Finanzen

Vermögen nicht vergessen! Nach 30 Jahren gehört es der Bank

| Lesedauer: 7 Minuten
Steffen Preißler
Wer sein Guthaben auf der Bank mehr als 30 Jahre unangetastet lässt, läuft Gefahr, es zu verlieren (Symbolbild).

Wer sein Guthaben auf der Bank mehr als 30 Jahre unangetastet lässt, läuft Gefahr, es zu verlieren (Symbolbild).

Foto: imago images/phototek

Hamburger Geldinstitute geben sich schmallippig, wenn es um dieses heikle Thema geht. Worauf es ankommt und was Kunden tun können.

Hamburg. Die Antwort der Commerzbank fällt denkbar knapp aus. Offenbar betreffen die Fragen des Abendblatts zu Bankkonten, die seit längerer Zeit nicht mehr genutzt werden, einen sensiblen Bereich bei dem Geldinstitut, über den man nicht gern spricht. Zwar räumt die Commerzbank ein, dass sie Kunden im Bestand hat, „die ihr Konto über einen längeren Zeitraum unbewegt lassen“.

Doch damit erschöpft sich die Auskunftsbereitschaft auch schon: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen keine Fallzahlen oder weitere Details nennen“, heißt es in der nur fünfzeiligen Antwort. Fast identisch reagiert auch die Comdirect – mit Verweis auf eine einheitliche Vorgehensweise im Commerzbank-Konzern.

Verwaiste Konten: Nach 30 Jahren fällt Vermögen ans Geldinstitut

Hamburger Sparkasse, Sparkasse Holstein, Postbank, HypoVereinsbank und Deutsche Bank antworten zwar ausführlicher, aber die Zahl der „nachrichtenlosen Konten“, wie sie im Fachjargon heißen, will kein Geldinstitut preisgeben. „Hierzu können wir leider keine Angaben machen“, sagt Haspa-Sprecherin Stefanie von Carlsburg.

Von der Sparda-Bank Hamburg heißt es: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu Mengengerüsten und Betragsvolumina keine Angaben machen wollen.“ Die Hamburger Volksbank, die PSD Bank und die Sparkasse Harburg-Buxtehude wollten sich nicht an der Umfrage beteiligen.

Dabei geht es um Milliarden Euro, die ungenutzt auf verwaisten Konten schlummern, weil Erben davon nichts wissen oder es auch keine Nachkommen gibt. Schätzungen zufolge liegen in Deutschland zwei bis neun Milliarden Euro auf verwaisten Konten bei Banken und Sparkassen. Die erste Zahl stammt vom früheren NRW-Finanzminister und jetzigen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans. Die zweite Schätzung kommt vom Verband Deutscher Erbenermittler.

Nur wenige Kreditinstitute nennen konkrete Zahlen

„Meist sind die Besitzer tot, manchmal sind die Konten auch nur bei einem Umzug vergessen worden“, sagt Beate Schön vom Verbraucherportal Finanztipp. Lediglich von der Sparkasse Dortmund wurde in der Vergangenheit eine Zahl bekannt, die deutlich macht, wie groß das Problem der herrenlosen Konten bei einzelnen Geldinstituten sein kann. Knapp 250.000 nachrichtenlose Konten wurden danach 2019 bei dem Geldinstitut gezählt, die auf der Rangliste der Sparkassen den 20. Platz einnimmt, heißt es bei Finanztipp. Die Haspa ist die größte deutsche Sparkasse.

Das Problem der nachrichtenlosen Konten habe sich in den vergangenen zehn Jahren verringert, sagt Sprecherin von Carlsburg. Ähnliches berichtet die HypoVereinbank, während die Deutsche Bank keinen „signifikanten Trend“ feststellt, wie ein Sprecher des Instituts dem Abendblatt sagt. „Bei Kunden mit Onlinebanking kommt es eher seltener vor, dass ein Konto vergessen wird, weil man alle Konten auf einen Blick sieht“, sagt Steffen Müller, Sprecher der Sparkasse Holstein.

70 Prozent von 110 Millionen Girokonten online

Solange der Kunde lebt, mag das zutreffen, denn im Onlinebanking gibt es regelmäßige Abfragen, ob die Anschrift oder die Telefonnummer noch stimmt. Reagiert der Kunde über längere Zeit nicht, ist das für das Geldinstitut zumindest ein Warnsignal. „Banken sind ja aus verschiedensten Gründen verpflichtet, Daten aktuell zu halten und regelmäßig zu überprüfen“, sagt Ralf Horak, Sprecher der HypoVereinsbank.

Experten sehen allerdings im wachsenden Onlinebanking eine Gefahr, wenn der Kontoinhaber verstirbt und seine Erben nicht wissen, wo überall Konten existieren. Allein von den annähernd 110 Millionen Girokonten in Deutschland werden inzwischen mehr als 70 Prozent online geführt. Hinterlässt ein Verstorbener keine weiteren Hinweise auf ihm gehörende Onlinekonten, so ist es für Erben ungemein schwer, diesen Teil des Nachlasses zu ergründen. Auskunftsersuchen privater Personen ins Blaue hinein steht das Bankgeheimnis entgegen.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“

Deshalb hat die niedersächsische Landesregierung eine Bundesratsinitiative beschlossen, die auf die Einrichtung eines Verzeichnisses über herrenlose Konten zugunsten unbekannter Erben abzielt. „Es besteht dringender Handlungsbedarf. Bei den Kreditinstituten sammelt sich Geldvermögen, das den rechtmäßigen Erben vorenthalten bleibt. Wir brauchen eine allgemein zugängliche Informationsquelle über Vermögensanlagen, wenn in angemessener Zeit kein Erbe in Anspruch genommen wurde“, sagt der niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU).

Bisher wurde auf Bundesebene eine Arbeitsgruppe eingerichtet, „die eine umsetzbare Lösung des Problems erarbeiten soll“, beschreibt ein Sprecher des niedersächsischen Finanzministeriums den Stand der Dinge. Mit einem Schlussbericht werde demnächst gerechnet und der weitere Fortgang der Gesetzesinitiative hiervon maßgeblich abhängen, so der Sprecher gegenüber dem Abendblatt.

Auch nach 30 Jahren wird ein Girokonto nicht geschlossen

Machen Erben keine Ansprüche geltend, fällt das Geld den Banken zu. „Nach 30 Jahren müssen sie das Geld ausbuchen und als Gewinn versteuern, so verlangen es die Finanzämter“, sagt Verbraucherexpertin Schön. Doch Erben können auch danach noch Ansprüche auf das Geld erheben. „Die Ansprüche der Kundinnen und Kunden oder der Erben sind davon unberührt“, sagt Haspa-Sprecherin von Carlsburg. „Etwaige Guthaben verfallen auch nach 30 Jahren nicht.“

Die HypoVereinsbank verweist darauf, dass auch nach 30 Jahren keine Girokontoschließung erfolge. Bei der Postbank wird ein Girokonto gelöscht, wenn dieses durch Abbuchungen von Kontoführungsgebühren ins Minus rutscht. Die Sparkasse Holstein bucht bei Sparkonten mit Beträgen von weniger als 50 Euro, die seit mindestens zehn Jahren umsatzlos sind, auf Sammelkonten um, um Kosten zu vermeiden. „Bei Vorlage des Sparkassenbuches wird das Guthaben trotzdem ausgezahlt“, sagt Sparkassensprecher Steffen Müller.

Ob sich die Lage für Erben durch die Gesetzesinitiative von Niedersachsen verbessert, bleibt abzuwarten. So lange müssen Nachkommen bei den einzelnen Bankenverbänden selbst nachforschen, wenn sie unentdeckte Konten vermuten oder es darauf Hinweise gibt.

Spurensuche: Nachforschungsverfahren ist kostenlos

„Sofern in Nachlassfällen unbekannte Konten, Wertpapierdepots oder Schließfächer bei einer privaten Bank vermutet werden, führt der Bundesverband deutscher Banken das Suchverfahren durch“, sagt Kathleen Altmann vom Bundesverband.

Die Suche berücksichtigt dabei nur aktuell bestehende und auf den Namen des Verstorbenen lautende Konten. Nach bereits aufgelösten Konten kann nicht mehr gesucht werden. Findet sich eine Bank, bei der noch ein Vermögenswert schlummert, setzt sich diese mit den Erbberechtigten direkt in Verbindung. Das Nachforschungsverfahren bezieht sich auf das ganze Bundesgebiet.

Das Nachforschungsverfahren beim Bankenverband ist kostenlos. „Um die Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, müssen Sie aber nachweisen, dass Sie erbberechtigt sind“, sagt Altmann. Für die Legitimation reiche es aus, eine Kopie des Erbscheins oder des vom Gericht eröffneten Testaments vorzulegen. Wie die privaten Banken haben auch die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken entsprechende Nachforschungsverfahren.

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