Corona Einzelhandel

Mehr als 220.000 Euro Staatshilfe – es geht wieder aufwärts

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Hanna-Lotte Mikuteit
Packt gerade die neue Winterware aus: Janine Werth in ihrem Laden Werte Freunde.

Packt gerade die neue Winterware aus: Janine Werth in ihrem Laden Werte Freunde.

Foto: Marcelo Hernandez

Mein Laden in Corona-Zeiten, Teil 13: Wie die Hamburger Unternehmerin Janine Werth ihr Geschäft durch die Krise steuert.

Hamburg. Die ersten Daunenmäntel hängen seit Anfang August im Laden, auch einige Kleider, Hosen und Blusen in Herbstfarben sind schon ausgepackt, gebügelt und an die Kleiderstangen gehängt sowie auf den Regalen drapiert. Direkt daneben gibt es noch einiges an Sommerware mit Rabatten von 30 Prozent. Mittendrin hat der Vertreter einer Marke für nachhaltig produzierte Sneaker ein gutes Dutzend Modelle ausgepackt und präsentiert Janine Werth und Mitarbeiterin Karolin Niedfeld das Angebot für die nächste Sommersaison.

Die Momentaufnahme zeigt ganz gut die Situation des kleinen Geschäfts Werte Freunde in der Hamburger Innenstadt nach gut 16 Monaten Corona-Pandemie – zwischen Zwangsschließungsschock, Neustarts und einer ungewissen Zukunft. Das, was Inhaberin Werth jetzt bestellt, kommt erst im Frühjahr 2022 ins Geschäft. Niemand kann sagen, was dann ist. „Im Moment“, sagt sie, „sieht es ziemlich gut aus.“ Auf jeden Fall besser als erwartet, nach fast einem halben Jahr Lockdown.

Abendblatt hat die Hamburger Einzelhändlerin Janine Werth durch die Corona-Krise begleitet

„Ich bin immer noch überrascht, wie schnell wir wieder im Business-Modus angekommen sind“, sagt die Einzelhändlerin, die das Abendblatt seit Beginn der Krise durch alle Höhen und Tiefen der Corona-Krise begleitet. Gerade läuft es wieder in die richtige Richtung. Aber Entwarnung gibt es nicht. Im Juni, dem ersten Monat nach der Wiedereröffnung des Ladens Ende Mai, hat sie so gut verkauft, dass es am Ende fast der beste Verkaufsmonat in der knapp dreijährigen Firmengeschichte war – gerade mal 1000 Euro fehlten für den Spitzenplatz. „Das war wie sonst Weihnachten“, sagt sie. „Die Stimmung war anfangs fast feierlich, so glücklich waren manche Kundinnen, dass sie wieder zu uns ins Geschäft kommen konnten. Ein bisschen wie in einer großen Familie.“

Vielen Kundinnen sei in den vergangenen Monaten des Lockdowns klar geworden, dass ihnen das Einkaufen in Geschäften mehr Spaß mache als eine Online-Bestellung. Auch die Kosmetikbehandlungen, wichtiges Standbein des Geschäftsmodells, sind seit der Wiedereröffnung des Studios regelmäßig ausgebucht – trotz der Testpflicht beziehungsweise des nachgewiesenen Impf- oder Genesenenstatus.

Viele Monate mit dickem Minus

Rund 110.000 Euro hatte die Gründerin des Konzeptshops für nachhaltige Mode und Naturkosmetik schließlich Ende Juni in der Kasse. Nach vielen Monaten mit dickem Minus war das Labsal für die Händlerinnen­seele. Auch der Juli war trotz Hamburger Sommerferien und deutlich weniger Touristen als in den Vorjahren erfolgreich und schaffte es mit 95.000 Euro unter die besten zehn Umsatzmonate.

„Wenn das unser neues Niveau ist, können wir glücklich sein“, sagt die 42-Jährige, die nach zwei Wochen Urlaub, in denen sie sich mit Lebenspartner Stefan Schmid einige Tage auf Sylt den Wind um die Nase hat wehen lassen, auch wieder deutlich erholter aussieht. Schon vorher hatte sie ihr achtköpfiges Team um drei Minijobberin aufgestockt. „Wir schaffen die Arbeit sonst nicht. Und haben aktuell zudem einen längeren Krankheitsfall.“

Staatliche Gelder im Rahmen der Überbrückungshilfe 3 helfen

Es ist ja nicht nur der Verkauf, der Betrieb des Kosmetikstudios mit allem, was im Hintergrund noch dazugehört. In den langen Phasen der Corona-Schließungen lief die Kommunikation mit den Kundinnen auf den Kanälen in den unterschiedlichen Medien wie Instagram oder YouTube. „Die müssen jetzt weiter bespielt werden. Das wird jetzt erwartet.“ Die Anspannung, das merkt man, bleibt.

Dabei ist zum ersten Mal seit Langem das Firmenkonto verlässlich im Plus. Das hat auch mit der Auszahlung von staatlichen Geldern im Rahmen der Überbrückungshilfe 3 zu tun. 205.000 Euro hatte die Werte-Freunde-Chefin erhalten, etwa die Hälfte davon für Miete, Fixkosten und Investitionen in die Digitalisierung während der Schließungsmonate von Dezember bis Mai. Allein für den Laden am Großen Burstah werden pro Monat etwa 15.000 Euro Miete fällig.

Werth rechnet mit Rückzahlungsforderungen von etwa 15.000 Euro

35.000 Euro hat sie als Erstattung für nicht verkaufte Saisonwaren aus dem Herbst-/Wintersortiment 2020/21 erhalten. Für mögliche Restanten aus der laufenden Saison hat sie weitere 60.000 Euro veranschlagt – und bekommen. „Jetzt müssen wir natürlich sehen, ob wir davon etwas zurückzahlen müssen, weil wir die letzten beiden Monate deutlich über unseren Erwartungen verkaufen“, sagt die Geschäftsfrau, die in ihrem Berufsleben schon Stationen bei Amazon, in der Naturkosmetikbranche und bei der Drogeriekette Müller absolviert hatte, bevor sie den Traum eines eigenen Ladens verwirklichte und sich dafür mit mehr als 600.000 Euro verschuldet hat.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Sie rechnet mit Rückzahlungsforderungen von etwa 15.000 Euro. Schon Ende Juli kam eine E-Mail von der Hamburgischen Investitions- und Förderbank, die die Auszahlung der Corona-Sofort-hilfen aus dem April 2020 überprüft. Bei Werth waren es 20.000 Euro, die ihr im ersten Lockdown massiv geholfen haben, über die Runden zu kommen. Jetzt muss sie beweisen, dass sie den Zuschuss zu Recht bekommen hat. Die Rückmeldefrist ist auf Ende August angesetzt.

Weiter sind viele Posten offen

Fakt ist, dass trotz der steigenden Umsätze weiter viele Posten offen sind. Die Ladenbesitzerin muss noch drei Mieten aus den Lockdown-Monaten nachzahlen, dazukommen die laufende Tilgung des Kredits mit 10.000 Euro im Quartal und die Rechnungen für die Winterware, die jetzt nach und nach eintrudeln.

„Im Moment können wir die Zahlungen ohne Aufschub direkt veranlassen“, sagt Janine Werth. „Und dadurch sogar von dem Skonto-Abzug profitieren. Das ist ein richtig gutes Gefühl.“ Trotzdem, über den Berg ist die Einzelhändlerin noch nicht. Aber sie schaut deutlich optimistischer als im vergangenen Jahr nach vorn, ist entschlossen weiterzukämpfen.

Zweimal hat sie einen Lockdown mit Geschäftsschließungen erlebt

Nachdem sie zweimal einen Lockdown mit Geschäftsschließungen erlebt hat, habe sie keine Angst mehr davor. „Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt, auch wie man mit so einer Ausnahmesituation umgehen kann“, sagt sie. Bei einem zukünftigen Lockdown werde es auch wieder Angebote und Möglichkeiten geben. Da sei die Politik in der Pflicht.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 269 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 113.873), 196 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 50), 1888 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert: 233,7 (Stand: Montag)
  • Schleswig-Holstein: 224 neue Corona-Fälle (94.836), 173 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 42). 1788 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert: 150,8; Hospitalisierungsinzidenz: 4,36 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 1039 neue Corona-Fälle (373.471), 203 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung in Krankenhäusern, 6329 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 217,4; Hospitalisierungsinzidenz: 7,4 (Stand: Montag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 447 neue Corona-Fälle (72.147), 352 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 78), 1327 (+2) Todesfälle, Sieben-Tage-Wert: 400,9; Hospitalisierungsinzidenz: 10,6 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 119 neue Corona-Fälle (39.504), 71 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 22), 543 Todesfälle (+3). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 214,3; Bremerhaven: 242,2; Hospitalisierungsinzidenz Bremen: 6,53, Bremerhaven: 9,69 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzwerte getrennt nach beiden Städten an).

„Und für uns gilt, wenn man sich richtig dahinterklemmt, kann man es auch schaffen“, sagt die Unternehmerin. Große Veränderungen hat sie sich für die nächste Zeit nicht vorgenommen. Nur eins: „Ich will mehr aus dem täglichen Geschäft raus, um strategisch weiterzukommen.“ Zwei Tage in der Woche im Homeoffice – das wäre ihre Lieblingskonstellation.

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