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Corona stürzt deutsche Reisebusbranche in tiefe Krise

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Beate Kranz
Ganz Spanien ab Sonntag nicht mehr Corona-Hochrisikogebiet

Ganz Spanien ab Sonntag nicht mehr Corona-Hochrisikogebiet

Ganz Spanien gilt ab Sonntag nicht mehr als Corona-Hochrisikogebiet. Das teilte das Robert-Koch-Institut mit. Vergangene Woche gab es bereits eine Entwarnung für Teile Spaniens.

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Fahrverbote und Corona-Auflagen treffen Busreisen schwer. Branche erwartet weiterhin drastische Umsatzrückgänge. Was muss sich ändern?

Berlin. Mit der Schulklasse an die Ostsee, mit dem Kegelclub ins Mittelgebirge oder dem Reisebus an die Costa Blanca in Spanien. Vor der Corona-Krise fuhren jährlich rund 5,6 Milliarden Bundesbürger mit dem Bus zur Arbeit oder in den Urlaub – darunter rund 100 Millionen zu touristischen Zielen. Doch mit der Pandemie ist die Nutzung drastisch eingebrochen und erholt sich auch nach der Aufhebung der Fahrverbote für Reisebusse nur langsam.

„Insbesondere das Auslandsgeschäft läuft sehr schlecht, während sich die Inlandsverkehre langsam erholen“, berichtet die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (bdo), Christiane Leonard. „Die privaten Busunternehmen erwarten in diesem Jahr einen durchschnittlichen Umsatzeinbruch von knapp 70 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019.“

Busunternehmen erwarten auch 2021 starke Umsatzrückgänge

Für die Bustouristik wird sogar ein Umsatzminus von 80 Prozent prognostiziert. Die Busfirmen, die im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) eingesetzt werden, sagen einen Umsatzrückgang von 22 Prozent voraus – trotz des ÖPNV-Rettungsschirms von Bund und Ländern, wie eine aktuelle bdo-Verbandsumfrage ergeben hat, die unserer Redaktion vorliegt. Auch im Linienfernbusverkehr erholt sich die Nachfrage, liegt aber noch deutlich hinter den Fahrgastzahlen von 2019 zurück, berichtet Flixbus, der größte Fernbusanbieter in Deutschland.

„72 Prozent der Unternehmen wissen nicht, ob sie es überstehen werden, wenn die staatlichen Hilfen nicht verlängert und verbessert werden“, warnt Leonard. 14 Prozent gehen „sicher davon“ aus, dass sie ohne Hilfen Insolvenz anmelden müssen.

Flixbus kann Krise durch Investorengelder und ohne Staatshilfe überstehen

Flixbus kann unterdessen auf Investorengelder zurückgreifen, die jetzt nicht nur in die Expansion gesteckt werden, sondern auch die „immensen Krisenschäden abfedern“, sagt ein Flixbus-Sprecher. Das Unternehmen sei deshalb ohne Staatshilfen – außer dem Kurzarbeitsgeld – durch die Krise gekommen.

Bis Ende 2020 erhielten private Reisebusunternehmen 170 Millionen Euro zusätzlich zu den allgemeinen Überbrückungshilfen. Für 2021 sind die Firmen ausschließlich auf Überbrückungshilfen angewiesen. Doch ein Teil habe diese bislang nicht beantragen können, „da die Unternehmen sowohl im ÖPNV wie auch in der Bustouristik tätig sind und damit durch das Förderungsraster fallen“.

Fahrverbot für Reisebusse wieder aufgehoben

Die Bustouristik ist in Deutschland durch die von Bund und Ländern verordneten Pandemie-Maßnahmen so stark wie kein anderes Verkehrsmittel eingeschränkt worden. „Im Gegensatz zur Bahn und zu Flugzeugen wurde für die Bustouristik kurz nach Beginn der Pandemie ein generelles Fahrverbot ausgesprochen, die zwischenzeitlich dann immer mal wieder aufgehoben wurden“, berichtet Leonard.

Lediglich im öffentlichen Nahverkehr durften Busse weiterfahren, damit Menschen weiterhin zur Arbeit fahren konnten – und damit wie auch bei der Bahn die öffentliche Daseinsvorsorge aufrechterhalten wurde.

Keine Corona-Treiber: Klimaanlagen sorgen in Bussen für frische Luft

Für die Branche sind die drastischen Einschränkungen für Reisebusse nicht nachvollziehbar. „Gerade Reisebusse sind mit effektiven Klimaanlagen ausgestattet, die einmal pro Minute die gesamte Luft vertikal – also von oben nach unten – austauschen. Zudem haben viele Unternehmen die Klimaanlagen durch Sicherheitsfilter noch aufgerüstet“, berichtet Leonard.

Selbst laut RKI gelten Busse nicht als Corona-Hotspots. „Corona-Ausbrüche in Bussen sind uns nicht bekannt. Reisebusse sind auch in der Pandemie ein sehr sicheres Verkehrsmittel mit ständiger Frischluftzufuhr“, sagt die bdo-Chefin. Das schnell ausgesprochene Verbot von Reisebusfahrten habe jedoch zu einer erheblichen Verunsicherung bei den Reisenden geführt. „Es ist schwer, das frühere Vertrauen in Busfahrten zurückzugewinnen.“

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Regionale Unterschiede bei Corona-Auflagen sorgen für Verwirrung

Zudem sorgen nach der Aufhebung der Reiseverbote seit Pfingsten regionale Auflagen für zusätzliche Verwirrung. „Jedes Bundesland hat eigene Auflagen für Busfahrten. Mal besteht Maskenpflicht, mal Testpflicht, mal Abstandspflicht von 1,5 Metern, bei anderen nichts“, berichtet Leonard. „Selbst innerhalb Deutschlands müssten Busunternehmer genau planen, wie sie ihre Busse besetzen dürfen, damit sie auch am Zielort noch die Bestimmungen erfüllen.“

Noch schwieriger sei die Planung für Auslandsfahrten. In jedem Land gelten andere Bestimmungen, die Einstufung der Risikolage ändere sich je nach Nation ständig, ebenso die Bedingungen für Übernachtungen. „Eine Person ist bei uns im Verband allein damit beschäftigt, täglich die Länderbedingungen zu aktualisieren.“

Omnibusverband fordert einheitliche Corona-Maßnahmen

Damit sich der Reisebusverkehr wieder normalisieren kann, sei es wichtig, „dass die Beförderungsbedingungen in Bussen bundesweit vereinheitlicht werden – möglichst sogar europaweit“, fordert Leonard. „Der Flickenteppich muss aufgehoben werden, damit die Unternehmen wieder Planungssicherheit erhalten.“

Aktuell gibt es bundesweit rund 4000 Busunternehmen, davon sind gut 3500 Firmen in der Bustouristik aktiv. Die meisten sind Mittelständler, viele familiengeführt. Für die Unternehmen fahren etwa 100.000 Busfahrer und Busfahrerinnen. Während der Lockdowns in der Krise mussten vor allem Fahrer von Reisebusunternehmen in Kurzarbeit.

„Zahlreiche Busfahrer und Busfahrerinnen haben sich neue Jobs gesucht, da sie keine Perspektive mehr in der Branche sahen. Manche Unternehmen suchen deshalb schon wieder händeringend nach neuem Fahrpersonal“, berichtet Leonard.

Insolvenzschutz verhindert größere Pleitewelle bei Busunternehmen

Eine größere Pleitewelle gibt es bisher noch nicht. Einen möglichen Grund dafür sieht die bdo-Chefin in der Aussetzung der Anmeldepflicht für Insolvenzen. „Viele Unternehmen sind für den Ausgleich ihrer Umsatzausfälle an ihre finanziellen Reserven gegangen“, berichtet Leonard. „Sie werden weiter auf Hilfen angewiesen sein.“

Die Verbandschefin fordert deshalb, dass die Hilfen weitergeführt und so verbessert werden, dass sie bei den Unternehmen ankommen. „Zudem sollte die Mehrwertsteuer für Reisebusfahrten wie bei der Bahn auf sieben Prozent gesenkt werden – und damit nicht mehr weiter steuerlich benachteiligt werden.“ Diese Situation verzerre den Wettbewerb.

Einen weiteren Lockdown oder ein Fahrverbot bezeichnet Leonard als „verheerend“. „Die 3G-Regeln im Bus haben sich bewährt. Optional spricht auch nichts gegen eine 2G-Regel – diese wäre aufgrund des Hausrechts der Unternehmer theoretisch auch heute schon rechtlich möglich.“

Busse sind wichtiger Baustein in der Verkehrswende

Die Verbandschefin hofft auch aus Umweltgründen auf eine Erholung der Branche – spätestens nach der Pandemie. „Durch die Pandemie hat sich das Verkehrsaufkommen wieder auf das Auto verlagert. Eine Verkehrswende kann jedoch nur gelingen, wenn mehr Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Der Bus schneidet im Vergleich als emissionsarm und umweltfreundlich ab – vor der Bahn, dem Auto und Flugzeug“, argumentiert Leonard. Im ÖPNV werde zudem zunehmend mit alternativen Antrieben – wie Elektro, Gas oder Wasserstoff – experimentiert.

Im Reisebusverkehr gibt es unterdessen von den Herstellern noch keine alltagstauglichen Angebote für CO2-freie Fahrzeuge. „Um alternative Antriebe wie Wasserstoffantriebe auch im Reiseverkehr einzusetzen, müsste es neben der serienmäßigen Herstellung dieser Fahrzeuge auch eine entsprechende Infrastruktur mit Schnellladesäulen geben – und zwar europaweit“, sagt Leonard.

Generell sollten Bund und Länder zur Erreichung der Verkehrswende aber Busse stärker in ihre Verkehrskonzepte einbauen. „Busse sind flexibel einsetzbar und gerade für preisbewusste Menschen eine gute Alternative.“ Dies gelte gerade für ländliche Regionen: „Statt neue Schienenwege zu bauen, könnte ein bundesweit kombiniertes Bahn- und Busnetz eine attraktive Alternative zum Autoverkehr werden.“

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