Mobilität

Wie sieht unsere mobile Zukunft aus? Weltkongress in Hamburg

| Lesedauer: 11 Minuten
Georg J. Schulz und Volker Mester
INTERNORGA 2008 , Bücke zwischen den Messehallen A und B

INTERNORGA 2008 , Bücke zwischen den Messehallen A und B

Foto: Michael Zapf / Hamburg Messe und Congress / Michael Zapf

Auf dem ITS World Congress werden auch Ergebnisse von Hamburger Projekten präsentiert. Es gibt öffentliche Vorträge und Exkursionen.

Hamburg. Rund 10.000 Fachleute aus mehr als 100 Ländern werden vom 11. bis 15. Oktober zum World Congress on Intelligent Transport Systems (ITS Weltkongress) in den Messehallen und dem neuen CCH erwartet. Es ist das erste große internationale Business-Event in Hamburg nach der Corona-Zwangspause.

Auf dem von Veranstalter ERTICO und der ITS Hamburg 2021 GmbH organisierten Kongress stehen sechs Schwerpunkte im Mittelpunkt, die alle mit Mobilität zu tun haben. Es geht um leistungsfähigeren und digitalisierten Nahverkehr, individuelle Mobilitätsangebote wie Moia und Co., autonomes Fahren, die Bedeutung von ausgebauten Fuß- und Radwegen, den verstärkten Umwelt- und Klimaschutz sowie einen intelligenteren Transport von Waren, vor allem im Hafen.

Um auch die Hamburgerinnen und Hamburger in die ITS-Welt einzubeziehen, ist für den 14. Oktober ein Publikumstag geplant. Dann soll es Vorträge geben und auch Exkursionen.

ITS-Kongress: Vier Exkursionen zu unterschiedlichen Projekten

Auf vier Touren wird es dabei vom Messegelände zu unterschiedlichen ITS-Projekten in Hamburg gehen, zu denen man vorab angemeldet sein muss. Tour 1 führt mit dem E-Bus über die innerstädtische Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren (TAVF) in die HafenCity. Dort erklären Experten dann das autonome Bus-Projekt „Heat“. Ziel von Tour 2 ist der Containerterminal Altenwerder. Nach einem Stopp, bei dem alle Drohnenprojekte gezeigt werden, geht es mit der Fähre zurück.

Tour 3 beginnt mit einem Gang durch Planten un Blomen zum Dammtor-Bahnhof. Von dort fährt man mit der digitalen, automatisierten S-Bahn ohne Fahrer bis Bergedorf, wo das Thema „letzte Meile“ zum ÖPNV durch einen automatisierten Shuttle eingebunden wird. Für den Rückweg wird die Sensors4Rail-S-Bahn genutzt, die erstmalig eine landmarkenbasierte Zuglokalisierung und sensorbasierte Umfeldwahrnehmung demonstriert. Tour 4 findet mit dem Ioki-Shuttle statt, der Passagiere zu mehreren Stationen im Bezirk Eimsbüttel bringt. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Mobilitätsstation Kellinghusenstraße, dem Hamburg-Takt und Radverkehrsthemen.

NDR-Moderator Yared Dibaba führt durch das Programm

Neben den Touren wird es Vorträge des Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar und der Astrophysikerin Dr. Suzanna Randall geben. Durch das Bühnenprogramm führt der NDR-Moderator Yared Dibaba. Die Veranstaltungen am Vormittag richten sich insbesondere an Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, die sich für moderne Mobilität interessieren. Yogeshwars Impulsvortrag „Nächste Ausfahrt Zukunft“ leitet dann den zweiten Programmteil ein, der sich den Themen Mobilität, Transport und Verkehr unter anderem mit Diskussionen, Projektvorstellungen und einem „Science Slam“ nähert.

Zwei Fahrradtouren an jedem Kongresstag

Während der Kongresstage wird auch zweimal am Tag eine geführte Fahrradtour für jeweils bis zu zehn Teilnehmer angeboten, die Station an rund einem Dutzend ITS-Projekte macht. Noch nie habe es auf einem ITS Weltkongress einen Öffentlichkeitstag in dieser Dimension gegeben, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Vorfeld. Laut Tschentscher geht es bei ITS ohnehin nicht nur um ein einmaliges Ereignis: „Wir wollen, dass viele Projekte über die Veranstaltung hinauswirken.“

Was damit konkret gemeint ist, benannte kürzlich Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne). Ein Beispiel sei die autonom fahrende S-Bahn zwischen den Haltestellen Berliner Tor und Bergedorf, die erstmals zum Weltkongress mit Fahrgästen auf die Strecke gehen soll – eine Deutschland-Premiere: „Diese Technologie ermöglicht es uns, mehr S-Bahnen auf den bestehenden Strecken einsetzen zu können“, so Tjarks. Der Senat wolle Hamburg zur „Modellstadt für nachhaltige und innovative Mobilität“ machen.

Achtteilige Serie zum ITS-Kongress ab Montag

Erstmals fand der ITS-Weltkongress 1994 in Paris statt. Seitdem gibt es ihn jährlich – mit einer coronabedingten Ausnahme. Schon im Oktober 2015 hatte der Senat die Bewerbung für den Kongress 2021 beschlossen. Seitdem sind – teilweise in strategischen Partnerschaften und Kooperationen mit Unternehmen – zahlreiche Projekte angelaufen. So entstand zwischen Messehallen und Hafenrand eine rund neun Kilometer lange Teststrecke für autonomes Fahren, für die 37 Ampeln so aufgerüstet wurden, dass sie über Funk mit den Testwagen in Verbindung stehen.

Aus insgesamt rund 200 Hamburger ITS-Projekten wurden 42 sogenannte Ankerprojekte ausgewählt, die eine maßgebliche Wirkung für die Ziele der ITS-Strategie haben und eine wichtige Grundlage für andere ITS-Felder darstellen. Die wichtigsten dieser Projekte stellt das Abendblatt ab Montag in einer achtteiligen Serie vor.

Peter Tschentscher über den Mobilitätskongress

Hamburg wird durch den ITS Weltkongress zum internationalen Schaufenster für die Mobilität von morgen. Warum ist diese Veranstaltung wichtig für die Stadt?

Peter Tschentscher: Metropolen auf der ganzen Welt müssen Verkehr effizienter organisieren und im Sinne der Pariser Klimaziele Emissionen verringern. In Hamburg arbeiten wir seit 2011 daran, indem wir die U- und S-Bahnen massiv ausbauen und die Infrastruktur aus Werkstätten und Betriebshöfen für eine vollständig emissionsfreie Busflotte aufbauen. Wir sind das Mobilitätszentrum im Norden – als weltweit drittgrößter Standort der zivilen Luftfahrt, als Hafenstadt und Drehscheibe des internationalen Güterverkehrs, als zentraler Eisenbahn-Knotenpunkt in Europa, als Mittelpunkt einer Metropolregion mit mehr als fünf Millionen Einwohnern. Und damit ein sehr guter Standort für den ITS Weltkongress, der uns Rückenwind gibt auf dem Weg zur effizienten, komfortablen und klimafreundlichen Mobilität der Zukunft.

ITS ist nicht nur ein Kongress, sondern auch über mehrere Jahre hinweg ein Labor für die künftige Mobilität. Mehr als 40 Projekte gelten als Ankerprojekte im Rahmen der ITS-Strategie. Welche davon haben Sie bisher am meisten beeindruckt?

Tschentscher: Vieles ist beeindruckend: selbstfahrende Busse in der HafenCity, Drohnen im Lufttransport, unbemannte Unterwasserschiffe für die Begutachtung von Kaimauern oder Schiffsrümpfen. Und über allem steht die Digitalisierung, die Fahrzeuge und Infrastruktur miteinander vernetzt, neue Mobilitätsangebote schafft und die Verkehrssteuerung verbessert. Ich konnte bisher zum Beispiel mit einem selbstfahrenden Tesla eine kleine Runde durch die Stadt drehen. Während der Fahrt die Hände nicht am Lenkrad zu haben ist schon eine interessante Erfahrung.

Schaut man auf die Mobilität von heute, offenbaren sich in Hamburg viele Baustellen. Soll das Auto zurückgedrängt werden, indem man innerstädtisch Staus und längere Fahrzeiten provoziert?

Tschentscher: Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Straßen und Brücken waren nach einem langen Sanierungsstau 2010 in einem schlimmen Zustand, mit tiefen Schlaglöchern selbst in wichtigen Kreuzungen und Hauptverkehrsstraßen. Das war ein großes Ärgernis für die Bürgerinnen und Bürger und eine Bedrohung unserer Wirtschaft und des Hafens. Deshalb hat der SPD-Senat 2011 eine Kehrtwende beschlossen und ein systematisches Sanierungs- und Modernisierungsprogramm gestartet. Seitdem haben wir über drei Milliarden Euro in den öffentlichen Straßenraum investiert. Hinzu kommen die Erneuerung und der Ausbau des Siel-, Wasser-, Strom-, Fernwärme- und Datennetzes, die für die Unternehmen und das private Leben ebenfalls von größter Bedeutung sind.

Damit haben wir die Lage deutlich verbessert, aber es geht natürlich mit vielen Baustellen einher, die selbst bei guter Koordination immer eine Behinderung des Verkehrsflusses bedeuten. Wir werden diesen Kurs aber fortsetzen, denn er ist für die Modernität und Leistungs­fähigkeit unserer Stadt unerlässlich. Hinzu kommt die Notwendigkeit, den Radverkehr auszubauen. Auch dafür haben wir 2011 einen systematischen Plan entwickelt und jedes Jahr viele Kilometer neue Radwege fertiggestellt. Der Radverkehr hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Wir bauen neue Radwege und leistungsstarke Velorouten nach modernsten Standards, um das Radfahren sicherer und komfortabel zu machen.

Viele Jahre lang galt das Auto als unverzichtbar, inzwischen ist es für junge Leute kein Statussymbol mehr. Was aber ist mit Älteren, die oft betonen, auf solche Fahrzeuge angewiesen zu sein, und gegen Projekte wie eine autofreie Innenstadt wettern?

Tschentscher: Auch das haben wir im Blick. Mit dem Bau neuer U- und S-Bahnen, die unterirdisch oder auf eigenen Trassen verlaufen, entlasten wir die Straßen. Denn alle, die auf die Schnellbahnen umsteigen, machen Straßenraum frei für die anderen, wie etwa für den Radverkehr und diejenigen, die weiterhin Auto fahren wollen oder müssen. Dazu gehören zum Beispiel Handwerker auf dem Weg zu ihren Kunden und große Teile des Lieferverkehrs. Keine andere Stadt in Deutschland investiert so viel in ihr Schnellbahnnetz.

Das sind die leistungsfähigsten Verkehrsträger in einer Metropole wie Hamburg, die wir für eine Verbesserung der Mobilität insgesamt benötigen. In der Innenstadt nehmen wir den Autoverkehr aus einzelnen Straßen und Plätzen heraus, um den öffentlichen Raum attraktiver zu gestalten. Innerstädtische Fußgängerzonen mit Geschäften und Cafés werden auch von älteren Bürgerinnen und Bürgern sehr geschätzt. Wir achten aber zugleich darauf, dass die Innenstadt für alle gut erreichbar bleibt.

Fahren Sie eigentlich selbst manchmal lieber mit dem Fahrrad als mit dem Auto durch die Stadt? Und haben Sie schon einmal ein voll­elektrisches Carsharingauto oder einen E-Scooter getestet?

Tschentscher: Ja, getestet habe ich das schon. Dienstlich bin ich aber meist mit dem Auto unterwegs, das ist in diesem Amt kaum anders organisierbar. Privat fahre ich in der Stadt gerne Fahrrad, auf längeren Strecken außerhalb Hamburgs nutze ich meistens die Bahn.

Haben Sie persönlich eine Vision von der innerstädtischen Mobilität von morgen? Wie könnte unser Verkehr im Jahr 2050 aussehen – und was kann Hamburg bei der Transformation schon jetzt von anderen Städten lernen?

Tschentscher: Amsterdam und Kopenhagen sind vorbildlich im Radverkehr, unsere Partnerstadt Shanghai hat die Mobilität durch ein großes und modernes U-Bahn-System verbessert. Wir wollen diese und weitere Verkehrsangebote ausbauen und miteinander vernetzen. Dazu gehören leistungsfähige Busverbindungen sowie neue Carsharing- und Ridesharing-An­gebote, die man flexibel nutzen kann.

Durch den flächendeckenden Ausbau dieser Verkehrsmittel sollen die Bürgerinnen und Bürger in Zukunft mit dem Hamburg-Takt in der gesamten Stadt von frühmorgens bis in den späten Abend innerhalb von fünf Minuten ein Angebot des öffentlichen Nahverkehrs erreichen können. Die Digitalisierung ­ermöglicht es dabei, die unterschiedlichen Verkehrs­angebote je nach Tageszeit und Strecke miteinander zu kombinieren und mit einem Ticket zu bezahlen. Dadurch können alle Hamburgerinnen und Hamburger in Zukunft auch ohne Auto jederzeit pünktlich, komfortabel, sicher und umweltfreundlich ans Ziel kommen.

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