Verkehr in Hamburg

Was bringen Moia & Co. für die Mobilitätswende?

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Heiner Schmidt
Moia-Kleinbusse sollen mithelfen, den Verkehr in Hamburg klimaverträglicher zu machen (Symbolbild).

Moia-Kleinbusse sollen mithelfen, den Verkehr in Hamburg klimaverträglicher zu machen (Symbolbild).

Foto: Christian Charisius / dpa

Serie zum ITS World Congress und dem Verkehr der Zukunft: So entlasten Sammeltaxis, Carsharing und E-Roller die Straßen.

Hamburg. Mobilitätswende, das ist ein einfaches Wort und ein weites Feld. Zu den wichtigsten Zielen gehört, dass auf Hamburgs Straßen weniger private Autos unterwegs sind. Und dass der motorisierte Individualverkehr auf vier Rädern das Klima möglichst schnell nicht mehr durch den Ausstoß von Abgasen belastet.

Wie aber bekommt man die Bewohner der Stadt dazu, im Idealfall ihr eigenes Auto abzuschaffen und komplett auf andere, klimafreundlichere Verkehrsmittel umzusteigen? Mindestens aber dazu, den Wagen häufiger als bisher stehen zu lassen? Und: Wie schafft man es, dass weniger Pendler aus dem Umland für die Fahrt zum Arbeitsplatz in der Stadt ihr Auto benutzen?

Verkehr in Hamburg: Autos müssen verschwinden

Die theoretische Antwort auf die Frage, wie das gehen soll, ist eine viel zitierte Weisheit. Sie lautet: Die Mobilität der Zukunft ist elektrisch, geteilt, autonom und vernetzt. Das selbst gesetzte Ziel ist hoch: „Hamburg will zu Europas Modellstadt für den digitalisierten und elektrifizierten Verkehr werden“, sagt Anjes Tjarks (Grüne), der Senator für Verkehr und Mobilitätswende. Das konkrete Ziel ist: Bis zum Jahr 2030 soll der im Verkehr entstehende Kohlendioxidausstoß um mindestens 30 Prozent gesenkt werden. Dazu aber müssen auch Zehntausende Pkw aus der Stadt verschwinden.

Allein den klassischen öffentlichen Personennahverkehr mit Bussen und Bahnen auszubauen, reicht dafür nicht. Ganz neue Mobilitätsdienstleistungen müssen her, und es gibt sie schon. Es sind vor allem privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen, die mit neuen Angeboten auf den Markt drängen. Sie wollen und sollen den ÖPNV ergänzen, die Nischen auffüllen – und so helfen, die Straßen leerer, die Stadt leiser, die Luft besser zu machen, den Klimawandel zu bremsen. Die Anbieter wollen damit Geld verdienen. Was sie auf keinen Fall sollen, ist: Dem ÖPNV Passagiere abspenstig machen, ihn kannibalisieren.

Moia seit 2019 auf Hamburgs Straßen unterwegs

Hinter vielen der Anbieter stehen Konzerne aus der „alten“ Mobilitätsbranche, etwa die großen deutschen Autobauer. Sie wissen, dass sie künftig weniger Fahrzeuge verkaufen werden und sich neue Erlösmodelle erschließen müssen. Carsharing ist etabliert, Sammeltaxis müssen sich noch bewähren, Miet-Motorroller boomen in Hamburg gerade. Es gibt Pilotprojekte, Feldversuche, Praxistests. Vieles davon wird beim Mobilitäts-Weltkongress, der nächste Woche in Hamburg beginnt, präsentiert. Ein Überblick über den Stand der Dinge:

Der Leuchtturm der Mobilitätswende mit der größten Strahlkraft über Hamburg hinaus ist schwarz-gold-lackiert und seit Mitte April 2019 auf den Straßen der Stadt unterwegs: der Moia-Bus. Zu 100 Prozent elektrisch angetrieben kreiseln mehrere Hundert davon beständig durch Teile der Stadt, um schnell zur Stelle zu sein, sobald ein Fahrgast per App die Mitfahrt bucht. Der neu zusteigende Passagier muss damit rechnen, dass einige der sechs Sitze bereits besetzt sind.

Der erste Teil der Serie: Wie sieht unsere mobile Zukunft aus? Weltkongress in Hamburg

Moia-Kunden müssen Umwege in Kauf nehmen

Und es kann passieren, dass der Fahrgast nicht auf dem schnellsten und direkten Weg an sein Ziel gelangt. Der Moia-Bus nimmt Umwege, um andere Fahrgäste zu- oder aussteigen zu lassen. Weil sie das in Kauf nehmen, ist die Fahrt beim sogenannten Ridepooling oder auch Ridesharing für die Kunden billiger als die in einem Taxi.

In Hamburg soll sich für den Moia-Mutterkonzern Volkswagen erweisen, ob sich ein solcher Service gewinnbringend betreiben lässt. Unterbrochen von monatelangen Zwangspausen in der Corona-Pandemie wird seit zweieinhalb Jahren an Details gefeilt und optimiert. „Bisher haben wir mehr als vier Millionen Fahrgäste transportiert“, sagt Moia-Chef Robert Henrich.

Moia-Fahrzeuge sollen autonom werden

Elektrisch und geteilt – zwei der Zukunftskriterien erfüllt Moia seit Beginn. Vernetzt mit anderen Diensten ist das Sammeltaxi ebenfalls. Seit einigen Monaten lässt es sich auch über die Switch-App des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) buchen. Autonom fehlt. Noch. Doch das soll in einigen Jahren anders sein.

Dann sollen Moia-Fahrzeuge wie von Geisterhand gelenkt in der Hansestadt unterwegs sein, als sogenannte Robotaxis. Erste Details hat Moia kürzlich bekannt gegeben: Noch 2021 sollen Testfahrten in Winterhude, auf der Uhlenhorst und in Hohenfelde beginnen. Die nach dem Start des kommerziellen Dienstes vier Jahre später bis zu 30 fahrerlosen Kleinbusse sollen zunächst auf einem etwa 50 Kilometer langen Streckennetz unterwegs sein.

Kleinbus Heat ein Vorzeigeprojekt

Es ist ein Anfang, die Mobilitätswendeplaner denken in sehr viel größerem Maßstab. „Wir brauchen Tausende solcher Fahrzeuge, die im gesamten Stadtgebiet und in den ländlichen Gebieten im Umland unterwegs sind, um Zehntausende private Pkw überflüssig zu machen“, sagt der Verkehrssenator. Zudem müsse der Fahrservice billiger werden. Und das wird nur funktionieren, wenn er mit geringeren Kosten betrieben werden kann. Dafür wiederum sind autonom navigierende Fahrzeuge die zentrale Voraussetzung. In ihnen sitzt ja kein Fahrer mehr, der entlohnt werden will.

Wie Moia und die Pläne für autonomes Ridepooling sind sein kleiner Bruder Ioki und der autonom in der HafenCity fahrende Kleinbus Heat Vorzeigeprojekte beim Mobilitätskongress. Beide werden von Strom angetrieben. Ioki ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn und war von Beginn an eng mit dem klassischen ÖPNV vernetzt. Unterwegs sind die Gefährte in den schlecht an Bus und Bahn angebundenen Stadtteilen Osdorf, Lurup und Billbrook. Besonders schätzen gelernt hat man das On-demand-Gefährt seit dem Betriebsstart im Dezember 2020 in einigen Ortschaften am Hamburger Stadtrand im Landkreis Stormarn. Von dort werden häufig Fahrten zum Hamburger S-Bahnhof Rahlstedt gebucht.

Anzahl der Elektro-Motorroller in Hamburg gestiegen

Die Erprobung des autonomen Fahrens steht im Vordergrund beim Projekt Heat, das von der Hamburger Hochbahn in Kooperation mit Technologie-Unternehmen auf einem Rundkurs in der HafenCity durchgeführt wird. Der Kleinbus kann unter anderem Ampeln erkennen und zuckelt vorerst mit Tempo 25 über öffentliche Straßen.

Deutlich flotter sind die per Smartphone-App buchbaren Elektro-Motorroller unterwegs, deren Zahl in diesem Jahr sprunghaft auf mindestens 1500 angestiegen ist. „Das E-Moped-Angebot in Hamburg ist bislang vergleichsweise gering. Und wir wissen, dass hier sehr viele Menschen leben, die bereit sind, unseren Service zu nutzen“, sagte Quinten Selhorst, Mitgründer der Firma Felyx, im Frühsommer.

Großes Carsharing-Angebot in Hamburg

Wenige Wochen später hatte das niederländische Unternehmen nach eigenen Angaben 700 der zweisitzigen Stadtflitzer in Betrieb – annähernd doppelt so viele wie die Konkurrenten Emmy und Tier zusammen. Die Motorroller stehen auf öffentlichen Parkplätzen am Straßenrand. Wo genau das nächste freie Fahrzeug steht, erfährt ein Kunde von der Buchungs-App.

Vergleichsweise groß ist das Carsharing-Angebot in der Hansestadt: Miles, Share Now, Cambio, We Share, Sixt – alle großen Anbieter sind präsent und der Anteil von emissionsfrei fahrenden Wagen ist hoch. Mehr als 3500 Autos hat die Pionierbranche der geteilten Mobilität in Hamburg stationiert. Umgerechnet auf die Zahl der Bewohner ist das Angebot nur in zwei Städten in Deutschland größer. Und wie in Großstädten üblich, gibt es in der Hansestadt deutlich mehr Wagen, die in der sogenannten Free-floating-Variante gebucht werden können, als solche, die von ihrem festen Standplatz abgeholt werden müssen. Free-floating-Wagen stehen im jeweiligen Betriebsgebiet oder auf speziellen Carsharing-Parkflächen.

Sammeltaxis entlasten nicht den Verkehr in Hamburg

Doch führt all das wirklich dazu, dass Hamburger auf ein eigenes Auto verzichten oder dazu, dass die Straßen weniger verstopft sind? Es gibt Wissenschaftler, die das bezweifeln. Verkehrspolitisch betrachtet könnten digital gebuchte Sammeltaxis „nicht die Zukunft sein“, sagt etwa Tilman Bracher, der bis vor Kurzem beim Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin tätig war: „Über den größten Teil des Tages gesehen führen sie nicht dazu, dass weniger Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind.“

Zu einem ähnlichen Urteil kam David Ennen bei seinen Forschungen an der Uni Münster zur Nutzung solcher Dienste: „Sie führen zu insgesamt mehr Verkehr auf der Straße“, sagt er. Nach Ennens Erkenntnissen nutzen drei Viertel der Kunden die Sammeltaxis für Wege, die sie sonst mit dem ÖPNV, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt hätten. Nur ein Viertel der Fahrgäste spare damit Fahrten mit dem Privat-Pkw ein.

Zahl der Pkws in Hamburg steigt weiter

Und Carsharing? Es kommt auf die Variante an. „Stationäre Carsharing-Angebote haben den Effekt, per Saldo Privatautos überflüssig zu machen“, fand Bracher heraus. Dagegen würden die Dienste ohne festen Standort „offenbar häufig von Menschen genutzt, die weiter ein eigenes Auto besitzen“. Das Zwischenfazit zur Frage, ob denn all diese neuen Mobilitätsdienste die Stadt von Verkehr und das Klima von schädlichen Abgasen wirklich entlasten, muss daher lauten: Bisher ist das zumindest nicht erkennbar. Die Zahl der in Hamburg zugelassenen Pkw steigt weiter Jahr für Jahr.

Ein ganz klassisches Mobilitätsangebot wird in den nächsten Jahren definitiv klimafreundlicher werden. Die Elektrifizierung der Hamburger Taxiflotte hat begonnen. Die Zahl der elfenbeinfarbenen Wagen mit dem gelben Taxischild auf dem Dach, die von einem Elektromotor angetrieben werden, steigt sprunghaft. Sie hat sich binnen weniger Monate mehr als verzehnfacht.

Das Zukunftstaxi soll den Durchbruch bringen

Die Branche hatte allerdings auch erheblichen Nachholbedarf. Während der Anteil privater E-Autos kontinuierlich steigt, tat sich in der Branche in dieser Hinsicht lange praktisch gar nichts. Noch im April 2021 wurden von den gut 2700 Taxis in der Stadt gerade einmal fünf vollelektrisch angetrieben. Lange waren keine geeigneten Modelle zu einem vernünftigen Preis auf dem Markt, dann traf die Corona-Pandemie die Unternehmen hart. Die meisten sind Ein-Auto-Betriebe, die finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind.

Den Durchbruch bringt jetzt das Projekt Zukunftstaxi, das die Stadt gemeinsam mit gut 30 Partnern geschmiedet hat. Es genießt bundesweit Vorbildcharakter. Der zentrale Punkt: Die Verkehrsbehörde zahlt den Taxlern einen satten Zuschuss bei der Anschaffung eines E-Taxis. Bis zu 10.000 Euro zusätzlich zur staatlichen E-Auto-Prämie fließen bei der Anschaffung eines emissionsfreien Wagens. Der Vermittler Free Now legte noch einmal mehr als 3000 Euro drauf, wenn das Auto für ihn Werbung fährt. Bei Vermittlungsdiensten und Buchungs-Apps wie Taxi.eu lassen sich nun gezielt E-Taxis buchen, über die Hamburger Telefonnummer 211 255 auch fernmündlich.

Verkehr in Hamburg: Änderungen für Taxis geplant

Das Ziel ist, dass spätestens 2030 alle Taxis in der Stadt emissionsfrei fahren. Um das zu erreichen, könnte auf das Zuckerbrot die Peitsche folgen. Schon in wenigen Jahren, so erwartet es die Branche, wird die Stadt neue Taxis mit Verbrennermotor gar nicht mehr für den Einsatz auf Hamburgs Straßen zulassen.

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