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Umweltbewusst einkaufen – ein schwieriges Unterfangen

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Wanja Weskott (l.) und Christoph Laudon mit Zahnbürsten aus Bambus

Wanja Weskott (l.) und Christoph Laudon mit Zahnbürsten aus Bambus

Foto: Michael Rauhe

Serie im Abendblatt: Wie nachhaltig ist Hamburg? Immer mehr Händler stellen ihr Sortiment und ihre Lieferketten um.

Hamburg. Veganer dürften die neue Trendzutat schon kennen: Jackfrucht, die zum Beispiel statt Geflügel in fleischlosem „Hühnerfrikassee“ verarbeitet wird. Die tropische Pflanze wird meist aus Indien oder Bangladesch nach Deutschland importiert, der lange Transportweg bringt es also mit sich, dass die fruchtige Fleischalternative bis zum Verzehr schon eine Menge fossile Energien verbraucht hat. Ist das nachhaltig? Wohl eher nicht.

Garnelen aus Ecuador tragen ein Bio-Siegel, doch die rasant wachsenden Aquakulturen verbrauchen viel Fläche in den Küstenregionen des Landes. Durch den Bau von Zuchtanlagen können zudem anderenorts wertvolle Lebensräume wie Mangrovenwälder verloren gehen. Nachhaltig ist das selten. Diese Beispiele zeigen, wie schwer es ist, bewusst einzukaufen. Denn selbst die Siegel für das angeblich gute Gewissen, wie „vegan“ oder „bio“, bedeuten nicht immer, dass solche Produkte dazu beitragen, die Ressourcen zu schonen.

Warum Nachhaltigkeit so wichtig ist

Denn genau das ist die Essenz von Nachhaltigkeit – so zu agieren, dass die Zukunft der Erde nicht in Gefahr gerät, dass man beim Verbrauch von Rohstoffen und anderen Schätzen der Erde Rücksicht auf die nachfolgenden Generationen nimmt. Wer nachhaltig einkauft, will nicht mehr verbrauchen, als auch nachwachsen kann.

„Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“, schreiben sich die Menschen auf die Fahnen, die ein natürlich-bewusstes Leben führen wollen. Dabei ist dieser Gedanke nicht neu, das Zitat stammt von der österreichischen Autorin Marie Ebner von Eschenbach, die bereits im 19. Jahrhundert für ihr soziales Bewusstsein bekannt war. Heute ist der Nachhaltigkeitsgedanke aktuell wie selten zuvor.

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Hamburger Firmen setzen auf Nachhaltigkeit

Den Deutschen liege die Umwelt so stark am Herzen wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr, erklärte kürzlich der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner. In den 1980er-Jahren, sagte der UBA-Präsident, haben die Menschen der saure Regen und das Waldsterben bewegt, später dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Heute, so hat eine aktuelle Studie ergeben, seien es Dürren, Bienensterben und Plastikmüll. 65 Prozent der Bevölkerung hielten derzeit Umwelt- und Klimaschutz für ein sehr wichtiges Thema – trotz Corona-Krise.

Viele Hamburger Firmen stellen sich auf die Idee der Nachhaltigkeit ein, zumal sie wissen, dass Konsum mit gutem Gewissen auch zu mehr Umsatz führen kann. Allein die vielen Anhänger der Fridays-for-Future-Bewegung, die in der Hansestadt auf die Straße gehen, zeigen das wirtschaftliche Potenzial. Ein Beispiel aus dem Biermarkt: Seitdem der Hamburger Getränkehändler Claus Ebeloe als erstes eigenes Produkt ein klimaneutrales Helles unter dem Namen Solarbräu verkauft, laufen die Geschäfte besser. Der Großhändler Metro hat das Solarbräu bereits bundesweit gelistet, im Norden bekommen Bierliebhaber die neue Marke auch bei Edeka und Rewe.

Nachhaltigkeit: Messe in Hamburg

Der Lieferservice Stadtsalat mit Sitz in der Hamburger City schielt ebenfalls auf bewusst konsumierende Großstädter. Die Gründer Tom Smets und Marcus Berg verzichten auf Rezepte mit Avocados. Denn die sogenannten Eierfrüchte haben eine besonders schlechte Klima­bilanz. Angesicht von Wetterextremen und Wasserknappheit werden die Verbraucher hier sensibler.

Weil die Community für verantwortungsvollen Konsum in der Hansestadt wächst, hat sich hier bereits eine Messe für ressourcen- und umweltschonende Produkte aus der Region etabliert, die allerdings wegen der Pandemie pausieren musste. Die Schau hat an Bedeutung gewonnen, und inzwischen tourt der „Heldenmarkt“ quer durch Deutschland und zählt zu den größten Messen für nachhaltigen Konsum. Die mehr als 100 Aussteller punkten mit innovativen Ideen: Sie stellen Kaugummis aus Baumsaft her oder spinnen Garne aus Hundehaaren.

Secondhand-Welle erreicht bekannte Ketten

Nicht nur kleine Firmen, sondern auch die großen Namen setzen zudem auf Nachhaltigkeit: Wer in den vergangenen Tagen aufmerksam durch die C&A-Filiale in Altona bummelte, konnte eine überraschende Entdeckung machen. Neben den Kleiderständern mit neuen Kollektionen werden auch gebrauchte Textilien verkauft.

Die Secondhand-Welle hat damit die bekannten Ketten erreicht, denn auch H&M oder Breuninger setzen auf den Trend. Wer Gebrauchtes statt Neues anbietet, spart Rohstoffe und hilft, lange Transporte aus den asiatischen Textilfabriken zu vermeiden. So können Kundinnen dazu beitragen, mit ihrer Konsumentscheidung den ökologischen und sozialen Fußabdruck, den sie hinterlassen, zu verkleinern.

Nachhaltigkeit: Budnis Pläne mit Kunden

Auch die Hamburger Drogeriemarktgruppe Budnikowsky will die Verbraucher zum verantwortungsvollen Einkaufen animieren. In einigen Filialen, den Anfang machte ein Geschäft an der Gertigstraße in Winterhude, sind die Produkte mit kleinen Info-Tafeln versehen. Die Symbole darauf zeigen, dass die Ware Kriterien für Nachhaltigkeit erfüllt: Sie stehen etwa für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, sie tragen zum Klimaschutz oder zum Erhalt der Artenvielfalt bei, oder sie schützen das Süßwasser.

Wählt der Kunde das Duschgel, das ein ganz normales Preisschild am Regal hat, oder die Seife, die mit einem Etikett in blauer Farbe als besser für die Umwelt gekennzeichnet ist? Diese Entscheidung kann man seit einiger Zeit bei jedem der mehr als 10.000 Produkte treffen, ob es eine Zahnpasta, eine Gesichtscreme oder ein WC-Reiniger ist. „Wir wollen den Kunden, die bewusst konsumieren wollen, den Einkauf erleichtern“, sagt Christoph Wöhlke, Geschäftsführer beim
Familienunternehmen Budnikowsky.

Hamburger Firma stellt nachhaltige Reinigungsartikel her

Auf umweltverträgliche Produkte für den Haushalt setzt auch die Hamburger Wasserneutral GmbH. Vor einigen Jahren startete die Firma mit dem Markennamen Hydrophil und bot etwa eine Zahnbürste mit einem Stiel aus Bambus statt aus Kunststoff an. Es kamen biologisch abbaubare Wattestäbchen dazu. Inzwischen sind die Gründer mit der Marke Naiked auch ins Geschäft rund um Reinigungsartikel eingestiegen. Mit Produkten wie fester Spülseife will die Firma die Menschen „für einen nachhaltigen, fairen und wasserschonenden Konsum sensibilisieren“, sagt Geschäftsführer und Mitgründer Wanja Weskott.

Um das Bewusstmachen der Wirkung des eigenen Konsums geht es auch in einem ganz besonderen Discounter. Der Markt versieht sein Angebot mit zwei Preisschildern – eines für den an der Kasse fälligen Preis und ein weiteres für den „wirklichen Preis“. Also den Preis, der der sozialen und ökologischen Wirkung der Produktion beispielsweise eines Schokoriegels oder einer Banane voll Rechnung trägt. Der Händler hatte Forscher gebeten, die tatsächlichen Kosten von 16 Produkten zu errechnen. Das Ergebnis? Goudakäse müsste eigentlich 88 Prozent und ein Kilo Hackfleisch 173 Prozent teurer sein. Der Unterschied bei Bio-Erzeugnissen ist geringer, doch selbst in dem Bereich müsste Biofleisch eigentlich mit einem Aufschlag von 126 Prozent verkauft werden, um versteckte Kosten abzudecken. Dahinter verbergen sich „Kollateralschäden“ eines Produkts, etwa umweltschädigende Faktoren wie CO2-Emissionen, die verbrauchte Energie, die Folgen der Überdüngung und soziale Kosten wie Kinderarbeit. Noch gibt es den Markt nur in Berlin.

Otto will bis 2030 klimaneutral sein

Auf den Stellenwert der Arbeitsbedingungen verweist auch die Hamburger Handelsgruppe Otto, die mit ihren Produkten wie Mode, Elektronik oder Spielwaren einen Großteil der Ware aus Asien bezieht. Schon 1996 hat der Konzern mit Sitz in Bramfeld einen ersten Kodex zu diesem Thema erarbeitet, mittlerweile ist dieser fest bei Otto verankert. „Mit diesem Verhaltenskodex fordern wir ein, dass in den Produktionen von Risikoländern alle Beteiligten die strengen Regelungen zu sozialen Standards und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen einhalten“, heißt es bei dem Händler mit Blick auf das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, eindeutige Regelungen zum Arbeitsschutz und gegen Diskriminierung.

Otto hat sich zudem zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Die Emissionen sollen dabei vor allem durch Vermeidung sowie den Einsatz erneuerbarer Energien und erst im zweiten Schritt durch Kompensation von CO2 auf null gesenkt werden. „Schon im Jahr 2006 haben wir das Einsparen von CO2 zum Unternehmensziel erklärt“, heißt es bei Otto. „Und 2020 konnten wir unseren umsatzbereinigten CO2-Ausstoß im Vergleich zum Jahr 2006 mehr als halbieren.“

The Carbon Store führt CO2-Steuer ein

Wie stark Konsum und mögliche Klimafolgen zusammenhängen, will derweil ein schwedischer Supermarkt zeigen. The Carbon Store hat als weltweit erstes Unternehmen eine CO2-Steuer eingeführt, um seine Kunden für die Auswirkungen ihrer Entscheidungen beim Lebensmittelkauf zu sensibilisieren – mit CO2 als „Ladenwährung“: Wer in diesem Markt einkauft, hat ein wöchentliches Budget von 18,9 Kilogramm Kohlendioxid.

Dabei sind Lebensmittel mit hoher Kohlendioxidbelastung – etwa tierische Produkte – teurer als ihre vegetarischen Gegenparts. Das Unternehmen geht davon aus, dass dies vielen die Augen dafür öffnen wird, wie sich bestimmte Kaufentscheidungen auf den eigenen CO2-Fußabdruck auswirken.

Armbänder aus alten Fischernetzen

Neben dem Thema CO2-Ausstoß gilt die Müllvermeidung als einer der dringlichsten Probleme unserer Zeit. Denn eine Einkaufstüte zersetzt sich erst nach zehn bis 20 Jahren, eine PET-Flasche braucht gar rund 450 Jahre, bis sie sich in ihre Bestandteile auflöst und in Form von Mi­kroplastik auf den Meeresgrund sinkt. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, schwimmen demnächst mehr Plastikteile im Meer als Fische“ warnen Umweltexperten von Greenpeace.

Gleich eine ganze Reihe von Firmen aus Hamburg haben sich diesem Thema verschrieben. Wildplastic, Traceless, Bio-Lutions oder Bracenet wollen die Welt zu einem besseren Ort machen, indem sie sie von umweltschädlichem Plastik befreien oder Alternativen entwickeln. Das 2015 gegründete Start-up Brace­net hat sich zum Ziel gesetzt, die Ozeane von ‚Geisternetzen‘ zu befreien. „Die Erkenntnisse über die Geisternetze haben uns ziemlich entsetzt“, heißt es bei Bracenet über die verlorenen oder absichtlich im Meer versenkten Fischernetze, in denen sich unzählige Tiere verfangen und sterben. „Deshalb haben wir es zu unserer Mission gemacht, sie aus den Ozeanen zu holen und auch vorher schon abzufangen, damit das Problem in Zukunft gar nicht erst entsteht.“ Die Manufaktur betreibt Upcycling und fertigt aus dem Rohmaterial Armbänder, Hundeleinen oder Schlüsselanhänger.

Bio-Lutions: Nachhaltige Produktion von Einweggeschirr

Bio-Lutions dagegen konzentriert sich auf die nachhaltige Produktion von Einweggeschirr und Verpackungen aus Agrarresten. Diese Strategie zur Müllvermeidung ist gerade während der Pandemie ein Thema. Denn auch viele Hamburger haben ihr Essen im Homeoffice nach Hause bestellt, volle Container mit Styroporschachteln am Straßenrand waren die Folge. Dass wegen Corona seltener geflogen wurde, hat dem Klima dafür etwas den Druck der Konsumgesellschaft genommen. Freiwillig handeln die Reiseweltmeister aber weniger umweltbewusst: Das Angebot der Airlines an Kunden, den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Reise zu kompensieren, stößt bisher auf verhaltenes Interesse. „Compensaid“, die entsprechende Plattform der Lufthansa-Gruppe, nutzen weniger als ein Prozent aller Gäste.

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