Lieferengpässe

Warum man so lange auf das neue Auto wartet

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Volker Mester
Bei Neuwagen sind Lieferzeiten von einem Jahr keine Seltenheit (Symbolbild).

Bei Neuwagen sind Lieferzeiten von einem Jahr keine Seltenheit (Symbolbild).

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

Lieferzeiten von einem Jahr sind in Hamburg keine Seltenheit. Schuld ist der Chipmangel. Und auch Gebrauchtwagen sind schwer zu bekommen.

Hamburg.  Ohne sie kommt keine heutige Servolenkung aus, der Bremskraftverstärker und die Airbags würden ohne sie nicht funktionieren, ebenso wie die Zentralverriegelung: Fingernagelgroße Elektronikbauteile steuern inzwischen fast alle wichtigen Komponenten eines Autos. Wenn auch nur einer dieser Chips im Wert von Cents oder höchstens wenigen Euro fehlt, kann das Fahrzeug nicht ausgeliefert oder gar nicht erst gebaut werden – und das kostet Hamburger Autohäuser derzeit einen erheblichen Teil ihres Geschäfts.

„Im September lagen die Pkw-Neuzulassungszahlen wegen des Chip-Mangels um mehr als 25 Prozent unter dem Vorjahreswert“, sagt Martin Rumpff, Geschäftsführer des Landesverbands des Kfz-Gewerbes Hamburg. „Das tut uns doppelt weh, weil wir uns nach dem Corona-Jahr 2020 in einer Aufholjagd befinden.“ Zusammen mit den „entsetzlich langen Lieferzeiten“ führe das in manchen Autohäusern zu einer „dramatischen Situation“, so Rumpff. „Die Kunden fragen jetzt immer zuerst: ,Wann ist das Fahrzeug lieferbar?‘ und verlassen dann nicht selten den gewohnten Händler, weil sie das Auto nicht erst nach einem halben oder einem Dreivierteljahr fahren wollen.“

Produktion in deutschen Autowerken ging im September stark zurück

Tatsächlich können manche Modelle sogar erst mehr als ein Jahr nach dem Kauf ausgeliefert werden. Das betrifft nach Erhebungen des Neuwagenvergleichsportals Carwow vor allem Pkw mit Elektro- oder Plug-in-Hybridantrieb, die wegen der Umweltprämie aber stark gefragt sind (siehe Grafik).

Im September ging die Produktion in den deutschen Automobilwerken um insgesamt 44 Prozent zurück. „Lieferengpässe bei Halbleitern waren im abgelaufenen Monat erneut das bestimmende Produktionshindernis“, hieß es dazu vom Branchenverband VDA. Volkswagen musste für viele Beschäftigte zeitweise Kurzarbeit anmelden, die Marken VW, Seat und Skoda fuhren im dritten Quartal Verluste ein. Nach Einschätzung der Konzernführung in Wolfsburg dürften die Auslieferungen im Gesamtjahr nun nicht mehr spürbar über denen des von der Corona-Krise hart getroffenen Vorjahres liegen.

Daimler geht dieses Jahr von leichtem Absatzrückgang aus

Daimler geht für 2021 von einem leichten Absatzrückgang aus, nachdem im Zeitraum von Juli bis September fast ein Drittel weniger Mercedes-Benz-Pkw auf die Straße kamen. Um möglichst wenig Umsatz zu verlieren, baut man die knappen Halbleiter vorrangig in teure Oberklasse-Modelle wie etwa die S-Klasse ein, wie Daimler freimütig einräumte. Zudem konnten die Stuttgarter im Geschäft mit Firmenkunden und Autovermietern – wo sonst hohe Rabatte üblich sind – höhere Preise durchsetzen, eben weil die Pkw nun selbst zu einem knappen Gut geworden sind.

Im Stellantis-Konzern (Peugeot, Citroën, Opel, Fiat und weitere Marken) nutzt man die verfügbaren Chips vor allem für die Herstellung von Elektroautos, die tendenziell teurer als solche mit Verbrennungsmotor sind. Der Peugeot 308 bekam bis zum kürzlich erfolgten Modellwechsel anstelle des digitalen Tachometers wieder ein analoges Instrument eingebaut.

Für den Mangel an Halbleiter-Bauteilen gibt es mehrere Ursachen

„Die Beschaffungssituation ist außergewöhnlich – es gibt kaum einen Hersteller, der wegen der Chip-Knappheit kein Verfügbarkeitsproblem hat“, sagt Michael Babick, Geschäftsführer der Hamburger Autohandelsgruppe Krüll Motor Company, die außer Ford auch Marken wie Nissan, Volvo, Opel und ­Citroën führt. Gleichwohl gebe es Unterschiede: „Volvo ist nach wie vor sehr terminsicher, hier liegen die Lieferzeiten mit rund vier Monaten noch im normalen Bereich.“

Für den Mangel an Halbleiter-Bauteilen, von denen mehr als 3000 in einem modernen Premium-Auto stecken können, gibt es gleich mehrere Ursachen. So ist die Autoindustrie nur ein vergleichsweise kleiner Abnehmer der wichtigsten Chip-Hersteller, von denen es weltweit nicht einmal eine Handvoll gibt. In Corona-Zeiten hatten die Autobauer ihre Produktion zunächst stark zurückgefahren – und beim Wiederanspringen der Fertigung mussten sie mit anderen Halbleiter-Kunden wie wachstumsstarken Smartphone- und Medizintechnikherstellern um die Lieferungen konkurrieren. Zudem gab es in mehreren Chip-Werken Produktionsstopps: in Texas durch Stromausfälle, in Taiwan durch Wasserknappheit und in Japan durch einen Fabrikbrand.

Verknappung auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt

Manche Hamburger Autohändler gehen das Problem offensiv an: „Lieferzeit? Nicht bei uns. Jetzt sofort verfügbare Golf-Modelle entdecken“, wirbt Volkswagen Automobile Hamburg. „Die Bereitschaft, vorkonfigurierte Autos zu kaufen, ist so groß wie nie“, sagt Michael Babick vom Wettbewerber Krüll: „Gerade gewerbliche Kunden können eben nicht auf ihr Fahrzeug warten.“ Auch die Krüll-Gruppe hatte laut Babick vorsorglich „ein großes Lager an vorproduzierten Neuwagen aufgebaut, aber inzwischen ist der Großteil davon verkauft“.

Wer auf ein gebrauchtes Auto ausweichen will, kann auch da nicht aus einem großen Angebot wählen. „Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sehen wir ebenfalls eine deutliche Verknappung, weil bei abnehmenden Neuwagenverkäufen auch weniger Autos in Zahlung genommen werden“, erklärt Babick.

Experten rechnen erst 2022 mit spürbarer Entspannung auf dem Chip-Markt

Doch allein das entgangene Neuwagengeschäft beläuft sich auf Basis der Hamburger Neuzulassungszahlen bei einem Absatzminus von 25 Prozent und einem Verkaufspreis von im Schnitt 36.340 Euro auf 76 Millionen Euro pro Monat. „Das wirft unsere Betriebe gewaltig zurück“, sagt Rumpff. „Dabei sah es zunächst recht gut aus“ – so, als könne man die Einbußen des vorigen Jahres mit den im Frühjahr 2020 wochenlang geschlossenen Autohäusern nun mehr als ausgleichen. Daraus wird wohl nichts.

Denn Experten rechnen erst für Mitte des Jahres 2022 mit einer spürbaren Entspannung auf dem Chip-Markt. Und der nächste Engpass könnte schon vor der Tür stehen. So warnt die Wirtschaftsvereinigung Metalle vor einer Knappheit bei Magnesium, das für die Aluminiumherstellung wichtig ist: „Es wird erwartet, dass die Magnesiumvorräte in Europa spätestens Ende November erschöpft sein werden.“ Es drohten „massive Produktionsausfälle“, ähnlich wie bei der Chip-Krise, heißt es in einem Brief an die Bundesregierung. Aufgrund der Energieknappheit in China, woher 95 Prozent des in Europa verarbeiteten Magnesiums kämen, könnten etliche Magnesiumwerke dort stillgelegt werden.

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