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Gaspreise legen stark zu – was man nun tun kann

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Volker Mester
Die Gaspreise steigen – was Verbraucher jetzt tun können (Symbolbild).

Die Gaspreise steigen – was Verbraucher jetzt tun können (Symbolbild).

Foto: picture alliance / Zoonar | Robert Kneschke

Um 11,5 Prozent sind die Kosten in diesem Jahr durchschnittlich gestiegen. Was bei einem Anbieterwechsel zu beachten ist.

Hamburg.  „Schock“ ist ein großes Wort, aber im Zusammenhang mit den Gaspreisen taucht es zuletzt häufig auf. Immerhin haben sich die Erdgas-Notierungen an der Energiebörse Leipzig seit dem September 2020 deutlich mehr als verfünffacht. Damit sind sie auf ein Allzeithoch geklettert.

Mehr als 50 Gas-Grundversorger haben ihre Preise nach Angaben des Vergleichsportals Check24 bereits angehoben oder Preiserhöhungen angekündigt. Im Durchschnitt gehe es dabei um ein Plus von 11,5 Prozent, was für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden (kWh) zusätzliche Kosten von 172 Euro pro Jahr bedeute. Eine Preiserhöhung gibt den Kunden allerdings auch das Recht auf eine außerordentliche Kündigung des Vertrages – und damit die Chance auf Einsparungen durch den Wechsel des jeweiligen Anbieters. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

Warum ist der Gaspreis so gestiegen?

Dafür seien mehrere Faktoren verantwortlich, sagt Claudia Wellenreuther, Energieexpertin am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI): „Die Erdgasspeicher in Europa waren infolge des langen, kalten Winters 2020/21 stark entleert und konnten aufgrund der gestiegenen Nachfrage nicht vollständig wieder aufgefüllt werden.“ Denn in diesem Jahr habe die Nachfrage vor allem wegen der Erholung der Weltwirtschaft nach der Corona-Rezession stark zugenommen.

„Außerdem stiegen die Erdgaspreise aufgrund der heißen Temperaturen in den Sommermonaten in den USA und China und des damit verbundenen höheren Verbrauchs von Erdgas für Klimaanlagen“, erklärt Wellenreuther. Gleichzeitig habe sich das Angebot verknappt. Das wiederum sei auch eine späte Folge des Ölpreisrückgangs im vorigen Jahr, erklärt die HWWI-Wissenschaftlerin: „Erdgas ist ein Nebenprodukt der US-amerikanischen Schieferölförderung, die aufgrund des Preisverfalls auf dem Rohölmarkt teilweise zurückgefahren wurde.“ Die Niederlande, ein wichtiger Erdgasproduzent für den EU-Raum, hätten das Angebot ebenfalls stark einschränken müssen.

Welche Rolle spielt die CO2-Steuer?

Für Verbraucher in Deutschland kam noch ein weiterer Faktor hinzu, der die Gaspreise steigen ließ: Am 1. Januar 2021 startete der nationale Emissionshandel zur CO2-Bepreisung von Brennstoffen. Damit will die Bundesregierung einen Anreiz für den Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien setzen.

Brennstoffanbieter müssen nun pro Tonne CO2, die bei der Verbrennung von Diesel, Benzin, Erdgas, Flüssiggas oder Heizöl entsteht, 25 Euro zahlen – und diese Kosten geben sie an die Kunden weiter. Umgelegt auf den Gaspreis bedeutete das nach Angaben des Portals Wechselpilot.com eine Erhöhung von 0,5 Cent je Kilowattstunde.

Wie viel bringt ein Anbieterwechsel?

In früheren Jahren konnten Hamburger ihre Gasrechnung schon einmal um rund 700 Euro jährlich senken, wenn sie vom Grundversorgertarif des E.on-Konzerns in einen günstigeren Tarif eines anderen Anbieters wechselten. In den zurückliegenden Monaten haben sich die potenziellen Einsparungen stark verringert, die Preisdifferenz zwischen den Grundversorgern und den Alternativ-Gaslieferern ist spürbar geschrumpft.

Gut 150 Euro lassen sich im hier zugrunde liegenden Vergleich (20.000 kWh Jahresverbrauch) durch einen Wechsel zu Vattenfall aber immer noch sparen. Um fast ebenso viel (gut 140 Euro) lässt sich die Rechnung senken, wenn man in den Vattenfall-Tarif „Natur12 Gas“ wechselt. Um Bio-Gas handelt es sich dabei nicht, der Konzern verpflichtet sich lediglich zu CO2-Ausgleichsmaßnahmen wie die Wiederaufforstung von Regenwäldern.

Was ist beim Vergleich zu beachten?

Bei den günstigsten Alternativ-Angeboten handelt es sich in der Regel um sogenannte Bonus-Tarife. Sie ermöglichen eine besonders hohe Ersparnis beim Anbieterwechsel. Doch diese ergibt sich meist ausschließlich aus dem einmaligen Bonus. „Das heißt: Die Gesamtkosten sind nur im ersten Belieferungsjahr so niedrig“, erklärt die Verbraucherzentrale dazu. Hohe Arbeits- und/oder Grundpreise sorgten im zweiten Jahr für eine deutlich höhere Rechnung.

„Deshalb sollten Sie bei Bonus-Tarifen von vornherein einplanen, nach einem Jahr erneut zu wechseln“, raten die Verbraucherschützer. Vergisst man allerdings die rechtzeitige Kündigung, verlängert sich der Vertrag um ein weiteres Jahr. Tarife ohne Bonus verlängern sich dagegen maximal um einen Monat. Mit solchen Verträgen lassen sich im Beispielfall aber auch nur gut 90 Euro im Jahr sparen. Tarife mit Vorauskasse oder einer Mindestvertragslaufzeit von mehr als einem Jahr sind laut Verbraucherzentrale „nicht empfehlenswert“.

Wie funktioniert der Anbieterwechsel?

Wer noch einen Grundversorgertarif nutzt, kann den Vertrag mit einer Frist von nur zwei Wochen kündigen. Ines Rutschmann, Energieexpertin beim Verbraucherportal Finanztip, weist darauf hin, dass diese Kunden nicht einmal einen Brief schreiben müssen – laut Gesetz genüge eine E-Mail. Hat man aber einen anderen Tarif mit dem Grundversorger abgeschlossen oder ist man zu einem anderen Anbieter gewechselt, hängt die Kündigungsfrist vom jeweiligen Vertrag ab; bei einer Preiserhöhung ist jedoch immer eine vorzeitige Kündigung möglich.

Für den Wechsel zu einem neuen Anbieter muss man diesem folgende Daten übermitteln: Name, Anschrift, Gasverbrauch und Zählernummer sowie den gewünschten Lieferstart. Der neue Lieferant übernimmt die Kündigung des bisherigen Vertrages selbst.

Was können Mieter tun?

Sie können den Lieferanten nur wechseln, wenn sie einen eigenen Gaszähler für die Wohnung haben und selber Vertragspartner eines Gasanbieters sind. Nach Schätzung von Siegmund Chychla, Vorstandsvorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, gilt das nur für gut zehn Prozent der Mieter in der Stadt. Doch jeder Mieter hat das Recht, sich die Gasabrechnung des Vermieters anzusehen. Wer glaubt, dass ein Anbieterwechsel zu deutlichen Einsparungen führen würde, kann versuchen, den Vermieter dazu zu bewegen.

Die Verbraucherzen­tralen haben dafür einen Musterbrief vorbereitet, den man im Internet findet (https://www.verbraucherzentrale.de/musterbriefe/energie). Nützt das nichts, hilft nur noch, den Thermostaten herunterzudrehen: „Ein Grad Temperatur weniger bedeutet eine um sechs Prozent niedrigere Heizenergie“, so Chychla.

Steigen die Gaspreise bald noch weiter?

„Wie sich die Erdgaspreise in den kommenden Monaten entwickeln werden, hängt unter anderem von den Temperaturen im kommenden Winter ab“, sagt Wellenreuther: „Im Falle eines kalten Winters und einer längeren Kälteperiode könnten sich die bereits erschöpften Vorräte weiterhin in Preissteigerungen niederschlagen.“

Steffen Suttner, Geschäftsführer beim Vergleichsportal Check24 mit Zuständigkeit für den Energiebereich, legt sich schon fest: „Verbraucherinnen und Verbraucher müssen diesen Winter mit einer Welle von Gaspreiserhöhungen rechnen.“ Daran sei nicht zuletzt die weiter steigende CO2-Abgabe schuld. Sie klettert Anfang 2022 auf 30 Euro pro Tonne. Bei einem Verbrauch von 20.000 kWh macht das Zusatzkosten von 132 Euro gegenüber dem Stand ohne CO2-Steuer aus.

Wie entwickeln sich die Heizkosten in diesem Jahr generell?

Dazu hat der Deutsche Mieterbund schlechte Nachrichten: „Verbraucher müssen mit stark steigenden Heizkosten rechnen.“ Das gehe aus dem neuen Heizspiegel (www.heizspiegel.de) der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft Co2online hervor. Für das laufende Jahr seien – nach einem Rückgang 2020 – im Schnitt Mehrkosten von 90 Euro (plus 13 Prozent) zu erwarten. Gründe dafür seien steigende Energiepreise, kühleres Wetter und der CO2-Preis.

Allerdings fällt der Anstieg sehr unterschiedlich stark aus: Während es laut Heizspiegel voraussichtlich um 13 Prozent teurer wird, eine durchschnittliche Wohnung (70 Quadratmeter im Mehrfamilienhaus) mit Gas zu heizen, müsse man bei einer Ölheizung gar mit einer Kostenerhöhung von 44 Prozent rechnen. Auch die absolute Kostendifferenz zwischen den verschiedenen Energieträgern fällt groß aus: Während bei Heizöl der Prognose zufolge in diesem Jahr Kosten von 900 Euro anfallen, sind es bei einer Holzpellet-Heizung nur gerade einmal 570 Euro. Mit einer Gasheizung komme man auf Kosten von 775 Euro.

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