukenschlag für den Hamburger Einzelhandel

Niemand sei durch die kurzfristige Schließung in Kurzarbeit geschickt worden. „Der Betrieb in den übrigen Filialen läuft normal weiter. Und unsere Kunden in Winterhude können gerne unseren Bestellservice in Anspruch nehmen, der alle Produkte führt.“ Die Lieferungen werden beim Catering-Service der Firma am Eppendorfer Baum zusammengestellt. Die Lieferzeiten für die Bezirke sind unterschiedlich.

Laut Mehrl ist das Fachkräftepro­blem in der Branche verbreitet: „Wir arbeiten mit kleinen Manufakturen zusammen, die auch händeringend Personal suchen.“ Tatsächlich zeigen sich nun laut Branchenexperten die Auswirkungen einer sich seit Längerem abzeichnenden Bedrohung. Bereits im Frühjahr hatte das renommierte Ifo-Institut davor gewarnt, dass der Fachkräftemangel zu einer ernsthaften Belastung der deutschen Wirtschaft führen wird. Vierteljährlich befragt das Münchener Institut die deutsche Wirtschaft zur Lage: Im Einzelhandel verdoppelte sich vom Frühjahr zum Sommer die Zahl der Firmen, die Engpässe bei Fachkräften melden nahezu von 15,7 auf 30,6 Prozent. In der Herbstumfrage stieg dieser Wert weiter auf inzwischen 37 Prozent.

„Dass ein Geschäft gleich ganz schließen muss, hatte ich noch nicht gehört, aber das wird nicht das letzte sein“, sagt Andreas Bartmann, Präsident des Handelsverbands Nord, dem Abendblatt. Bisher sei die Personalfrage nur eine von mehreren Ursachen gewesen, wenn alteingesessene Geschäfte wie Fleischereien oder Apotheken aufgegeben hätten. „Aber wir Einzelhändler merken, dass das Problem, geeignete junge Leute zu finden, spürbar zunimmt. War noch vor einigen Monaten vor allem die Gastronomie so betroffen, sodass einzelne Restaurants vorübergehend schließen mussten, ist das Thema inzwischen beim Einzelhandel angekommen“, sagt Bartmann, der zugleich Geschäftsführer des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter ist.

Handels-Präsident: Es muss mehr ausgebildet werden

„Auch wir können derzeit jede zehnte Stelle in unseren Filialen nicht besetzen. Im Moment können wir den Mangel kompensieren, weil die Kundenfrequenzen in den Läden aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen nicht so hoch sind“, so Bartmann. Aber irgendwann sei diese Phase hoffentlich vorbei. „Dann werden wir über eine Verkürzung unserer Ladenöffnungszeiten nachdenken müssen, weil die Fachkräfte fehlen.“

Als einzigen Ausweg für den Einzelhandel sieht Bartmann die Ausbildung. „Wir benötigen mehr Auszubildende – und selbst wenn wir die haben, wird es noch einige Jahre dauern, bis wir das Problem in den Griff bekommen.“ Feinkost Lindner setzt unterdessen auf eine Besserung der Lage zum Frühjahr hin, wenn die Corona-Welle hoffentlich abebbt. Dann soll auch die Filiale am Mühlenkamp erneut öffnen. „Wir sind guter Dinge, Ende Januar/Anfang Februar wieder für sie da zu sein“, steht auf dem Schild im Schaufenster.

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