IG Metall

20 Stunden Stillstand – Warnstreik bei Hamburger Airbus-Werk

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Schon im Frühjahr wurde auf Finkenwerder gestreikt - am Freitag werden die Airbus-Mitarbeiter erneut dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen.

Schon im Frühjahr wurde auf Finkenwerder gestreikt - am Freitag werden die Airbus-Mitarbeiter erneut dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen.

Foto: Andreas Laible / HA

Gewerkschaft ruft erneut zum Protest gegen den Konzernumbau auf: "Ein Flugzeug – ein Team. Wir lassen uns nicht spalten."

Hamburg. In der Pandemie war lange Zeit kreativer Protest gefragt. So stellte die IG Metall 2000 leere Stühle vor dem Osttor von Airbus auf Finkenwerder auf. Im Juli 2020 wollte die Gewerkschaft so gegen die Streichung von 2260 Jobs in Hamburg ihr Veto einlegen, die der Flugzeugbauer wegen der Branchenprobleme aufgrund der Corona-Krise plante. Letztlich fand der Abbau der Stellen zwar statt – allerdings durch Fluktuation und Abfindungen. Entlassungen gab es nicht.

Am Freitag sollen sich statt 2000 Stühlen 2000 Menschen vor dem Haupteingang des Flugzeugbauers einfinden. Diese Teilnehmerzahl sei trotz Covid-19 genehmigt worden, heißt es. Der Impffortschritt macht Massenproteste offenbar wieder möglich.

IG Metall hat alle Airbus-Beschäftigten zum Warnstreik aufgerufen

Die IG Metall hat alle 15.000 Beschäftigten des Werks zum Warnstreik aufgerufen. Von 10.15 Uhr bis 6 Uhr am Sonnabend sollen sie die Arbeit niederlegen – also fast 20 Stunden lang. Bei einer Kundgebung am Vormittag wird mit Daniel Friedrich der IG Metall-Bezirksleiter und Verhandlungsführer für die Arbeitnehmerseite als Hauptredner auftreten.

Auch an allen anderen betroffenen deutschen Standorten von Airbus und der Tochter Premium Aerotec Group (PAG) sind Arbeitsniederlegungen und zumeist Kundgebungen geplant. „Wir werden an allen acht Standorten in Deutschland das Signal setzen: ein Flugzeug – ein Team. Wir lassen uns nicht spalten“, sagt Friedrich dem Abendblatt.

Airbus plant Konzernumbau mit Folgen für Hamburg

Statt um Stellenabbau geht es dieses Mal um den Umbau des Konzerns. Airbus sieht die Flugzeugstruktur nun wieder als Kernaktivität. Auch im Hinblick auf den geplanten Bau eines emissionsfreien Fliegers. Dieser soll 2035 abheben und dürfte dank des geplanten Wasserstoffantriebs deutlich anders aussehen als heutige Flugzeuge.

Daher soll die Fertigung der wichtigen Rumpfteile von der einst ausgelagerten Tochter PAG zurück in den Konzern geholt werden. Allerdings soll für den Bereich in Deutschland mit Jahresbeginn 2022 eine neue Aerostructure-Tochter gegründet werden. Das hat Konsequenzen für Hamburg.

Rund 4000 Beschäftigte sollen von der Airbus Operations GmbH in die Tochter wechseln. Sie arbeiten in der Struktur- und Ausrüstungsmontage, montieren also Rumpfschalen zu Rumpfsektionen und verlegen anschließend darin Elektrokabel, Hydraulik- und Klimarohre.

Airbus: "Respektieren das Recht auf Warnstreik"

„Wir verstehen, dass die derzeitige Situation Unsicherheiten hervorruft und respektieren das Recht unserer Beschäftigten, ihren Sorgen in Form eines Warnstreiks Ausdruck zu verleihen“, sagte André Walter, Chef der Airbus Operations GmbH und Werksleiter in Hamburg.

Man habe den Sozialpartnern allerdings konkrete Zugeständnisse wie den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und Tarifbindung für das neue Sektionsmontage-Unternehmen unterbreitet. „Ich baue darauf, dass wir schnell zu einer für beide Seiten akzeptablen Einigung kommen“, sagt Walter.

IG Metall reichen Airbus-Zusagen nicht aus

Der IG Metall reichen diese Zusagen aber nicht. Offiziell drängt sie auf Zusicherungen für die wechselnden Beschäftigten und strebt einen Sozialtarifvertrag an. Wer trotzdem seinen Job verliert, soll drei Bruttomonatsgehälter je Beschäftigungsjahr – mindestens 25.000 Euro – erhalten. Es soll eine Härtefallregelung für IG Metall-Mitglieder sowie zweijährige Qualifizierungsmaßnahmen bei Fortzahlung der Bezüge geben. Für zwölf Jahre soll diese Regelung gelten.

Im Hintergrund geht es aber um viel mehr. Seit Monaten führen Arbeitnehmer und Arbeitgeber Gespräche über den Umbau. Grundsätzlich kann die Gewerkschaft mit der geplanten neuen Struktur leben. Aber sie verlangt im Gegenzug feste Zusagen für alle Beschäftigten und Standorte.

Zukunft von Airbus: Welche Sorgen die Gewerkschaft hat

So laufe der Zukunftstarifvertrag Ende des Jahres aus, heißt es. Einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen gebe es dann nicht mehr. Standortzusagen seien nur bis 2025 erfolgt. Die Regelungen zur Leiharbeit im Konzern läuft Ende März 2022 aus. „Jetzt ist die Zeit, Zusagen des Managements für Arbeitspakete beim Flugzeug der Zukunft zu bekommen, oder wir brauchen den Sozialtarifvertrag“, sagt Friedrich. Das Management lehne diese konkreten Zusagen aber ab.

Die Arbeitnehmervertreter sorgen sich unter anderem, dass bei einem Nachfolger des Verkaufsschlagers A320-Familie das Hamburger Werk weniger Arbeitsanteile als bisher bekommt. Aus Finkenwerder stammt mehr als jeder zweite dieser Flieger, zudem werden die Bausätze für die Werke in Mobile (USA) und Tianjin (China) an der Elbe gepackt.

Der Konzern will so weitreichende Zusagen nicht machen. „Für mögliche zukünftige Flugzeugprogramme der nächsten Generationen, die weder entschieden noch definiert sind, können wir selbstverständlich derzeit noch keine konkreten Vereinbarungen treffen“, sagt ein Airbus-Sprecher.

Zweiter Streitpunkt: die Gründung einer weiteren Airbus-Tochter

Deutschlandweit der zweite große Zankapfel ist die geplante Gründung einer zweiten Tochter. Neben der Aerostructure-Einheit soll es eine neue Firma für die Fertigung von Einzelteilen geben. In diese sollen das PAG-Werk Varel sowie Teile des PAG-Werks in Augsburg mit 3500 Beschäftigten eingehen.

Airbus bot nun an, statt den Komplettverkauf anzustreben mit einer „Übergangsbeteiligung“ von 25 Prozent darin investiert zu bleiben. Friedrich moniert, dass das von der Gewerkschaft vorgestellte Alternativmodell für die Einzelteilefertigung gar nicht mehr diskutiert werde.

IG Metall signalisiert Verhandlungsbereitschaft

Er hofft, dass durch die Warnstreiks Bewegung in den Konflikt komme. Momentan werde stark auf Konfrontation gesetzt. Anscheinend brauche man den Druck. „Klar ist: Es wird nicht der letzte Warnstreik sein, wenn wir nicht endlich in konstruktive, zukunftsgewandte Gespräche kommen“, sagt Friedrich.

Sei der Konzern bereit, über konkrete Zusagen zu sprechen, könne man schnell an den Verhandlungstisch zurückkehren.

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