Wolfsburg

Volkswagen: Streit zwischen Diess und Betriebsrat eskaliert

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Andreas Schweiger
VW-Konzernchef Herbert Diess brachte einen massiven Stellenabbau ins Spiel. Nun steht sein eigener Job auf der Kippe.

VW-Konzernchef Herbert Diess brachte einen massiven Stellenabbau ins Spiel. Nun steht sein eigener Job auf der Kippe.

Foto: Michael Probst / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

VW-Chef Herbert Diess trimmt den Konzern auf Erneuerung. Doch im Streit mit dem mächtigen Betriebsrat gerät er selbst in Bedrängnis.

Wolfsburg. Krawall ist bei Volkswagen nicht ungewöhnlich. Auch nicht, dass interne Streitthemen regelmäßig in die Öffentlichkeit getragen werden. Das gilt auch für den aktuellen Konflikt zwischen Konzernchef Herbert Diess und dem Betriebsrat. Die Dimension dieser Auseinandersetzung ist noch nicht final einzuschätzen.

Ein vierköpfiges Gremium im Aufsichtsrat hat nun die Aufgabe, den Konflikt zu klären. Bis zum 9. Dezember soll feststehen, ob und wie es mit Diess weitergeht. Der Betriebsrat arbeite nicht an seiner Ablösung, heißt es. Fest im Sattel sitze er aber auch nicht mehr, heißt es. Also ein Schwebezustand.

Aber was ist der Auslöser des Konflikts? Die alte Frage um die Macht am Konzernsitz, die Frage um den Umgang zwischen beiden Lagern – ausgelöst durch Diess’ Sticheleien gegen die Belegschaft und seine angebliche Erwägung, Zehntausende Arbeitsplätze abzubauen.

Streicht Volkswagen nach Verlusten bis zu 30.000 Stellen?

Der Konflikt kommt in doppelter Hinsicht zur Unzeit. Erstens weil es weniger um Inhalte, sondern mehr ums Miteinander geht. Zweitens weil der Autobauer in einem fundamentalen Umbau zur Elektro-Mobilität und Digitalisierung steckt, der nun von einer sehr ernst zu nehmenden Krise flankiert wird.

Corona und Halbleiter-Mangel erzwangen und erzwingen Kurzarbeit und Produktionsunterbrechungen. Zwar war das erste Halbjahr für den VW-Konzern wirtschaftlich noch sehr erfolgreich. Nach der Sommerpause fuhren aber die Volumenmarken VW, Seat, Skoda und VW-Nutzfahrzeuge Verluste ein. Die Neuzulassungen des Brot-und-Butter-Autos Golf brachen in Deutschland im September um 41 Prozent ein, im Oktober sogar um 66 Prozent.

Nun kommt ganz frisch noch eine Klage der Umweltschutz-Organisation Greenpeace hinzu, die per Gerichtsurteil erzwingen will, dass sich VW schon 2030 aus der Verbrennerproduktion verabschiedet. Lesen Sie hier: Preis, Reparatur, Laden: E-Autos und Verbrenner im Vergleich

Von den Produktionseinbrüchen besonders betroffen ist das VW-Stammwerk Wolfsburg, in dem mehr als 60.000 Menschen arbeiten. Dort am Mittellandkanal hat der Autobauer die Produktion seines einst erfolgreichsten Modells Golf gebündelt. Zwischen 2010 und 2020 wurden in Wolfsburg jährlich knapp 780.000 Autos produziert. Im vergangenen Jahr sorgte Corona für einen Absturz auf knapp 500.000 Fahrzeuge, in diesem Jahr dürfte die Zahl nochmals sinken.

Vorstand versus Betriebsrat – der Streit eskaliert

Wolfsburg ist nicht nur das größte Werk des VW-Konzerns. Sondern dort agiert auch der Vorstand, dort hat der Betriebsrat seine Zentrale. Bis zum Frühjahr des Jahres krachte es regelmäßig zwischen Diess und dem damaligen Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Nach Osterlohs Wechsel in den Vorstand der VW-Nutzfahrzeug-Holding Traton wird die Arbeitnehmervertretung von Daniela Cavallo geleitet. Sie tritt leiser auf als Osterloh, besonnener. Deshalb war die Hoffnung groß, dass sich der Umgang zwischen beiden Lagern künftig sachlicher gestaltet. Eine Hoffnung, die nun laut zerplatzt ist. Lesen Sie auch: Türen können unerwartet öffnen: VW ruft 200.000 Autos zurück

Betriebsrat kontert Diess und fordert weiteres Modell für Wolfsburg

Auslöser war eine Tagung mit Top-Managern vor wenigen Wochen. Auf ihr bemängelte Diess Produktivität, Profitabilität und damit Wettbewerbsfähigkeit in Wolfsburg. Der Standort müsse „Lebenswillen“ zeigen. Der Betriebsrat forderte hingegen fast zeitgleich ein zusätzliches Modell für das Stammwerk, ein kluger Konter.

In Wolfsburg werden bisher nur Verbrenner gebaut. Das zusätzliche Modell soll nach Willen des Betriebsrats nicht nur die Auslastung verbessern, sondern auch über einen Elektro-Antrieb verfügen und damit eine Perspektive bieten.

Eskalationsstufe 2 war eine E-Mail von Diess, in der er intern beauftragt haben soll, den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen bei der Marke VW zu prüfen. Mit dieser Idee soll der Konzernchef auch den Aufsichtsrat brüskiert haben. Unklar ist, ob es dabei um deutschlandweite Stellenstreichungen geht – das wäre jeder vierte Arbeitsplatz bei der Marke VW – oder um einen Abbau nur in Wolfsburg.

Eskalationsstufe 3: Diess wollte zunächst eine Mitarbeiterversammlung im November, zu der der Betriebsrat eingeladen hat, nicht besuchen – wegen einer lange vorher geplanten USA-Reise. Erst nach massiver Kritik Cavallos sagte er den Flug über den großen Teich ab und sprach in Wolfsburg vor der Belegschaft.

Diess lässt neue Fabrik in Niedersachsen prüfen

In einem Video, in dem Diess Mitarbeiterfragen beantwortet, sagte er, dass es keinen Plan gebe, 30.000 Stellen abzubauen: „Es geht nicht vordringlich um einen Arbeitsplatzabbau.“ Mit dem Betriebsrat werde aber darüber diskutiert, wie das Werk auch 2030 wettbewerbsfähig sein könne. Zudem prüfe VW den Bau einer eigenen Fabrik im Wolfsburger Umland für die Produktion des Elektromodells Trinity. Das Auto soll ab 2026 das elektrische Spitzenmodell der Marke VW werden. Pläne zum Bau der neuen Fabrik verkündete VW am Dienstag, der Aufsichtsrat muss aber noch zustimmen.

Wegen des Konflikts musste die Planungsrunde in diesem Jahr bereits vom November in den Dezember verschoben werden. In ihr werden immer zum Jahresende Milliardeninvestitionen für die nächsten Jahre festgelegt. Am 9. Dezember sollen die Beschlüsse verkündet werden. Bis dahin muss das vierköpfige Gremium des Aufsichtsrats klären, wie es weitergeht in Wolfsburg. Mehr zum Thema: Klimaschutz: Warum nachhaltig gut für Unternehmen ist

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