Lieferzeiten

Das lange Warten auf die neuen Möbel: Was Experten raten

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Corona kappt die weltweiten Lieferketten. Deshalb muss auch Robert Kabs vom gleichnamigen Möbelhaus Kunden um Geduld bitten.

Corona kappt die weltweiten Lieferketten. Deshalb muss auch Robert Kabs vom gleichnamigen Möbelhaus Kunden um Geduld bitten.

Foto: Andreas Laible

Kunden und Hersteller berichten über Lieferzeiten von etlichen Monaten. Corona-Krise erschwert die Situation.

Hamburg. Der Umzug der Hamburger Familie ins Grüne war ohnehin schon mehr als stressig: Dutzende Umzugskartons waren zu packen, dazu die Arbeit im Homeoffice, und dann das: Das im April bestellte Sofa lässt auf sich warten. Anfangs war davon die Rede, das Möbelstück solle nach zehn Wochen geliefert werden. Doch selbst im August vertröstet das Möbelhaus Wäscherei die Familie.

Vier Monate Lieferzeit für ein Sofa? Das zerrt an den Nerven – und ist aktuell kein Einzelfall. „Die Lieferzeiten verlängern sich um durchschnittlich zwei bis vier Wochen“, sagt Michael Eck, Inhaber der Wäscherei, zu den Problemen. Der Chef des Einrichtungshauses in der City Nord verweist zur Begründung auf die „internationale Situation auf dem Materialbeschaffungsmarkt“.

Auch Robert Kabs vom gleichnamigen Möbelhaus spricht von einer Ausnahmesituation. „Normalerweise betragen die Lieferzeiten für handwerklich hergestellte Sofas und Boxspringbetten etwa acht Wochen. Leider haben wir in der Pandemie immer wieder mit dem unerwarteten Ausfall von Warenströmen innerhalb der Lieferketten zu tun.“

Lange Lieferzeiten: Schließungen von Produktionsstätten sind ein Problem

Die internationale Verflechtung in der Branche erschwere die Situation. „Heutzutage besteht ein Sofa oder Bett aus vielen Materialien, welche aus der ganzen Welt, meist just in time, an den Herstellungsbetrieb geliefert werden. Kommt es hier zu Verzögerungen nur eines Teils, kann dies die gesamte Produktion lahmlegen“, beschreibt Kabs die Prozesse und ihre Schwachstellen.

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Hinzu kämen Schließungen von Produktionsstätten wegen Corona. Oder auch der plötzliche Wegfall von Transportkapazitäten. „Die gesamte Möbelindustrie sowie der Möbelhandel arbeiten mit Hochdruck daran, diese Umstände abzumindern“, versichert der Händler, der mit 13 Geschäften in Hamburg und ganz Norddeutschland vertreten ist.

Verfügbarkeit von Produkten ist oft unterschiedlich

Beim Einrichtungshaus Gärtner heißt es zudem, dass viele Hersteller zu Beginn der Pandemie den Bestand von Teilen oder Rohmaterial in den eigenen Lagern komplett abgebaut hätten und diese Bestände nun seit einigen Monaten wieder aufstockten. Dieser Trend führe nun zu „massiven Engpässen“, sagt An­dreas Göpel von dem Einrichtungshaus in der Innenstadt. Denn die Zulieferer hätten schlichtweg nicht die Kapazitäten für diesen Bedarf. Zudem belaste die steigende Nachfrage nach Holzwerkstoffen den Markt.

Die Verfügbarkeit von Produkten sei dabei oft unterschiedlich: „Ein Sofa in Leder etwa kann ganz andere Lieferzeiten aufweisen als das identische Modell in Stoff“, ergänzt der geschäftsführende Gesellschafter bei Gärtner, die in ihrem Geschäft in den Großen Bleichen auf Designermöbel setzen.

Stellenwert einer schönen Wohnung hat zugenommen

Auch von den Herstellern werden die Herausforderungen bestätigt. „In der Regel liegen unsere Lieferzeiten bei sechs bis acht Wochen, aktuell erreichen diese aber 14 Wochen“, teilte eine Sprecherin des Sofaherstellers Bretz mit. Bei Ligne Roset werden sogar 33 Wochen erreicht. Wegen der stark gestiegenen Nachfrage bilde das Unternehmen derzeit sogar mehr Polsterer aus.

Da sich die Menschen während der Pandemie hauptsächlich in den eigenen vier Wänden aufgehalten haben, hat der Stellenwert einer schönen Wohnung zugenommen. Besonders in der Metropolregion Hamburg haben die Haushalte die Homeoffice-Zeit für Renovierungen genutzt und viel Geld in neue Möbel investiert, haben die Experten von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt.

Ikea mit einer eigenen Strategie

„Im vergangenen Jahr zeigte sich, dass das Zuhause für die Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit war“, sagte auch eine Sprecherin von Ikea. Auf die steigende Nachfrage reagiert die schwedische Kette mit einer eigenen Strategie: Der Händler konzentriert sich auf ein beschränktes Angebot. Etwa 600 Produkte könnten aus dem Sortiment fallen. Das gilt auch noch für das kommende Jahr, denn Ikea rechnet dann noch nicht mit einer Entspannung, im Gegenteil.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Mit Blick auf das kommende Geschäftsjahr sehen wir, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen und dass wir weitere ergreifen müssen“, sagte die Sprecherin. „Wir haben uns aufgrund der vom Asien-Pazifik-Raum ausgehenden Beschränkungen entschlossen, einen Fokus zu setzen und unsere relevantesten Sortimentsbereiche und Produkte zu priorisieren. Das bedeutet, dass wir unser Sortiment für das kommende Geschäftsjahr reduzieren.“

Bei Otto halten sich die Auswirkungen im Rahmen

Ikea bezieht zwar etliche Produkte aus Europa, hat aber auch, so schätzen Branchenexperten, zu etwa einem Drittel Ware aus Asien in den Regalen. Und hier liegt das Problem: Es gibt „große Einschränkungen in der Seefrachtkapazität“, sagte die Ikea-Sprecherin. Zuletzt hatte die wochenlange Schließung des chinesischen Handelshafens Yantian für Verwerfungen beim Im- und Export geführt, sodass auch andere Anbieter wie Aldi Süd oder die Einrichtungskette Butlers vor Lieferproblemen standen.

Bei Otto halten sich die Auswirkungen der schwächelnden Logistik nach Angaben des Hamburger Handelshauses im Rahmen. „Wir beobachten derzeit keinen generellen Preis- und Lieferzeitenanstieg. Natürlich gibt es bei einzelnen Produkten Engpässe, aufgrund des weltweiten Chipmangels zum Beispiel bei Spielekonsolen, grundsätzlich sind und bleiben wir jedoch in allen Segmenten lieferfähig“, sagte eine Sprecherin.

„Uns hilft, dass wir über ein hervorragendes Logistik-Netzwerk verfügen, sehr vertrauensvoll mit unseren Lieferanten zusammenarbeiten und oft langfristige Verträge mit diesen haben.“ Otto konnte wie andere Versand- und Onlinehändler während der Pandemie besonders von steigenden Umsätzen profitieren, weil die Zwangsschließungen der Läden und das Ansteckungsrisiko immer mehr Menschen zu Bestellungen im Internet getrieben haben. Der Anteil der im Netz bestellten Ware bei Möbeln erreicht inzwischen gut zehn Prozent.

Weitere Belastungen für die Kunden

Die Herausforderungen der Branche verteuern zudem Stühle, Sofas und Betten. Die Erhöhung bei den Möbelpreisen für die Verbraucher liege bei etwa fünf Prozent, sagt Wäscherei-Chef Eck. Auch bei Ligne Roset und Bretz spricht man von Preissteigerungen in dieser Größenordnung und führt höhere Kosten für Stahl und Kunststoffe an. Michael Eck von der Wäscherei begründet das Preisplus zudem mit den „derzeit enormen Containerkosten“.

Hamburger Hafenexperten bestätigen den zusätzlichen Aufwand für die Händler. Kostete der Transport eines 20-Fuß-Standardcontainers von Asien nach Europa vor Corona 1000 bis 1200 Euro, wird heute das Sechsfache fällig. Einige Importeure sprechen sogar von einer Verzehnfachung der Raten.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Und Robert Kabs geht von weiteren Belastungen für die Kunden aus: „Die Möbelindustrie gibt Preiserhöhungen von bis zu drei Prozent pro Quartal auf das fertige Gesamtprodukt an den Handel weiter. Wir sehen auch in den folgenden Quartalen weitere Erhöhungen auf den gesamten Möbelmarkt zukommen.“ Man rate den Kunden deshalb, Kaufentscheidungen vorzuziehen, um sich noch die niedrigeren Preise zu sichern.

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