Nachhaltigkeit

Hamburger entwickelt kompostierbare Teelichte ohne Müll

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Hanna-Lotte Mikuteit
Karsten Inderbiethen, Gründer der Firma Cup Candle, will im kommenden Jahr 63 Millionen umweltverträgliche Teelichte verkaufen.

Karsten Inderbiethen, Gründer der Firma Cup Candle, will im kommenden Jahr 63 Millionen umweltverträgliche Teelichte verkaufen.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Die Hüllen der Kleinkerzen bestehen aus biologisch abbaubarem Material. Handelsketten haben schon bestellt.

Hamburg.  Wenn jetzt die Tage kürzer und die Abende früh dunkel werden, brennen sie wieder in vielen Wohnungen: Teelichte. Die kleinen Kerzen in den Hüllen aus Aluminium oder Plastik sind die meistverkauften Kerzen überhaupt. Beim schwedischen Möbelgiganten Ikea gehört der Hunderterpack seit Jahrzehnten zu den Topsellern. Sie wärmen Teekannen, stehen als Dekoration in bunten Gläsern oder als Opferlichte in Kirchen. Insgesamt werden in Europa Schätzungen zufolge jedes Jahr mehr als zwölf Milliarden Teelichte abgebrannt.

„Aneinandergereiht ist das eine 456.000 Kilometer lange Lichterkette, die man elfmal um die Erde legen könnte“, sagt Karsten Inderbiethen. Das würde wohl schön aussehen, aber die hübschen Lichtlein verursachen auch eine Menge Müll. Etwa 5000 Tonnen Aluminium und 7500 Tonnen Plastik werden für die Hüllen jährlich verbraucht. Dazu kommt, dass oftmals umweltschädliches Palmöl und Paraffine in Teelichten enthalten sind.

Das muss auch anders gehen, hat sich Inderbiethen überlegt. Der gebürtige Hamburger ist mit dem Geruch von Kerzenwachs aufgewachsen. Bis in die 1970er-Jahre haben seine Großeltern in Heimarbeit Kerzen verziert, um die Familie über Wasser zu halten. Sein Vater hat Kerzenmaschinen konstruiert. Jetzt ist der 59-Jährige zu seinen familiären Ursprüngen zurückgekehrt. Mit seiner Firma Cup Candle bringt er die ersten Teelichthüllen auf den Markt, die vollständig biologisch abbaubar sind.

Nachhaltigkeit: Kompostierbare Teelichte aus Hamburg

„Das ist eine ganz neue Entwicklung“, sagt der Gründer. Wenn die Kerzen ausgebrannt sind, lässt sich der Rest im Biomüll oder auf dem Kompost entsorgen. Auch das Kerzenwachs kommt ohne künstliche Inhaltsstoffe aus und wird aus Raps hergestellt. „Mein Ziel ist, den Massenartikel der Kerzenindustrie komplett nachhaltig zu gestalten.“

Eigentlich ist Inderbiethen Maschinenbauer, hat mal bei Hauni in Hamburg-Bergedorf gelernt und dann lange einen Metallbetrieb in Reinbek geführt. Als er nach dem Verkauf seiner Firma den Auftrag bekam, einen Maschinenpark für eine Kerzenproduktion in Polen zu entwickeln, begann er, sich wieder mit der Branche zu beschäftigen. „Im Prinzip hat sich da in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Nachhaltigkeit kaum etwas verändert“, so sein Fazit. Das ist jetzt gut sieben Jahre her.

In der Küche in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Wohltorf probierte Inderbiethen aus, wie man Teelicht-Hüllen aus recycelten Materialien, pflanzlichen Rohstoffen und mit weniger Gewicht machen könnte. 2015 meldete er sein erstes Patent an. Kurz vorher hatte er zusammen mit zwei Teilhabern das Start-up Cap Candle gegründet. „Unsere Teelichte waren auch eine Zeit lang im Handel“, sagt der Unternehmer. „Aber das hat uns nicht gereicht, weil das Produkt nicht konsequent nachhaltig war.“

Komplett natürliches Material

Jetzt sitzt Inderbiethen in einem Co-Working-Büro in der Hamburger Innenstadt. Der Gründer ist viel unterwegs. Ein Büro lohnt sich derzeit nicht. Auf einem Tisch hat er seine Teelichte aufgestellt und angezündet. In den vergangenen Jahren hat er seine Idee von den biologisch abbaubaren Kleinkerzen zu einem Produkt gemacht. „Wir mussten erst mal einen Werkstoff finden, der direkt kompostierbar ist, aber auch alle Anforderungen an die Nutzung in der Kerzenproduktion erfüllt“, sagt er.

Die Liste reicht von schwer entflammbar über fettdicht, lebensmittelecht bis siegelfähig. Fündig wurde er über einen seiner Teilhaber aus der Pharma-Industrie. „Wir verwenden ein komplett natürliches Material, das aus Zellulose und einem Bio-Polymer besteht und alle Tests bestanden hat“, sagt er. Genauer will Inderbiethen nicht werden. Betriebsgeheimnis. 1,5 Millionen Euro haben er und seine Geschäftspartner in die Entwicklung gesteckt. Inzwischen ist ein weiteres Patent für die Erfindung erteilt worden.

Schon auf den ersten Blick ist der Unterschied zu herkömmlichen Teelichten mit Aluminium- oder Plastikhülle sichtbar. Die Produkte von Cup Candle stecken in einer Art Näpfchen aus gefaltetem beschichteten Papier, das am Rand eingerollt ist. Der Docht besteht aus einem Baumwollfaden und ist mit einem Plättchen aus Weißblech befestigt. „Wir arbeiten gerade daran, auch das noch zu ändern“, sagt Inderbiethen. Um seine Erfindung möglichst flächendeckend einzuführen, arbeitet er mit dem Aschaffenburger Kerzenhersteller Richard Wenzel als Lizenznehmer zusammen.

Erste Produkte sollen Anfang nächsten Jahres in den Regalen liegen

Bei dem traditionsreichen Familienunternehmen ist man überzeugt von den neuartigen Teelichten, die unter dem Namen Light.One den Markt aufmischen sollen. Nochmals mehr als eine Million Euro hat Wenzel Kerzen investiert. Aktuell wird die neue Produktionslinie aufgebaut. Wenn alles klappt, sollen die ersten Produkte Anfang nächsten Jahres in den Regalen liegen.

„Es macht viel Spaß. Alle sind sehr motiviert“, sagt Cup-Candle-Chef Inderbiethen. Nachhaltige Alternativen zu den herkömmlichen Teelichten gibt es bislang kaum. Wer umweltbewusster einkaufen will, kann eigentlich nur komplett auf eine Hülle verzichten. „Den Verbrauchern ist das Handling zu kompliziert,“ sagt der Gründer. Auch das Interesse im Handel sei deshalb groß. Mehrere große Supermarktketten und Drogeriehändler hätten schon bestellt und warten jetzt auf die erste Lieferung. 63 Millionen Teelichte wollen die Partner 2022 absetzen, bis 2024 soll die Zahl auf 500 Millionen steigen.

Nächster Schritt: Grablichte mit kompostierbaren Hüllen

Angeboten werden Boxen in unterschiedlichen Größen. Dabei liegen die Kosten mit vier bis fünf Euro für 21 Teelichte mit einer Brenndauer von sieben Stunden über den marktüblichen Preisen. Trotzdem ist Inderbiethen überzeugt, dass die Kunden die kompostierbaren Teelichte annehmen. „Es ist die Zeit, Dinge besser zu machen und neu zu gestalten.“

Inzwischen ist klar, dass sich aus dem neuen Material noch vieles andere machen lässt. Karsten Inderbieten kann sich Zahnpastatuben oder Verpackungen für Shampoo oder Reinigungsmittel daraus vorstellen. Als nächsten Schritt wird es im Laufe des nächsten Jahres Grablichte mit kompostierbaren Hüllen geben. Auch wieder ein großer Markt: Geschätzt 400 Millionen Stück werden jedes Jahr in Europa aufgestellt.

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