Miniatur Wunderland

Braun-Brüder: „So können wir langfristig nicht überleben“

| Lesedauer: 9 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Die Gründer Frederik Braun (r.) und sein Bruder Gerrit stehen im Hamburger Miniatur Wunderland. Die weltweit größte Modelleisenbahnanlage leidet unter den Besucherbeschränkungen.

Die Gründer Frederik Braun (r.) und sein Bruder Gerrit stehen im Hamburger Miniatur Wunderland. Die weltweit größte Modelleisenbahnanlage leidet unter den Besucherbeschränkungen.

Foto: Roland Magunia

Corona-Auflagen belasten Hamburger Attraktionen. Auch Dungeon und Jumphouse mit Problemen. Und wie geht es dem Hansa-Park?

Hamburg.  Dass sich vor dem Eingang des Miniatur Wunderlands lange Warteschlangen bilden, ist seit Jahren quasi der Normalfall. Als in den langen Monaten des zweiten Corona-Lockdowns auch Hamburgs beliebteste Freizeitattraktion schließen musste, wirkte die Leere vor dem historischen Speicher am Kehrwieder wohl auch deshalb fast schon gespenstisch. Inzwischen ist die größte Modelleisenbahnanlage der Welt seit gut zwei Monaten zum zweiten Mal wieder geöffnet.

Trotzdem ist längst nicht alles wie früher. „Da nur noch 35 Prozent der Gäste bei uns Platz finden, sind die Warteschlangen länger als jemals zuvor“, sagt Frederik Braun, der das Miniatur Wunderland mit seinem Bruder Gerrit und Stephan Hertz gegründet hat. „Aber es sind eher virtuelle Warteschlangen.“ Inzwischen sind die Tickets über Wochen ausgebucht.

Miniatur Wunderland: Sorge vor weiterem Lockdown ist groß

Nach wie vor wollen viele Hamburg-Besucher und auch Hamburger in die Eisenbahnwelten auf fast 1500 Quadratmetern eintauchen. „Die Nachfrage liegt bei 70 bis 80 Prozent des Vor-Corona-Zeitalters“, sagt Braun. Trotz Maskenpflicht und Einlass nur mit einem der drei Gs: Getestet, geimpft oder genesen. Eigentlich ein Grund zur Freude. Das Problem: Statt bis zu 1200 Personen bekommen durch die Quadratmeter-Beschränkungen aktuell nur 350 bis 400 Personen gleichzeitig Einlass. Über den Tag, von sieben Uhr morgens bis ein Uhr nachts, summiert sich das gerade mal auf 2000. „Das ist immer noch viel zu wenig, um langfristig zu überleben“, so der Miniatur-Wunderland-Chef.

Dazu komme Frust bei den Gästen, aber auch bei Mitarbeitern. „So viele Menschen stehen vor der Tür, und man muss ihnen sagen, dass sie nicht reinkommen. Obwohl ja eigentlich viel mehr Platz wäre.“ Der 53-Jährige will das nicht als Kritik an den Maßnahmen verstanden wissen, die er aktuell für sinnvoll hält. Aber er sagt auch: „Kultur mit Abstand kann nicht überleben.“

Miniatur Wunderland braucht volle Räumlichkeiten

Und auch das Wunderland brauche wieder volle Räumlichkeiten, um die laufenden Kosten zu stemmen und weitere Pläne zu verwirklichen. Die vergangenen Monate seien sowohl emotional als auch finanziell eine Achterbahnfahrt gewesen, hatte Frederik Braun kürzlich erklärt. „Auch wenn das Wunderland am Ende viel Geld verloren hat, so fühlen wir uns vom Staat sehr gut unterstützt.“

Ebenso wie Kulturstätten, Gastronomie und viele Geschäfte musste auch die Freizeitbranche in der Corona-Krise nicht nur zweimal komplett schließen, sondern unterliegt auch jetzt noch vielen Einschränkungen. Die Betroffenen stellt das vor große Probleme, wie eine Abendblatt-Umfrage bei einigen Einrichtungen ergab. Besonders hart trifft es die Angebote, die in Innenräumen stattfinden. Ohne staatliche Hilfen wäre der Betrieb in einigen Fällen kaum noch möglich. Zusätzlich bleibt die Sorge vor einem nächsten Lockdown im Herbst.

Corona: Unsicherheit bei Hamburger Unternehmern

„Es ist enorm schwer, unternehmerisch sinnvoll zu planen, wenn man nicht weiß, ob man auf Dauer geöffnet bleiben wird“, heißt es beim Jump House. Das Unternehmen, das Christoph Ahmadi und Till Walz gegründet haben und das bundesweit in fünf Städten Trampolinhallen betreibt, verzeichnet zwar seit der Öffnung Anfang Juni wieder ein Gästeplus von 15 Prozent im Vergleich zum Neustart nach dem ersten Lockdown 2020.

„Was aber immer noch deutlich weniger ist als vor Corona“, so Geschäftsführer Florian Ruckert. Im Frühsommer war der Antrag auf Überbrückungshilfe 3 nach schleppenden Start bewilligt worden, und die Mittel sind eingegangen. „Das hat uns eine große Last von den Schultern genommen.“

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In den beiden Hallen in Hamburg (Stellingen, Poppenbüttel) sei die immer noch geltende Testpflicht für Jugendliche ab 14 Jahren (alternativ: geimpft oder genesen) in den Hallen außer beim Springen „eine durchaus große Hürde, die nicht jeder bereit ist zu nehmen“. In Städten, in denen die Testpflicht bereits aufgehoben worden sei, sehe man positive Auswirkungen auf das Besucherverhalten.

Auch Hamburg Dungeon hat die Öffnungszeiten drastisch reduziert

Dazu kommt: Von den 400 Mitarbeitern vor Corona sind nur noch 170 an Bord. Viele Teilzeitkräfte, Mini-Jobber und Aushilfen haben sich während des Lockdowns einen krisensicheren Job gesucht. „Wir finden kaum genügend Personal, um den Vollbetrieb gewährleisten zu können“, sagt Geschäftsführer Florian Ruckert. In Hamburg hatte das dazu geführt, dass die beiden Jump-House-Hallen in den Sommerferien kürzere Öffnungszeiten hatten.

Auch das Hamburg Dungeon, direkter Nachbar des Miniatur Wunderlands in der Speicherstadt, hat die Öffnungszeiten drastisch reduziert. Aktuell gibt es die Touren durch 600 Jahre grauenhafte Hamburger Geschichte mit zahlreichen Gruselmomenten nur von Mittwoch bis Sonntag. Bis vor Kurzem war es noch ein Tag weniger. „Wir hatten vor Corona 130 Beschäftigte, jetzt sind es noch 62“, sagt Britta Englisch, Marketingleiterin des zum internationalen Konzern Merlin Entertainments Group gehörenden Betriebs.

Neueinstellungen gestalten sich schwierig

Nachdem zahlreiche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich in den vergangenen Monaten neue Jobs gesucht hatten, gestalteten sich Neueinstellungen schwierig. „Aufgrund der Beschränkungen sind wir immer noch als Betrieb in Kurzarbeit und müssen jede Einstellung von der Agentur für Arbeit genehmigen lassen“, so Englisch.

Das Gruselkabinett, das seit Mitte Juni wieder geöffnet ist, treffen vor allem die verschärften Abstandsregeln hart. Konnten im vergangenen Jahr noch 18 Personen an einer der 90-minütigen Touren teilnehmen, sind es jetzt nur noch zehn Personen – unabhängig, ob aus einem oder mehreren Haushalten. Das ist knapp ein Viertel der Gruppengröße aus der Vor-Corona-Zeit.

Hamburger Freizeiteinrichtungen hoffen auf nächstes Jahr

„Wir schreiben seit März 2020 rote Zahlen“, sagt die Dungeon-Marketingchefin. Für den Umsatzausfall im November und Dezember 2020 hat die Dungeon Deutschland GmbH, zu der auch der Standort Berlin gehört, staatliche Hilfen in Höhe von 630.000 Euro erhalten. Aktuell schießt der Mutterkonzern, zu dem unter anderem auch der Heide Park Soltau gehört, finanziell zu.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Nachdem die Zahl der Corona-Fälle in den vergangenen Wochen rückläufig gewesen war und damit eine Aufhebung der Personenbeschränkungen möglich schien, „ist diese Hoffnung inzwischen gleich null“, so Britta Englisch. Es bleibt nur die Hoffnung auf das nächste Jahr. „Wenn sich hoffentlich alle Menschen, die es können, haben impfen lassen und wir nach und nach zu einer neuen Normalität zurückkehren, in der Freizeit und Kultur endlich wieder eine Rolle spielen – ohne Abstand und Maske.“

Nicht alle Besucher wollen sich an Corona-Regeln halten

Dagegen ist die Situation im Hansa-Park im schleswig-holsteinischen Sierksdorf etwas entspannter. Das familiengeführte Unternehmen hat seit dem Neustart am 18. Juni ausschließlich die Außenbereiche geöffnet. Im Umkehrschluss bedeutet das für die Besucher, alle Indoor-Angebote sind geschlossen. „Dadurch haben wir keine Personenbeschränkung, keine Test- oder Impf- und nur in Teilbereichen Maskenpflicht“, sagt Claudia Leicht, die als Mitglied der Geschäftsführung den Freizeitpark mit ihrem Ehemann betreibt.

Im Moment ist Hauptsaison, vor allem die vielen Urlauber an Ost- und Nordsee kommen in den 1973 als Legoland eröffneten Park. „Es sind weniger Besucher als im Vor-Corona-Sommer 2019 aber mehr als 2020“, sagt Claudia Leicht. „Das zeigt: Der Bedarf an Freizeitattraktionen ist da.“

Corona-Lockdown bereitet Unternehmern schlaflose Nächte

Aber der Corona-Lockdown und die Auswirkungen hätten ihr und ihrem Mann durchaus einige schlaflose Nächte bereitet, sagt Claudia Leicht. Im Moment hoffen die Hansa-Park-Inhaber auf staatliche Finanzhilfen. „Nach 14 Überarbeitungen von drei Anträgen“, beschreibt das Geschäftsführungsmitglied die Komplexität der Förderregeln. Die Leichts wollen weiter in ihr Unternehmen investieren, suchen verstärkt Personal. „Wir haben immer gut gewirtschaftet und haben jetzt gezeigt, dass wir uns anpassen können.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Trotzdem gibt es immer wieder unerwartete Probleme. „Wir haben im Park einen Querschnitt der Bevölkerung aus ganz Deutschland“, sagt Claudia Leicht. Darunter seien Menschen, die durch die Pandemie sehr verängstigt sind und die um ihre und die Gesundheit ihrer Kinder fürchten.

Aber es gebe eben auch potenzielle Besucher und Besucherinnen, die sich nicht an die Corona-Regeln halten wollen. „Man merkt, dass die Akzeptanz etwa im Wartebereich vor den Achterbahnen sinkt, eine Maske zu tragen.“ Für die Mitarbeiter sei es eine Herausforderung, die Regeln immer wieder durchzusetzen. „Da passiert es schon mal, dass sie auch angegangen werden.“

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